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Sean Penn: Der Berg der Schlangen (Teil 2)
Venezuela
Samstag, den 27. Dezember 2008 um 02:00 Uhr
ZWEI WOCHEN FRÜHER.

 Als ich eine Zapping-Session unterbrach, gab ich mir eine Dissertation über den Kollaps der Wall Street des bulligen Ex-Junkies und vormaligen CNN-Angebers Glenn Beck. Für den selbsternannten „Denker“ gab es in diesem Fall kein „wenn“ und „aber“ oder „und“. Das Versagen der Wall Street sei „kein Versagen des free market-Kapitalismus“, sondern eher auf „Gier“ zurückzuführen.

 Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich an eine Heerschar aufgeblasener Schwarz-Weiß-„Denker“, immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit, zumeist durch wortgewandte Reden; laut im Klassenzimmer, laut auf dem Schulhof, und nicht zuletzt laut im Bus nach Hause. Und genau wie diese Jungs sparte Glennie-boy an jeglichen Inhalten, nur um kurz die öffentliche Aufmerksamkeit an sich reißen zu können.


Free Market- Kapitalismus und Gier in der Hand des Menschen – das ist faktisch eine unauflösliche Ehe, welche niemals den bösen Geist von sich abwirft. Sie sind eins. Man kann sagen, dass Ronald Reagan das Ende der Roosevelt-Ära markiert hat, und vielleicht wird Barack Obama das Ende der Reagan-Ära markieren. Doch historisch gesehen ist unser System eine Schaukel. Wir steigen hinauf, angetrieben von einem lauen Lüftchen, schwingen ab, dass es uns fast die Füße wegreißt, um uns dann erneut hochzuschaukeln, mit dem Wind im Gesicht. Aber dieses Abschwingen, es ist niemals  tief genug um diejenigen Männer und Frauen mitzunehmen, welche am Boden sind. Dieser menschliche Kreislauf, er ist Bestandteil eines finanziellen Kreislaufs. Da aber die Populationen weltweit explodieren, scheinen wir die Verbindungen umso enger zu knüpfen, um mit jeder Runde diesen Sitz noch höher zu bringen. Mehr und mehr werden beim Abschwung unten gelassen. In den letzten Tagen der diesjährigen Präsidentschaftskampagne haben der Aufschrei der Rechten und das Aufheulen der Linken die Ängste, die Möglichkeiten, die Werte und die Notwendigkeit, Aspekte des Sozialismus zu berücksichtigen, erneuert.

Als Amerikaner sind wir Bürger einer komplexen Gesellschaft. Das Bestreben ist, zumindest in der Komplexität zu denken, die ihr gerecht werden wird. Zu meinen besten Zeiten – in meinem Leben als Amerikaner – gab es verschiedene Amerikas. Es gibt das Amerika der Wohlhabenden und Konzerneliten. Ein Amerika der Mittelschicht und der unteren Mittelschicht. Und es gibt Millionen von Armen, geplagt von Arbeitslosigkeit, inadäquater Bildung, inadäquater oder gar keiner Gesundheitsversorgung, rassistischen Vorurteilen, und eine wirtschaftliche Philosophie des „Durchsickerns“, in der alles, was durchsickert, aufgefangen und recycelt wird, bevor es jemals den Boden erreicht. Dies ist, was der venezolanische Präsident Hugo Chavez bei unserem ersten Zusammentreffen als eine „nicht nachhaltige Gesellschaft“ bezeichnete. Sollte sich unser Land vor dem Sozialismus fürchten, während es blindlings den Kapitalismus verteidigt? Gibt es überhaupt Modelle für nachhaltige Gesellschaften? Bevorzugen wir eine nicht nachhaltige Gesellschaft, nur weil jedweder Aspekt dieser Veränderung als „sozialistisch“ definiert werden könnte?

Es war ein Dienstag, dieser 11. September, als die Regierung der Vereinigten Staaten einen Staatsstreich finanzierte, in dessen Zuge der demokratisch gewählte sozialistische Führer Chiles, Salvador Allende, entmachtet und getötet wurde. Das war im Jahre 1973. Und unser illustre Außenminister Henry Kissinger feierte „den Sieg“, indem er General Augusto Pinochet installierte. Seit den frühen 1900er Jahren gehört es zu unserem Muster, zu versuchen, sozialistische Führer zu dämonisieren, sozialistische Staaten zu destabilisieren und den Willen der amerikanischen Finanz- und Rohstoffinteressen in diesen Ländern (Nicaragua, Guatemala, El Salvador, Chile, und, in besonderem Maße, auf Cuba) zu vollziehen. Vielleicht steht es aber mehr denn je in Amerikas eigenem Interesse, sich neu zu bilden (im Sinne der Edukation, Anm. d. Übersetzers) und zu kollaborieren, da die menschlichen Gesichter des Sozialismus zunehmend unser eigenes widerspiegeln.

Aber gerade das ist der Punkt: ich bin kein Sozialist. Zumindest nicht vollkommen. Als Amerikaner habe ich ein bisschen von Al Capone in mir. Mir gefällt die Idee der individuellen Leistung (Penn benutzt im Original das Wort achievement, welches übersetzt sowohl „Erfolg“ als auch „Leistung“ bedeuten kann. Im Sinne der Ideologie des American Dream und im Zusammenhang mit dem weiteren Textverlauf passen nach Meinung des Übersetzers hier beide deutschen Begriffe. Anm. d. Übers.). Nur nicht als Hintergrund für hoffnungslose Unterdrückung.

 Der Dramatiker David Mamet stellte einen Gedankengang in einem Monolog seines Al-Capone-Charakters in seinem Drehbuch für The Untouchables („Die Unbestechlichen“, 1987; auf wahren Begebenheiten beruhender Mafia-Film nach einem Drehbuch von US-Schriftsteller, Dramatiker und Dichter David Mamet, geb. am 30.11.1947. Im Film – welcher im Chicago der Prohibitionszeit angesiedelt ist – hat es sich der Schatzamtagent Eliot Ness (Kevin Costner) zum Lebensziel gemacht, den Überpaten Al Capone (Robert De Niro) zu bekämpfen. Anm. d. Übers.) dar: „Ein Mann wird hervorragend; man erwartet von ihm Enthusiasmus. Enthusiasmen. Welche sind meine? Was zieht meine Bewunderung an sich? Was ist es, das mich mit Freude erfüllt? Baseball.

 Ein Mann. Ein Mann steht allein an der plate (Pitcher‘s Plate: Zone in der Mitte des durch die Bases abgegrenzten Quadrats im Infield beim Baseball. Von hier aus wirft der Pitcher denn Ball in Richtung des „Tores“, der Home Plate, auf der der Batter (Schläger/Läufer) steht. Hinter dem Batter ist die Catcher’s Box, wo der „Torwart“ hockt. Anm. d. Übers.). Dies ist der Zeitpunkt – wofür? Für individuelle Leistung. Da steht er allein. Aber im Feld, wie? Teil eines Teams. 

Schaut, wirft, fängt, hastet, Teil eines großen Teams. Er schlägt sich selber, den lieben langen Tag lang. Babe Ruth, Ty Cobb, und so weiter (George Herman Ruth, 6.2.1895-16.8.1948, und Tyrus „Ty“ Raymond Cobb, 18.12.1886-17.7.1961: US-amerikanische Baseball-Legenden. Anm. d. Übers.). Falls sein Team es nicht bringt, folgst du mir dann? Was ist er? Ein Niemand. Sonniger Tag, die Tribünen sind voll von Fans. Was muss er sagen? Ich geh da für mich raus. Aber ich bring’s ohne das Team nirgends hin.“

Enthusiasmen. Ich freu mich schon darauf, den Sozialismus zu erkunden. Persönliche Leistung. Gut, in diesem Fall hoffe ich, das fortwährende Interesse des Lesers gewinnen zu können.


Übersetzung: Zoran Sergievski, Wien
Der nächste Teil dieser Reportage erscheint morgen - natürlich bei RedGlobe

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