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»Zigeuner« unerwünscht | Drucken |  E-Mail
Serbien
Geschrieben von: Zoran Sergievski   
Mittwoch, den 11. April 2012 um 00:18 Uhr

Roma in Belgrad. Foto: Milos MilosevicIm Belgrader Außenbezirk Resnik kam es am vergangenen Sonntag zu Ausschreitungen zwischen Anwohnern und der Polizei. Wie die Nachrichtenagentur Tanjug mitteilte, seien die Beamten mit Steinen und Ziegeln angegriffen worden. Beim Versuch, die Aufstellung von Wohncontainern zu sichern, wurden ein Dutzend Beamte leicht verletzt. Sie wurden in einem Lazarett in der serbischen Hauptstadt versorgt und noch am selben Tag entlassen. Laut einer schwammigen Mitteilung der Polizeigewerkschaft hätte sich die Exekutive zur Lösung des Aufruhrs „gesetzlich gedeckter Vollmachten“ bedient. Bei dieser vor „Toleranz“ und sehr hoher „Professionalität“ strotzenden Lösung wurden zwei Zivilisten am Kopf verletzt. Der jüngere (25-jährige) der beiden erlitt durch die volle Macht auch einen Bruch der Elle.

Occupy Bonzenghetto

Die 80 Container, um die sich die Aufregung dreht, sollen künftig etwa 20 Roma-Familien beherbergen. Die Zwangsumsiedlung sei aufgrund „hygienischer Notstände“ überfällig. Die Siedlung im hässlichen Plattenbau-Viertel Novi Beograd sei eine „Zumutung“ für die Gesundheit der Roma. Deshalb seien die protestierenden Anwohner Rassisten, so Bürgermeister Dragan Djilas. Die elf Kilometer südliche Verschiebung verkauft das Rathaus also als humanitäre Tat. Gut möglich, dass die Leute in Resnik – wie in vielen anderen Teilen Serbiens auch – antiziganistisch eingestellt sind. Sprich: rassistische Vorurteile gegen „Zigeuner“ hegen und pflegen. Aber Resnik befindet sich auch am anderen Ende der serbischen Hauptstadt. Und das ist der Punkt, der Djilas zum Heuchler macht: kein Investor oder reicher Wohnungskäufer interessiert sich für diese Gegend. Sie ist weitab des Zentrums und der beiden Strome. Resnik ist gerade gut genug für vermeintlich gesunde Wohncontainer, in denen Roma hausen sollen.

Die provisorische Siedlung nämlich – unhygienisch oder nicht – befindet sich in einer urbanen Oase in Novi Beograd. Genauer gesagt in Block 67. Seit der Errichtung von Neubauten zwischen 2007 und 2009 heißt der Block offiziell „Belville“. Über 14 nach Pflanzen benannte Gebäude mit rund 2000 Eigentumswohnungen, 300 Geschäftslokalen und unterirdischen Garagen sollen zahlungskräftige Kunden locken. Zu diesem kleinen Bonzenghetto gehören auch ein riesiges Einkaufszentrum und weitläufige Grünflächen. Der schmucke Komplex hebt sich deutlich vom 60er-Jahre-Ostblockgrau der Gegend ab. Belville wird von einem Konsortium aus dem US-Immobilienriesen Delta Real Estate und der bayrisch-kärntner Pleitebank Hypo Alpe Adria verwaltet. Letztere bietet praktischerweise Kredite für Kauflustige an. Mit einer Romasiedlung vor der Tür lassen sich anscheinend schlecht Geschäfte mit Wohlhabenden machen. Achtung, Sarkasmus: was schlecht für die Wirtschaft ist, kann kaum gut für das Belgrader Rathaus sein. Deshalb muss man die Roma aus Block 67 rausschmeißen. Noch kampieren hier etwa 200 Familien.

Djilas Aussage wirkt umso heuchlerischer, als eine seit Jahren bestehende Roma-Siedlung aus Blech- und Papphütten am Belgrader Donauufer dem Vergessen und dem Müll der Millionenstadt preisgegeben wird. Die überquellende Siedlung unterhalb einer wichtigen Brücke ist die Heimat mehrerer tausend Menschen.

Besoffener Brandstifter

Am Montagabend wehrten sich 200 Demonstranten in Resnik gegen Djilas Rassismus-Vorwürfe und verwiesen auf angebliche Roma in den eigenen Reihen. Ende März bestätigte das Belgrader Berufungsgericht übrigens eine zweijährige Bewährungsstrafe gegen Nemanja V. V. hatte am 5. April 2009 bei einer ähnlichen Kundgebung im ostserbischen Boljevac einen Anschlag auf einen Roma-Container verübt. Dabei warf der alkoholisierte V. einen Molotow-Cocktail durch ein offenes Fenster. Auch in Boljevac sind Roma aus Belville untergebracht. Beobachter vermuten, die Strafe sei deshalb so gering ausgefallen, weil kein Mensch ernsthaft zu Schaden kam. Eine Tanjug-Meldung vom Montag hatte den falschen Eindruck vermittelt, V.‘s Berufungsverfahren sei erst diese Woche geendet.

Unterer Rand

Anlässlich des Internationalen Tags der Roma und Sinti haben Minderheiten-Vertreter darauf verwiesen, dass Roma weiterhin die „gefährdetste Gruppe“ der serbischen Gesellschaft seien. Laut Nevena Petrusic, der nationalen Ombudsfrau für Gerechtigkeit, sei im vergangenen Jahr die Zahl der antiziganistischen Straftaten angestiegen. Darunter zählt sie insbesondere gegen Roma und Sinti gerichtete Droh-Graffitis. „Es gab auch einige Fälle, bei denen junge Roma-Burschen und -Mädchen angegriffen wurden. Es wurden Fensterscheiben von Objekten eingeworfen, die Mitgliedern der Roma-Community gehören“, so Petrusic gegenüber Tanjug. Sie wies auch auf die besondere Stellung der Roma-Frauen hin. Diese seien einer Doppelbelastung – als Frau und als Roma – beziehungsweise doppelten Diskriminierung ausgesetzt. Abgesehen von Behördenschikanen, Bildungs- und Jobfragen seien Roma gerade in der Gesundheitsversorgung und auf dem Wohnungsmarkt am stärksten benachteiligt. In Belville und anderen Orten wird also sicher nicht aus Spaß oder einer vermeintlichen Nomaden-Nostalgie kampiert. Der wahre Grund ist einfach: Armut.

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