DER ANFANG.
Bei einem weihnachtlichen Familienurlaub in Cuba, unter der Schirmherrschaft des religiösen Tourismus reisend, wurden meine Frau, meine Kinder und ich zu einem privaten Mitternachtsmeeting mit dem damaligen Präsidenten Fidel Castro und dem großartigen kolumbianischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez eingeladen. Vor der Reise hatte ich meine Kinder mit Dokumentationen über die Cubanische Revolution zugeschüttet. Besonders meine Tochter, welche von der Geschichte der Unterdrückung von Homosexuellen in Cuba angewidert war, machte ihrem Vater klar, dass, sollte sie die Möglichkeit bekommen, Castro persönlich zu treffen, sie ablehnen würde. Marquez lud uns in sein Haus ein. Wir gingen hinein, und dort, ganz allein im Wohnzimmer, saß Fidel Castro.
Überrascht von dem Zusammentreffen, und als höfliche 14jährige, die sie damals war, suchte sich meine Tochter ihren Platz im Raum und wartete darauf, angreifen zu können.
Fidel packte meinen Arm und setzte mich neben sich. Er begann das Gespräch, indem er meinen damals 12jährigen Sohn über das Curriculum seiner öffentlichen Schule ausfragte. Ob er wüsste, wie weit die Erde von der Sonne entfernt sei? Konnte er Volt von Kilowatt unterscheiden? Das Verhör zog sich eine halbe Stunde durch, und Castros Auftreten hatte etwas von einem strengen Großvater, sein gütiges Lächeln hinter seinen Lippen, währen er neugierig nach Wissen verlangte. Es schien mir, als könnte er das frostige Verhalten meiner Tochter geradezu spüren. Und genau zum angemessenen Zeitpunkt fragte er sie – sie hatte immer noch nichts gesagt – was sie denn so beschäftige. „Warum bieten sie Homosexuellen in Cuba nicht dieselben Menschenrechte wie Heterosexuellen? Warum haben sie sie verfolgt?“ Sie war bereit für einen Kampf. Aber da bahnte sich kein Kampf an. Nicht einmal der Anschein einer Verteidigungshaltung. Castro wirkte sehr beeindruckt durch die Frage und erklärte daraufhin, dass obgleich die Homophobie nicht in Cuba erfunden worden war, sie dennoch tiefe kulturelle Wurzeln hatte, und dass er und die Revolution viele Fehler als Ergebnis hatten. Dennoch ist der Prozess der Veränderung immer auch mit einer Evolution verbunden. So machten sie zwar weiterhin Fehler, dennoch hat es gewaltige Entwicklungen gegeben (so schaffte Cuba 1979 seine Anti-Sodomie-Gesetze ab. Gegenwärtig steht die gesetzliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Vereinigungen für das Jahr 2009 an, was im Gegensatz zu den Sozialreformen in den USA ein unvergleichliches Tempo annimmt. Im öffentlichen Gesundheitswesen sind vor allem Geschlechtsumwandlungsoperationen nennenswert.). Meine Tochter war entwaffnet, sodass ich an der Reihe war.
Castro hatte Artikel über meine Reisen in den Irak und den Iran gelesen, die ich im San Francisco Chronicle veröffentlicht hatte. Wir redeten so an die drei Stunden miteinander, und die Leidenschaft dieser dynamischen Figur gehend-atmender Geschichte verstärkte mein wachsendes Interesse an der Geschichte Lateinamerikas. Bevor wir auseinandergingen, machten wir ein paar Fotos, und während Fidel dort in seinem charakteristischen grünen Kampfanzug und Käppi stand, einen Arm um meinen Sohn, den anderen um meine Tochter, beide mit einem strahlenden Lächeln, sagte ich: „Commandante, wenn die Leute dieses Bild sehen, werden sie witzeln, ich wollte meine Kinder zu Revolutionären erziehen.“
Er sagte: „Das ist die zweitbeste Sache, die Sie machen können. Die beste ist, sie in die weißen Kittel von Doktoren zu stecken.“ Ich entschied, über dieses Treffen nicht zu schreiben, bis das Puzzle meines eigenen Interesses klarer würde.
