In diesen Tagen stehen einige Berufsgruppen an vorderster Front, wenn es darum geht, das öffentliche Leben und die Versorgung der Menschen aufrecht zu erhalten. In den sozialen Medien häufen sich Aufrufe, für Gesundheitsbedienstete zu applaudieren oder sie generell mit mehr Respekt in diesen Zeiten zu behandeln. Das ist einerseits ein nobles Ansinnen, andererseits aber mögen sich manche Beschäftigte etwa aus dem Einzelhandel wundern, warum dies nur in Krisenzeiten möglich ist. Denn in »normalen Zeiten« davor und auch ganz sicher wieder danach, kämpfen diese Menschen täglich um Anerkennung, gerechte Löhne und eine annehmbare Arbeitsqualität.

Dasselbe gilt für den Gesundheitssektor, wo Personalmangel und Arbeitsdruck, gepaart mit niedrigen Löhnen ebenso an der Tagesordnung sind. Was wir in diesen Tagen, da das Corona-Virus uns überrollt, erleben, ist die Fragwürdigkeit gesellschaftlicher Prioritäten. Im Allgemeinen gelten Broker, Banker (nicht Bankangestellte) und andere Profiteure des neoliberalen Weltbilds als diejenigen, die in dieser Welt etwas bewegen und zu denen wir aufschauen sollen.

Wer im Supermarkt an der Kasse sitzt und mit seinem kleinen Lohn kaum über die Runden kommt, darf sich jede Woche anhören, wenn er etwas »vernünftiges« gelernt hätte, müsse er nicht dort sitzen. Pflegekräften geht es ähnlich, deren Lohn fürs »Hintern abwischen« ja wohl reiche. Während genau diese Berufsgruppen zu normalen Zeiten mit Herablassung gestraft werden, möchte man ihnen in diesen Zeiten Respekt zollen. Der Respekt sollte darin bestehen, wenn die Corona-Krise vorüber ist, diese warmen Worte von heute nicht zu vergessen, insbesondere in der Politik nicht. Wir denken da unter anderem an das unrühmliche Winden des Cactus-Konzerns gegen einen neuen Kollektivvertrag, was noch gar nicht so lange her ist.
Doch es zeigt sich, daß sogar in der Krise weiter versucht wird, an Stellschrauben zu drehen, die in einigen Wochen und Monaten sicher nicht zurückgestellt werden: Im Einzelhandel wird vielerorts über generelle Sonntagsöffnungen diskutiert, um die Lebensmittelversorgung der Menschen derzeit aufrecht erhalten zu können. Ob dies nötig ist, steht zu bezweifeln, und es trifft darüber hinaus das Personal besonders hart.

Eine weitere Forderung, die in dieser Woche aus der deutschen Lebensmittelindustrie kommt ist, die Lenkzeiten für Lkw-Fahrer zu deregulieren, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherstellen zu können. Auch hier muß sehr genau geprüft werden, was nötig ist und was nicht. Die Lenkzeiten sind in normalen Zeiten bereits am Limit. Dies stellt eine Gefahr für die Fahrer dar.

In diesem Sinne sollte also grundsätzlich immer geprüft werden, was nötig ist und ganz besonders, daß zeitweilige Verschlechterungen im Sinne der Corona-Krise anschließend wieder zurückgefahren werden.

Am schönsten wäre es jedoch, wenn sich die Unternehmen dann im Handel mit einem flächendeckenden Tarifvertrag bei ihrem Personal bedanken würden oder die Regierung ganz einfach den besten als allgemeingültig erklären würde und auch im Gesundheitssektor deutliche Verbesserungen kämen. Der Applaus der Beschäftigten währe ihnen sicher.

Christoph Kühnemund

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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