20 | 06 | 2019

Mittlerweile hat die EVG einen Tarifabschluss mit der Deutschen Bahn abgeschlossen. Am Montag wurde bundesweit gestreikt. Der Streik war für viele Reisende eine nervige Angelegenheit, doch für die Bahn-Angestellten das kräftigste Argument gegen ihre Chefs. Aber worum ging es überhaupt bei dem Streik?

POSITION: WAS HATTET IHR IN DEN VERHANDLUNGEN BISHER ERREICHEN KÖNNEN UND WARUM KAM ES DOCH ZUM ABBRUCH?

Jannek: In den Tarifverhandlungen konnte bereits einiges für die KollegInnnen herausgeholt werden, für Nachwuchskräfte besonders in einem eigenen Tarifvertrag. Neben 28 Tagen Mindesturlaub umfasste das auch einen erhöhten Mietkosten-Zuschuss. Nun in der letzten Runde ging es um die Erhöhung der Ausbildungsvergütung und der Studienvergütung um 150 Euro monatlich. Doch die Bahn wollte unterm Strich weniger zahlen und das auch noch über einen längeren Zeitraum als eigentlich verhandelt. Das hat unsere Tarifkommission dann einstimmig abgelehnt, weswegen die EVG dann zum Streik aufgerufen hat.

BEI EUCH BAHNERINNEN SPIELT AUCH DAS THEMA ARBEITSZEITVERKÜRZUNG EINE GROßE ROLLE. WARUM?

Jannek: Nicht nur bei der Bahn, sondern überall wird immer weniger menschliche Arbeit benötigt, um das gleiche zu produzieren. Daher müssen wir überall dafür kämpfen unsere Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich zu verkürzen. Schon vor zwei Jahren konnten wir bei der Bahn ein neues Wahlmodell durchdrücken, wodurch wir erste Schritte in die Arbeitszeitverkürzung gegangen sind. Doch die Bahn hat Angst, dass wir an diesem Punkt weitermachen.

WAS KÖNNT IHR MIT DEM MITTEL DES STREIKS ERREICHEN?

Jannek: Mit unserem Streik geht es darum, dem Vorstand zu zeigen, wer eigentlich die Macht im Betrieb hat. Denn nicht der Vorstand realisiert den Bahnbetrieb, sondern das tun die Kolleginnen und Kollegen tagtäglich mit ihrer Arbeit. Dass durch den Streik Reisende auf der Strecke bleiben, ist bedauerlich. Die Schuld dafür trägt aber nicht der einfache Bahn-Mitarbeiter, sondern die Bahn-Chefs, die nicht bereit sind, ordentlich mit ihren Angestellten umzugehen. Denn dafür müssten sie auf Gewinne verzichten.

Das Problem geht uns übrigens alle an, schließlich gehört die Bahn zu 100% dem deutschen Staat. Doch der lässt den öffentlichen Schienenverkehr verkommen. Jahrelanger Ausbildungsstopp hat zu einer desolaten Personalsituation bei der Bahn geführt. In der Instandhaltung der Züge und Infrastruktur sowie im Fahrbetrieb fehlen tausende Arbeitsplätze. Zugausfälle und Verspätungen sind damit vorprogrammiert.

VIELE SIND DER ANSICHT, DASS DER STREIK DAS „LETZTE MITTEL“ IST UND IHR BESSER ZURÜCK AN DEN VERHANDLUNGSTISCH KOMMEN SOLLT. WAS SAGST DU DAZU?

Jannek: Obwohl die Deutsche Bahn AG im letzten Jahr 2,15 Milliarden Euro Gewinn verzeichnen konnte, hat uns der Vorstand nur ein lächerliches Angebot unterbreitet. Wir wollen etwas abhaben von dem, was mit unserer Arbeit erst möglich wurde, uns steht mehr Urlaub und weniger Wochenarbeitszeit zu. Doch der Bahn-Konzern will das nicht finanzieren. Um die weiteren Gewinnerwartungen zu erreichen, hat der Konzern bereits vor einigen Wochen einen Ausgabenstopp festgelegt. Die Bahn beweist uns damit sehr deutlich, dass es zwischen uns und den Bossen keine „Sozialpartnerschaft“ gibt. Der erfolgreiche Streik beweist hingegen, dass das alte Arbeiterbewegungs-Sprichwort wahr ist: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“.

[Das Interview führte Mark, München]
Jannek Pessel (24) ist gelernter Fahrdienstleiter und Vorsitzender der Gesamt-Jugend- und Auszubildendenvertretung bei der DB Netz AG. Er ist außerdem im Netzwerk „Bahner in der SDAJ“ aktiv.

[Das Interview wurde vor dem Tarifabschluss geführt: Anfang Dezember hat die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zum Streik aufgerufen, nachdem sie sich mit den Arbeitgebern auf kein Ergebnis einigen konnte. Die Bahn musste wegen der EVG-Arbeitskampfmaßnahmen den gesamten Fernverkehr einstellen und auch der Regionalverkehr war in vielen Gegenden massiv gestört. Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe war noch nicht klar, wie die Bahn auf den Streik reagiert und ob sich die konkurrierende Gewerkschaft GDL mit der Bahn einigt oder auch in den Streik eintritt. Vor der letzten GDL-Verhandlung sagte ihr Vorsitzender, dass er den Eindruck hat, „dass die Bahn wirklich offen und ergebnisorientiert verhandelt und an einer Einigung interessiert ist.“ – Nun gibt es einen Tarifabschluss mit der EVG.]

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Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Quelle:

SDAJ - Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend

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