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Super-GAU in Japan - Ärzte fordern weltweite Abschaltung aller Atomkraftwerke | Drucken |  E-Mail
Japan
Sonntag, den 13. März 2011 um 12:24 Uhr

Japanisches Fernsehen NHK World25 Jahre nach Tschernobyl und am Tag des Super-GAU in Fukushima hat die Ärzteorganisation IPPNW (Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung) die weltweite Abschaltung aller Atomkraftwerke gefordert. Die Risiken seien auch bei den angeblich sicheren Atomkraftwerken der westlichen Welt nicht beherrschbar. IPPNW-Sprecher Henrik Paulitz kommentiert: »Durch ein Erdbeben kann in einem Atomkraftwerk ein Störfall ausgelöst und zugleich können die dann erforderlichen Sicherheitssysteme zerstört werden. Durch das Erdbeben in Japan soll im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi die Kühlwassermenge gefährlich abgesunken sein. Die Notstromdiesel sind nicht angelaufen. Es kam zum gefürchteten "station blackout", dem Ausfall der Stromversorgung. Die für die Steuerung des Atomkraftwerks erforderlichen Batteriekapazitäten sind in zwei Blöcken nahezu erschöpft. Um die Batterien zu schonen, musste das Notkühlsystem abgestellt werden. Durch den Austritt von Kühlwasser über ein Leck steigt derzeit der Druck im Containment. Es besteht die Gefahr eines schweren Kernschmelz-Unfalls.« Offenbar ist dieser mittlerweile bereits eingetreten, auch wenn die japanische Regierung und die Atomkonzerne nur widersprüchliche Angaben machen. Die IPPNW weist darauf hin, dass die Bevölkerungsdichte in Japan rund 15fach höher ist als in der Tschernobyl-Region (Japan: 337 Einwohner/Quadratkilometer). Je nach Windrichtung und Wetterlage können die gesundheitlichen Auswirkungen in Japan dramatisch sein.



Die radioaktive Wolke werde allerdings nicht vor Japans Grenzen halt machen. Nach Tschernobyl wurde selbst im viele tausend Kilometer entfernten Japan erhöhte Radioaktivität festgestellt. Auch wenn vermutlich davon auszugehen ist, dass sich die Wolke in Japan mit den radioaktiven Isotopen in niedrigeren Luftschichten bewegen dürfte als nach Tschernobyl, sei eine weite Verbreitung der Gefahrstoffe in der nördlichen Hemisphäre nicht ausgeschlossen. Es sei zu befürchten, dass der japanische Fallout aufgrund der Anlagenunterschiede konzentrierter sein wird.

»Stets wurde uns von der deutschen Atomindustrie Japan als leuchtendes Beispiel für erdbebensichere Atomkraftwerke vor Augen geführt. Die Realität zeigt nun erneut, was von den Verlautbarungen dieser Branche zu halten ist«, unterstreicht Paulitz. »Auch in Deutschland gibt es massivste Probleme mit einer unzureichenden Erdbebenauslegung von Atomkraftwerken. Die IPPNW prangert schon seit vielen Jahren an, dass die hessische Atombehörde in Biblis nur eine Auslegung der Anlage gegen vergleichsweise schwache Erdbeben verlangt, obwohl am Standort laut Gutachten deutlich schwerere Erdbeben möglich sind (in der Fachsprache: Auslegung nur 50%-Fraktile statt 84%- oder 95%-Fraktile). Vermutlich sind alle Atomkraftwerke im Rheingraben und am Neckar durch an diesen Standorten mögliche Erdbeben gefährdet.« Am 23. Dezember 2010 erschütterte ein Erdbeben bei Mainz mit einer Stärke von 3,4 auf der Richter-Skala die Region nördlich des Atomkraftwerks Biblis. Vor der Errichtung von Biblis gab es in der unmittelbaren Umgebung des Atomkraftwerks-Standortes Erdbeben mit Stärken bis 5,3 (bei Lorsch bzw. Ludwigshafen/Worms). Ein solches Erdbeben könnte heute schlagartig zum Super-GAU führen, warnt die IPPNW, denn das Schutzniveau von Biblis gegen Erdbeben sei »nachweislich katastrophal schlecht«. Der RWE-Meiler Mühlheim-Kärlich wurde aus diesem Grund gerichtlich stillgelegt.

Ferner seien auch in Deutschland die Batteriekapazitäten in den Atomkraftwerken völlig unzureichend, die Notstromdiesel versagen bei Tests regelmäßig, die Notkühlsysteme weisen gefährliche Schwachstellen auf, die Notfallmaßnahmen sollen gerade bei den »neuesten« deutschen Atomkraftwerken nicht funktionieren, die Containments würden im Notfall über Leckagen Radioaktivität freisetzen, Wasserstoffexplosion könnten in die Katastrophe führen.

Atomkraftwerke benötigen normalerweise sehr viel Strom, um die großen, von Elektromotoren getriebenen Kühlwasserpumpen am Laufen zu halten. Batterien genügen dafür nicht. Dass sich die Anlage Fukushima Daiichi bisher offenbar mit Batterien über die Runden retten konnte, liegt daran, dass sie über eine dampfgetriebene Pumpe verfügt. Der Strom aus den Batterien dient hierbei nicht für den Antrieb, sondern nur für die Steuerung. Eine solche dampfgetriebene Pumpe war schon am 18. März 2001 beim vollständigen Stromausfall im taiwanesischen Atomkraftwerk Maanshan-1 die Rettung bei dem mehrstündigen »station blackout«. Das deutsche Atomkraftwerk Biblis B beispielsweise verfügt dagegen nicht über eine derartige dampfgetriebene Notkühlpumpe. Und es gibt noch einen weiteren, ganz wesentlichen Unterschied: In Biblis B reichen die Batterien zur Steuerung des Kraftwerks nur für größenordnungsmäßig zwei Stunden. Die Batterieversorgung in Fukushima Daiichi hingegen verfügt(e) über eine Batteriekapazität von sechs bis acht Stunden. Das ist ein ganz erheblicher Unterschied.

 

Quelle: IPPNW / RedGlobe

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