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„Ein Tag ohne Frauen“ – der historische Frauenstreik in Island 1975

Kommunistische Gewerkschaftsinitiative - International

Übernommen von KOMintern:

Am 24. Oktober 1975 stand Island still. An jenem denkwürdigen Tag, der bereits im Vorjahr zu seinem 50. Jahrestag breiter im Fokus stand, traten die weiblichen Beschäftigten des Landes nahezu geschlossen in Streik bzw. nahmen rund 90% der Frauen Islands einen „Freien Tag“ und veranstalteten für ihre Anliegen Demonstrationen und Kundgebungen im ganzen Land. Darunter in Reykjavik die größte Kundgebung in der Geschichte Islands. In Vorbereitung auf den bevorstehenden Frauentag zeigen wir zusammen mit der „Sozial, aber nicht blöd“ 8.-März-Vorbereitungsgruppe daher den Dokumentarfilm EIN TAG OHNE FRAUEN, den wir hier mit einem gekürzten Beitrag (https://www.rosalux.de/news/id/53916/frauenstreik-in-island) der bekannten Historikerin der Frauenbewegung, Gisela Notz, begleiten:

Zur Vorgeschichte: Die Vereinten Nationen (UNO) (…) beschlossen 1972 das Jahr 1975 zum „Internationalen Jahr der Frau“ (IWY) zu erklären. Es sollte unter dem Motto „Gleichheit, Entwicklung, Frieden“ stehen. (…) Ausgangspunkt für das IWY war die unbefriedigende Lage von Frauen in allen Ländern der Welt und die Bedrohung des Weltfriedens. (…)

Die Ziele des Jahres der Frau waren klar formuliert und umfassten die Förderung der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, die volle Integration der Frauen in die Entwicklungsanstrengungen der UNO und die Anerkennung des wachsenden Beitrags von Frauen zu freundschaftlichen Beziehungen, zwischen den Staaten und Weltfrieden. In vielen Staaten wurden Programme entwickelt, um neue Aktionspläne für Frauenrechte voranzubringen. In Mexiko-Stadt und in Berlin, der damaligen Hauptstadt der DDR fanden große Kongresse statt. (…) Kaum jemand spricht heute noch davon.

Der „Freie Tag“ der Frauen in Island von 1975

Aufsehen erregten die Isländerinnen. Dort begannen die Vorbereitungen zum IWY bereits im Frühjahr 1974. Fünf große Frauenorganisationen des Landes bildeten ein Komitee und organisierten am 20. und 21. Juni 1975 einen Frauen-Kongress in der Hauptstadt Reykjavík. Er sollte der Höhepunkt des IWY sein. Dabei blieb es aber nicht. 

Auf dem Kongress bildete sich eine Gruppe von acht höchst unterschiedlichen Frauen und forderte die anwesenden Frauen auf, sich am 24. Oktober desselben Jahres, dem Tag der Vereinten Nationen, „einen Tag frei zu nehmen, um die Bedeutung der von ihnen verrichteten Arbeit zu demonstrieren.“ Ihr Antrag wurde von der großen Mehrheit der Frauen vom Kongress angenommen. Die Idee zu einem Frauenstreik war nicht neu. Das „Redstocking Movement“ (die „Rotstrumpf-Bewegung“) hatte im Zuge der Formierung der „neuen Frauenbewegung“, die auch vor Island nicht Halt machte, bereits 1970 die Idee aufgebracht und immer wieder eingebracht. Die acht Frauen taten sich mit der Redstocking-Bewegung zusammen und informierten Gewerkschaften, Frauenorganisationen und andere Interessengruppen über den Kongressbeschluss. Die Zustimmung zu dem „freien Tag“ wurde immer größer. Wichtig ist, dass eine Vertreterin der zweitgrößten Frauengewerkschaft in Island an einer großen Veranstaltung im September teilnahm. Ihre Gewerkschaft war die erste, die die Streikaktion finanziell unterstützte und damit andere Organisationen und politische Gruppierungen ermutigte, dies ebenfalls zu tun. Die Zeit war knapp, aber das hatte auch Vorteile. Die folgenden (Werbe)kampagnen waren genau auf den Tag ausgerichtet. Nachrichten, Anzeigen und Artikel wurden in den Zeitungen veröffentlicht und die sparten nicht an Informationen über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen, die sexuelle Belästigung, die Gewalt die Frauen erfuhren und die Ungleichheit zwischen Geschlechtern und gesellschaftlichen Klassen. Zwei Tageszeitungen hatten während des gesamten Jahres 1975 dem Gleichstellungsthema wöchentlich eine Seite gewidmet. