Samstag, 30. Juli 2016
Solidaritätsanzeige

Quelle: FacebookQuelle: Facebook»Flüchtlingskrise« ist zu einem der am meisten gebrauchten Begriffe in den Medien geworden. Dabei handelt es sich hier um eine – durchaus in wohlbedachter Absicht – falsch benutzte Vokabel. Soll uns doch durch die inflationäre Erscheinung dieses Wortes eingeredet werden, »die Flüchtlinge« seien das Problem.

Dementsprechend erfolgen auch die Reaktionen. Ebenso end- wie sinnlose Debatten über »Obergrenzen«, die Errichtung von Zäunen mit NATO-Draht, als befänden wir uns im Krieg, Grenzkontrollen im Schengen-Raum. Schlimmer noch die Forderung nach lückenloser Abschottung der EU-Außengrenzen, ausgerechnet an Griechenland gerichtet, das ohnehin unter den EU-Staaten die Hauptlast bei der Aufnahme von Flüchtlingen trägt. Und die Anführerin der auf Xenophobie geeichten »Alternative für Deutschland« fände es richtig, die Flüchtlinge mit gezielten Schüssen am Überqueren von EU-Grenzen zu hindern.

Nein, Frau Petry von der AfD ist keine »Außenseiterin«. Ihr laufen – wie einst dem Rattenfänger von Hameln – Zehntausende Deutsche hinterher; bei den bevorstehenden Wahlen werden dieser Truppe zweistellige Ergebnisse vorausgesagt. Ebenso wie gewisse Scharfmacher in der bayerischen CSU sind die AfD-Leute Stichwortgeber für Parolen, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten und auch die Politik der deutschen Regierung immer mehr beeinflussen. So traut sich Frau Merkel kaum noch, der Obergrenzen-Forderung zu widersprechen, und sie hat sich längst von der ihr unterstellten »Willkommenskultur« distanziert. Asylbewerber schneller abschieben, heißt die Devise, viele Asylsuchende gar nicht erst ins Land hineinlassen. Die BRD-Regierung erklärt serienweise Länder zu »sicheren Herkunftsländern«, wider besseres Wissen. Dazu soll auch Afghanistan gehören, einer der gescheiterten Staaten in Folge einer verfehlten Politik nach einer auf der ganzen Linie gescheiterten Militärinvasion.

Es ist wahr, dass eine kritiklose »Willkommenskultur« nicht die Lösung sein kann. »Refugees welcome« ist eine gut gemeinte Idee, vor allem deshalb, weil sie sich gegen die zunehmend gewalttätigen Ausländerhasser richtet und den Gedanken an Menschlichkeit und Solidarität fördert. Es ist jedoch sinnlos, auch nur darüber nachzudenken, alle von Krieg und Krisen bedrohten Menschen in Europa aufzunehmen. Das kann schon deshalb keine Lösung sein, weil es in den meisten Fällen eben nicht die am meisten bedrohten Menschen sind, die sich auf den Weg machen, nicht die Ärmsten der Armen, weil nämlich die sich die Flucht überhaupt nicht leisten können. Ein großer Anteil der Asylsuchenden sind Menschen mit mittlerer bis guter Ausbildung, Menschen, die irgendwann in ihren Heimatländern gebraucht werden und nicht den westlichen Unternehmen als billige Arbeitskräfte dienen sollten.

Es ist höchste Zeit, über die wirklichen Ursachen der Massenflucht nachzudenken und dagegen aktiv zu werden. Dabei steht eine tatsächlich ernst gemeinte Suche nach einer Auflösung des Konflikts in Syrien an erster Stelle. Allerdings verhalten sich die meisten Staaten des Westens eher wie Brandstifter statt wie Feuerwehrleute, indem sie die haßerfüllte Exil-Opposition und deren bewaffnete Gruppen weiterhin unterstützen bei deren Forderung »Assad muß weg« – statt diese Leute dazu zu bringen, sich endlich an den gemachten Tisch zu setzen und über Wege zum Frieden zu reden.

Solange diese Situation weiter besteht, bleiben alle »Rezepte« gegen die Massenflucht absolut untauglich.

Uli Brockmeyer, Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek