Mehrmals haben wir versucht zu verdeutlichen, warum es innerhalb der ehemaligen aufständischen Bewegung FARC-EP, unterschiedlich agierende und sich auch bekämpfende Strukturen gibt, die nun wieder zu den Waffen gegriffen haben. Klar differenzieren werden muss hier zwischen den beiden Linien der FARC-EP, die unter dem Kommando der Frente Primero Armando Ríos [Erste Front Armando Ríos] und auch im Westen unter dem neu entstanden Westliches Koordinationskommando auf der einen Seite sowie der Organisation Zweites Marquetalia auf der anderen Seite entstanden sind.

Erstgenannte haben sich bereits während des Friedensabkommens von der Verhandlungslinie der FARC-EP entfernt und bereits vor dem Friedensschluss verkündet, dass Erbe der FARC-EP als bewaffnete Organisation fortzuführen. Um die Erste Front scharten sich viele andere Personen (Guerillakämpfer und Milizionäre), so dass weitere Fronten entstanden sind. Auch im Westen (Cauca, Nariño) gab es Strukturen, die sich dem Friedensschluss verweigerten und zuerst nebenher agierten. Erst vor einem Jahr ist mit dem Westliches Koordinationskommando ein einheitliches Kommando der verschiedenen Gruppen entstanden, dass gute Kontakte zu den Strukturen der Ersten Front im Osten des Landes unterhalten.

Die Organisation Zweites Marquetalia ist von Guerillakämpfern und vor allem ehemaligen hochrangigen Kommandierenden entstanden, die am Friedensprozess beteiligt waren und erst im Zuge der Nichteinhaltung von Seiten der Regierung und dem Erkennen der Farce eines sogenannten Friedensabkommens wieder zu den Waffen gegriffen haben. Hierunter befindet sich neben dem ehemaligen Verhandlungsführer Iván Márquez auch Jesús Santrich, El Paisa oder Romaña, allesamt bekannte Kommandierende. Bisher tritt das Zweite Marquetalia vor allem im politischen Kontext auf und hat nur wenig militärische Schlagkraft.

Im Gegenteil dazu haben erstgenannte Strukturen im Osten wie die Fronten 1, 7 und 40 sowie im Westen unter dem Koordinationskommando eine enorme militärische Schlagkraft aufgebaut, die es ihnen ermöglich, vor allem im Südwesten im Cauca und Nariño, sowie im Osten und Südosten wie in Caquetá, Meta, Guaviare und Putumayo wieder politische und militärische Kontrolle zu übernehmen. Auseinandersetzungen zwischen den bewaffneten Organisationen, wie dem ELN, den Paramilitärs, aber auch der FARC-EP, zweites Marquetalia, bleiben da nicht aus. Leidtragend ist häufig die Zivilbevölkerung inmitten dieser Kämpfe und territorialen Auseinandersetzungen.

Ein am 14. August veröffentlichtes Kommuniqué beschreibt aus Sicht des Westlichen Koordinationskommandos die inhaltlichen politischen Differenzen zwischen den ehemaligen Strukturen aus der FARC-EP. Originale Fragmente des Kommuniqués sind schraffiert:

Aus dem Kommuniqué mit Namen Notwendige Klarheiten:

Es ist offensichtlich, dass diejenigen, denen wir heute gegenüberstehen, mit den Streitkräften gegen unsere Organisation FARC-EP verbündet sind, nicht nur im Bereich der militärischen Konfrontation, sondern auch im Bereich der Propaganda, alle versuchen, dem Prinzip der Nazi-Propaganda treu zu bleiben: „Eine tausendmal wiederholte Lüge wird zur Wahrheit.“ Damit wollen sie unsere Arbeit als revolutionäre Organisation verzerren und uns als Drogenhändler, Paramilitärs, Kriminelle bezeichnen, wobei sie denselben Diskurs der nationalen Regierung, des Militärs und der Polizei verwenden. Wissend, dass die Gemeinschaften, durch die wir uns bewegen und von denen wir uns täglich ernähren, nicht auf ihre Täuschungen hereinfallen, denn unsere Arbeit unterstützt uns.

Um die Wahrheit zu würdigen und mit Respekt und der Ernsthaftigkeit, die die Gemeinschaften verdienen, möchten wir einige Dinge aufklären, die unsere militärischen Aktionen gegen die Gruppe, die sich Segunda Marquetalia [Zweites Marquetalia] nennt, gegen diejenigen, die behaupten, von der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) zu sein und gegen die paramilitärischen Gruppen im kolumbianischer Westen, rechtfertigen:

Zu unserer Konfrontation mit der Organisation Zweites Marquetalia:
Das Zweite Marquetalia ist eine Organisation, die im September letzten Jahres gegründet wurde und von jenen geleitet wurde, die bis zum Ende Förderer und Unterzeichner des „Friedensabkommens“ waren und sich jederzeit der Täuschung bewusst waren: Verstöße gegen die ehemaligen Kämpfer und das kolumbianische Volk und trotzdem haben sie diese Vereinbarung unterschrieben. Wir haben versucht, uns mit ihnen zu vereinen, aber ihr Chef Ivan Márquez gab vor, dass unsere mehr als vierjährige Organisationsarbeit an seine anderen Chefs übergeben werden musste, die nur daran gewöhnt sind, Truppen zu befehligen und die das Scheitern der FARC-EP in ihren Händen hielten. Sie sind Komplizen durch Handlung oder Unterlassung und müssen sich vor dem kolumbianischen Volk verantworten. In der vergangenen Woche haben wir bewaffnete Konfrontationen gegen diese Gruppe abgehalten und werden sie auch weiterhin führen. Wir können nicht offenzulassen, dass sie kommen und Kolumbien sagen, dass sie die FARC-EP sind, als sie genau diejenigen waren, die versucht haben, unsere revolutionäre Organisation zu zerstören.

In seiner Eröffnungsrede erklärte Iván Márquez klar, dass sie nicht die Militär- und Polizeikräfte konfrontieren wollen, einer populistischen Position, die die Realität leugnet. Wie kann man den Streitkräften nicht konfrontieren, wenn sie diejenigen sind, mit denen die kolumbianische Regierung das Volk unterdrückt und ermordet? Wie kann man so tun, als würde man die Oligarchie angreifen, ohne sich zuerst den Militär- und Polizeikräften zu stellen, die ihr Schutzschild sind? In der jüngsten Erklärung der Organisation Zweites Marquetalia im Cauca heißt es: „Die einzig gültige Auferlegung wird immer auf der Finanzierung der Rebellion beruhen … was für die multinationalen Unternehmen gilt, die unseren Reichtum plündern.“ Wir können nicht mit einer Organisation gemein sein, die ein Komplize bei der Zerstörung der Umwelt und gemeinsamer Güter wie Wasser und Wälder wird und alle Widerstandsaktionen des kolumbianischen Volkes gegen multinationale Unternehmen ignoriert. Wir können einer Organisation nicht zustimmen, die behauptet, farianisch [die farianische Kultur ist die Guerilla-Kultur] zu sein und unserer Bolivarischen Plattform widerspricht. Wir stehen gegen das Zweite Marquetalia, das öffentlich erklärt, dass sie sich den Streitkräften nicht stellen und Vereinbarungen mit multinationalen Unternehmen treffen werden.

Es folgen klarstellende Äußerungen zum ELN und zu den paramilitärischen Gruppen. Zum Ende wird noch einmal ein Rundumschlag präsentiert:

Wir, die FARC-EP, die im Comando Coordinador de Occidente [Westliches Koordinationskommando] umfasst sind und dem kolumbianischen Staat niemals Waffen übergeben haben und noch weniger Teil der Farce des Friedensabkommens waren, möchten klarstellen, dass wir weiter kämpfen, das es normal ist, dass sie schlecht von uns reden, der kolumbianische Staat hat es immer getan und jetzt verbünden sich diese Gruppen, aber die Gemeinschaften wussten immer, wer wir sind und wie wir handeln, wir haben keine Angst vor dem Propagandakrieg. Wir bitten um Ruhe, lassen uns nicht von Gruppen einschüchtern, die nicht in Gebieten anwesend sind, wie das ELN in Algeria und El Tambo. Stoppt nicht eure wirtschaftlichen Aktivitäten, die es euch ermöglichen, eure Familien mit Essen zu versorgen. Ihr könnt normal weiterarbeiten. Wir sind auf eurer Seite und werden zusammen mit euch das neue Heimatland aufbauen wo all die Sorgen, die Bauern, Indigene und Schwarze leben, verschwinden.

Volk und Würde, Manuel Marulanda lebt, der Kampf geht weiter!

Comando Coordinador de Occidente
Columna Móvil Jaime Martínez
Columna Móvil Dagoberto Ramos
Columna Móvil Franco Benavides
Columna Móvil Urías Rondón
Frente 30 Rafael Aguilera
Frente Carlos Patiño
Frente Ismael Ruíz
Compañia Adan Izquierdo
Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee FARC-EP

Originalkommuniqué in Spanisch (PDF-Dokument)

Quelle:

Kolumbieninfo – Widerstand in Kolumbien