Die angesichts des im März grassierenden COVID19-Virus von der Regierung getroffenen Quarantäne-Maßnahmen haben sich nicht nur negativ auf die volkswirtschaftliche Entwicklung ausgewirkt – also die kapitalistische Überproduktionskrise sowie Monopolisierungstendenz beschleunigt und vertieft -, sondern auch auf das psychische Wohlbefinden sowie die schulischen Leistungen vieler Kinder und Jugendlicher.

Die fehlenden Kontakte zu Freunden und Mitschülern, die abhanden gekommene soziale Interaktion in den Klassen, die nicht mehr erlebte pädagogische Methodenvielfalt im Unterricht und die nicht mehr stattgefundene anschauliche Vermittlung von Wissen bzw. eventuelle Anregung zu kritischem Denken in den Lerngruppen, das fehlende direkte Feedback der Lehrkräfte, die ausgefallenen Nachhilfekurse usw. haben gerade bei den Schülern, die bereits vor dem sogenannten »Lockdown« aus unterschiedlichen Gründen mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen hatten, zu drastischen Lernprozess-Erschütterungen geführt.

Die Umstellung des Unterrichts an allen Luxemburger Schulen auf Online-Fernkurse oder digitale Kommunikationsplattformen konnte dieser schulischen Regression – trotz des Engagements der Lehrkräfte – nicht Einhalt gebieten.

Im Gegenteil, die Gräben zwischen den Schülern mit Bildungsproblemen und den Schülern mit adäquaten schulischen Leistungen wurden tiefer. Dabei blieb es allerdings nicht, denn auch die Schüler aus den oftmals – kapitalistisch bedingt – eher «bildungsfernen» Arbeiter- oder einkommensschwachen Familien, in denen die Eltern trotz »Corona« weiterhin ihrer Lohnarbeit nachgehen mussten und deshalb nicht die Zeit für Nachhilfe aufbringen konnten, gerieten durch die ausbleibende Unterrichtszeit gleichsam in Schieflage.

Diese Kinder sind ins schulische Hintertreffen geraten und müssen die Rückstände nun zur «Rentrée» – zusätzlich zu dem neuen Lernstoff – aufarbeiten. Die Quadratur des Kreises?

Ohne die nötige Hilfestellung mittels Nachhilfe- und Aufarbeitungskurse wird hier zweifellos eine Generation mit enormen Bildungsdefiziten heranwachsen. Dies scheint nun auch Minister Meisch erkannt zu haben, zumindest hat er im Sekundarschulbereich eine zwanzigprozentige Erhöhung der Förderstunden in Aussicht gestellt, allerdings erst nachdem die Gewerkschaften, allen voran das SEW, Alarm geschlagen haben (und zwar bereits während der Quarantänezeit!).

Es ist wahrlich an der Zeit, dass das Bildungsministerium neue Prioritäten setzt, anstatt mit Propagandakampagnen den Einbruch des digitalen Zeitalters zu feiern und einhergehend mit diesen millionenschwere Exklusivverträge mit privaten US-amerikanischen Konzernen wie »Apple« für Tablets und »Microsoft« für Programmlizenzen abzuschließen.

Anstatt also die digitale Souveränität aus den Händen zu geben – mit modulierbaren »open source«-Programmen und der Schaffung einer darauf spezialisierten Informatiker-Abteilung wäre dies nicht der Fall – und die Schüler Luxemburgs indirekt den Unternehmen als potentielle »consumer« (zahlende Kunden) zu vermitteln, täte der Bildungsminister gut daran, das Problem der sozialen Bildungskluft langfristig in Angriff zu nehmen, z.B. – wie von den Gewerkschaften gefordert – durch die radikale Reduzierung der »Klasseneffektive« und durch die Ausarbeitung eines durchdachten Rekrutierungsprogrammes für den zwar recht schwierigen, doch sehr schönen Beruf des Lehrers.

Oder ist es, was die Zukunft unserer Gesellschaft anbelangt, seitens der Regierung nur von Belang breit angelegte Werbekampagnen für Berufe in der Armee oder in den »forces de l’ordre« zu schalten, damit die Anwärter in eventuellen künftigen Kriegseinsätzen oder bei der Eindämmung von Protesten und Streiks zum Schutze der herrschenden Ausbeuterklasse verfeuert werden können? Honni soit qui mal y pense.

Alain Herman

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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