Von der Stiftung Pares gibt es derzeit einen kurzen Überblick über das Agieren der bewaffneten Organisationen in Kolumbien. Darin wird auch die Ausdehnung der FARC-EP bzw. der interne Konflikt zwischen den beiden sich als FARC-EP bezeichnenden und auf das historische Erbe aufbauenden Strömungen, auf der einen Seite kommandiert von Gentil Duarte und anderen, auf der anderen Seite von Iván Márquez und anderen Kommandierenden, eingegangen. So hat das Wachstum der beiden Strömungen der FARC-EP dazu geführt, dass es vermehrt Konfliktsituationen und Eskalation zwischen beiden Strukturen gibt. Eine Vereinigung der Strukturen von gentil Duarte um die Erste Front und der Struktur um Iván Márquez und Jesús Santrich konnte bisher nicht erfolgen. Ziel der beiden Strukturen war es, je nach eigener Lage und Situation eine Neukonfiguration der Reste der FARC-EP zu erreichen und neue Strukturen im ganzen territorialen Raum aufzubauen.

Klar erkennbar ist noch der vor allem militärische und wirtschaftliche Nachteil von Iván Marquez und der FARC-EP, Zweites Marquetalia. Derzeit finden die meisten Eskalationen um territoriale Macht im Südwesten Kolumbien statt, wenn auch Strukturen des Zweiten Marquetalia im Osten Kolumbiens und an der Grenze zu Venezuela beheimatet sind, während Gentil Duarte im Süden und Osten über eine starke Präsenz verfügt. Wenn auch die Zahlen der Stärke der jeweiligen Strukturen der FARC-EP mit Vorsicht zu genießen sind, so wird jedoch klar erwähnt, dass Gentil Duarte trotz der derzeitigen Überlegenheit eher die Gefahr sieht, an Einfluss zu verlieren, da die Strukturen um das Zweite Marquetalia teilweise auch militärisch versuchen, um Kontrolle zu übernehmen. Geringe Befürchtungen at er jedoch in den Regionen Meta, Caquetá und Guaviare, wo sich der territoriale Einfluss von Gentil Duarte wesentlich gefestigt hat.

Konflikte gibt es derzeit vor allem im Westen, wo es laut verschiedener Quellen ein Zerbrechen der Front Oliver Sinisterra gab, die in der Provinz Nariño mit 350 Kämpfern agierte. So soll ein Teil der Kämpfer die Loyalität zu Gentil Duarte erklärt haben und ein anderer teil soll sich unter dem Komamndo von Iván Márquez und dem Zweiten Marquetalia begeben haben. Ähnliche Konfrontationen gibt es derzeit auch im Arauca und Norte de Santander mit Teilen der 10. Front Martín Villa und der 33. Front Mariscal Sucre, wenn auch der Kommandant der dissidentischen 33. Front zuletzt klar machte, dass er auf Seiten von Duarte steht. Undurchsichtig und kaum Erwähnung in dem Bericht der Stiftung Pares findet die Situation im Cauca. Zwar hat Gentil Duarte mit den dortigen dissidentischen Strukturen ein loses Bündnis geschlossen, so dass sich das Westlichen Koordinationskommando auf seine Seite schlug, doch zuletzt gab es immer wieder Meldungen und Kommuniqués des Zweiten Marquetalia, die auch hier von einem Eindringen in den Einflussbereich zeugen. Sollte sich dies bestätigen, wäre zumindest der wichtige illegale Zweig der Ökonomie für den Aufbau einer schlagkräftigen Guerilla erreicht, der bisher fehlt.

Klar erwähnt wird jedoch das fehlende politische Bewusstsein und die fehlende Verankerung in der Bevölkerung. In der alten sich entwaffneten FARC-EP wurden ganz klar auch die politischen Aspekte in den Vordergrund der politisch-militärischen Arbeit gestellt und eine enge Beziehung zu den sozialen Bewegungen und zur Bevölkerung hergestellt. Diesen Grad können die derzeitigen Strukturen der neuen FARC-EP nicht erreichen. Zum einen, weil ihnen wahrscheinlich auch die Kader fehlen, zum anderen, weil ihr Auftreten derzeit eher als gewaltvoll, der illegalen Ökonomie und der Machtkonsolidierung- bzw. Erweiterung ausgerichtet ist. Hingewiesen wird auch auf die fehlende Hierarchie in der FARC-EP, die es der Politik schwer macht, an die Organisation anzuknüpfen. Oftmals führen die losen und autonom agierenden Strukturen b zw. Fronten ein Eigenleben, dass sich schwer kontrollieren lässt und dass die Bevölkerung nicht als Interessenvertretung ansieht, so wie es vorher der Fall war.

Derzeit soll es laut Pares rund 30 Strukturen der dissidentischen FARC-EP im gesamten Land geben. Präsent sind diese in 113 Gemeindebezirken in 19 verschiedenen Provinzen, wobei Cauca, Nariño, Norte de Santander, Guaviare, Meta, Putumayo und Antioquia die höchste Präsenz aufweisen. Hierbei ist ein Wachstum seit 2016 festzustellen, seit dem der Friedensprozess unterzeichnet wurde und dem sich die Erste Front Armando Ríos mit 300 Kämpfern entgegenstellte. Von 1600 Kämpfern im Jahr 2018 sind nun schon 2600 für Mai 2020 erreicht. Wichtig zu erklären ist, dass sich die Zahl vor allem aus neuen Rekrutierungen zusammensetzt und nicht die sich im Wiedereingliederungsprozess befindlichen ehemaligen FARC-Kämpfer betrifft. So sind noch 94% der 13510 sich entwaffneten Kämpfer im Wiedereingliederungsprozess, was eine Zahl von 12767 bedeutet.

Quelle:

Kolumbieninfo – Widerstand in Kolumbien