Etwas früher im selben Jahr, genauer gesagt im August 2005, verkündete Pat Robertson (geb. am 22.3.1930, einflussreicher, konservativer US-Fernsehprediger, Gründer der fundamentalistischen Christian Coalition und der privaten, evangelikalen, in Virginia ansässigen Regent University, Anm. d. Übers.) in seiner TV-Sendung 700 Club ziemlich offen seinen Wunsch, die Regierung der Vereinigten Staaten solle den demokratisch gewählten Staatschef Venezuelas, Hugo Chavez Frias, ermorden lassen. Ich dachte: na endlich! Robertson hat sich eine Schlinge um den eigenen Hals gelegt, ist von seinem kippligen Stuhl aufgestanden und hat sich selbst aus dem Geschäft katapultiert. Ich hatte unrecht. Während die Äußerungen des Evangelikalen mit engen Beziehungen zur Bush-Administration einen internationalen Eklat verursachten, war es hier daheim lediglich eine Zwei- oder Drei-Tages-Story, welche letzen Endes als schlichtweg tolerabler politischer Fauxpas akzeptiert wurde. Während dies Robertsons Einschaltquoten nicht im Geringsten beeinflusste, so zeigte die Ausstrahlung zumindest, dass die amerikanischen Medien einen anerkannten (die Betonung liegt auf anerkannten) Gegner zu dämonisieren bereit sind.
Obgleich Robertsons Äußerungen zu lächerlich obszön waren, um in den Vereinigten Staaten große öffentliche Unterstützung zu erlangen, werfen sie doch ein helles Licht auf die Verwundbarkeit einer amerikanischen Öffentlichkeit, welche der unbegründeten Dämonisierung ausländischer Führer durch die eigenen Medien Glauben schenkt. Vor allem bei solchen Führern, die auf großen Ölreserven sitzen oder sich aber in einer geostrategisch günstigen Lage befinden. Trotz der neuesten und zerstörerischen Fehltritte der Bush-Administration in Husseins Irak, und größtenteils auch durch die Komplizenschaft und Ungeeignetheit der amerikanischen Presse (links wie rechts) verschuldet, welche uns die Geschichte von Husseins Massenvernichtungswaffen und seinen angeblichen Al-Qaida-Verbindungen verkaufte, war unser Land so ängstlich geworden, dass man jede Gelegenheit nutzte, um – ohne Beweise – die „Bedrohungen“ außerhalb unserer Grenzen zu identifizieren. Unsere Leichtgläubigkeit und unsere Verzweiflung, die dazu geführt hatten, dass wir unserer inneren Feindseligkeit freien Lauf ließen, das wurde zur wahren Bedrohung.
Wir waren immer noch Bauern im Spiel, unter Druck willige Ausbeuter unserer eigenen Ansichten.
Was noch viel beunruhigender ist, ist die Tatsache, dass die Rhetorik der unbegründeten Attacken gegenüber ausländischen Staatschefs nicht mehr verboten ist, noch dass sie nicht auf die Stimmen gehässiger Priester und Kritiker beschränkt werden. Sarah Palin, die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin, verbrachte die letzten Monate ihrer Kampagne mit einem - an Soziopathen gerichteten - virtuellen Kampfaufruf durch ihre Atwater-esquen (Anspielung auf Leroy „Lee“ Atwater, 26.2.1951-29.3.1991; US-amerikanischer Politberater und –stratege, u.a. für Reagan und Bush sen. Atwater entwickelte neue –d.h. aggressive- Wahlkampfstrategien, insbesondere das bewusste Streuen rufschädigender Gerüchte über Gegner. Anm. d. Übers.) Art der Verbalattacken gegenüber dem Demokratischen Kandidaten Barack Obama. Die Art, seine Beziehungen zum ehemaligen Weatherman Bill Ayers als „sich mit Terroristen herumtreiben“ zu bezeichnen, erinnert sehr an die Paralax Corporation, welche mithilfe ihrer Werbespots all die Amokläufer und andere Psychopaten geradezu in Massen – wie in einem Trawler-Netz -sammelt, um sie anzustacheln, ihre Ketten zu sprengen. (Vgl. The Parallax View, USA, 1974 (u.a. mit Warren Beatty). Politthriller über eine verschwörerische Gruppe (die Parallax Corporation), die zur Verwirklichung ihrer politischen Ziele durch subtile Werbespots immer mehr Amokläufer und Attentäter „ausbildet“. Anm. d. Übers.) Übersetzung: Zoran Sergievski, Wien Der nächste Teil dieser Reportage erscheint morgen - natürlich bei RedGlobe |