Angesichts der Massenentlassungen, die in der offenbar noch Monate anhaltenden Coronakrise trotz der großzügigen Staatshilfen für so ziemlich alle Betriebe – und dazu zählt auch die tausendfache Übernahme des Kurzarbeitergeldes, das ja den vom Patron geschuldeten Lohn ersetzt, durch den Staat – drohen, ist es an der Zeit, daß die Gewerkschaften ihre Forderung nach kollektiver Arbeitszeitverkürzung wieder in den Mittelpunkt ihrer Kollektivvertragspolitik, ja ihrer gesamten Politik, stellen.

Die Verkürzung der wöchentlichen und der Lebensarbeitszeit ist der zentrale strategische Hebel der Gewerkschaften gegen Massenarbeitslosigkeit. Denn nur durch eine Umverteilung der Arbeit kann der dem Kapitalismus innewohnende Mechanismus, daß jegliche Produktivitätssteigerung über kurz oder lang automatisch zur Vernichtung von Arbeitsplätzen führt, wirksam gekontert werden.

Arbeitslosigkeit ist im Grunde nichts anderes als nichtdurchgesetzte Arbeitszeitverkürzung plus nichtverhinderte Arbeitszeitverlängerung. Zu letzterem ruft die Brüsseler EU-Kommission die Mitgliedstaaten regelmäßig auf, wenn sie deren Regierungen zu einer weiteren Anhebung des Rentenalters drängt.

Doch wer die Schaffenden für die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mobilisieren will, muß ihnen erst unmißverständlich klarmachen, daß ihre Einkommen dadurch nicht in Gefahr geraten, und daß das Patronat den ihm gerade abgerungenen Verlust nicht wie früher durch Arbeitsintensivierung ausgleicht.

Denn eine Verkürzung der Wochen- und Lebensarbeitszeit, die mit Einbußen einhergeht, wird mit Sicherheit von einem Großteil der Schaffenden abgelehnt werden, weil vor allem jene, die mit dem Mindestlohn oder ein wenig mehr abgespeist werden, schlicht auf nichts mehr verzichten können.

Außerdem sollte es in Auseinandersetzungen mit dem Patronat um einen neuen Kollektivvertrag vor allem um eine Umverteilung zwischen Kapital und Arbeit gehen und nicht um eine bloße Umverteilung innerhalb der eigenen Klasse.
Zweitens muß aufgeräumt werden mit der vom Patronat in erpresserischer Absicht verbreiteten Illusion, nur durch den Verzicht der Schaffenden könnten ihre Arbeitsplätze langfristig abgesichert werden.

Dazu muß den Schaffenden klargemacht werden, daß sie im Kapitalismus zwar auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind, nicht aber auf den Erhalt eines bestimmten Postens. Denn der ist durch die ständige Rationalisierung, Dequalifizierung und vor allem durch die Anarchie auf kapitalistischen Märkten ohnehin immer wieder bedroht.

Diese, zur herrschenden Gesellschaftsformation wie das Amen in der Kirche gehörende, Unsicherheit zu erkennen, ist die wichtigste Voraussetzung dafür, den kollektiven Kampf für gesellschaftliche Veränderungen als Ausweg zu begreifen. So wird die Angst um den Arbeitsplatz zum Ausgangspunkt eigener Aktivität, ohne die jegliche Veränderung unmöglich ist.

Und noch einen Aspekt sollten jene, die für eine Verkürzung der Arbeitszeiten streiten wollen, in ihrer Argumentation herausstellen: den der Humanisierung. Denn Arbeitszeitverkürzung ist nicht nur ein Mittel zur Umverteilung von Beschäftigung, sondern auch zur Verbesserung der eigenen Arbeitsbedingungen und für bessere Lebensbedingungen für die ganze Familie.

Oliver Wagner

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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