Nach über dreimonatiger Zwangspause aufgrund geschlossener Grenzen und logistischer Unmöglichkeiten in Italien und ganz Europa startete die Sea-Watch 3 am 6. Juni in ihren ersten Einsatz seit Beginn der COVID19-Pandemie. Nach eineinhalb Wochen im zentralen Mittelmeer, geprägt von völkerrechtswidrigen Abfangaktionen durch die EU-finanzierte, sogenannte Libysche Küstenwache sowie zwei Bootsunglücken mit 12 und 54 Toten, konnte die Crew am heutigen Morgen über 90 Menschen von einem Schlauchboot in Seenot retten.

Nach Monaten, in denen Flüchtende hier nur mit der kalten Ignoranz des europäischen Grenzregimes konfrontiert waren, sind wir froh, heute fast 100 Menschen vor dem Verschwinden in einem nassen Grab oder libyschen Lagern retten zu können”, sagt Einsatzleiter Philipp Hahn an Bord der Sea-Watch 3. “Wenn uns die Corona-Pandemie eines gezeigt hat, dann dass wir global aufeinander angewiesen sind. Kein Mensch sollte hier auf hoher See zwischen Tod und Teufel zurückgelassen werden.

Die Schiffbrüchigen wurden durch die Sea-Watch-Crew etwa 29 Seemeilen vor Az-Zawiya, Libyen, in internationalen Gewässern an Bord genommen. Unter ihnen befinden sich etwa 20 Frauen und Kinder, sowie mehrere Verletzte (u.A. durch chemische Verbrennungen vom Treibstoff-Salzwasser-Gemisch im Schlauchboot), die im Schiffshospital versorgt werden. Ihr überfülltes Boot war zuvor von der Besatzung der Sea-Watch 3 auf Patrouille gesichtet worden. Das Sea-Watch Suchflugzeug Moonbird entdeckte kurz nach der Rettung bereits ein zweites Boot mit etwa 70 Personen in Seenot. Aufgrund der günstigen Wetterlage ist von möglichen weiteren Fällen auszugehen.

Nach der willkürlichen Festsetzung der Rettungsschiffe Alan Kurdi (Sea-Eye) sowie Aita Mari (SMH/Maydayterraneo) durch italienische Behörden sowie den durch die COVID19-Pandemie bedingten, erheblichen logistischen Schwierigkeiten, ist die Sea-Watch 3 seit über acht Wochen das erste Rettungsschiff, das an der tödlichsten Grenze der Welt patrouilliert. In diesen acht Wochen waren über 35 Boote auf dem Weg nach Europa gemeldet worden, von denen viele durch die EU-gestützte sogenannte Libysche Küstenwache abgefangen und zurück in das vom Krieg zerrüttete Land verschleppt wurden.

Gleich zu Missionsbeginn der Sea-Watch 3, am Wochenende des 6. Juni, war es bei einem Schiffbruch vor der Küste Tunesiens zu mindestens 54 Toten gekommen. Am vergangenen Wochenende waren 12 Menschen bei einem Unglück in unmittelbarer Nähe des heutigen Einsatzortes ums Leben gekommen. 20 Überlebende wurden zurück nach Libyen gebracht, wo ihnen rechtswidrige Inhaftierung, Folter, Vergewaltigung und Zwangsarbeit drohen.

Die europäische Politik empört sich im Moment gern über rassistische Polizeigewalt in den USA. Aber hier draußen, wo Black Lives seit Jahren immer weniger zählen, ringen tausende um Atem, ganz, ohne dass die Behörden ihnen physisch im Nacken knien müssten“, erklärt Chris Grodotzki von Sea-Watch und fügt an: “Auch das ist systemischer Rassismus.

Quelle:

Sea Watch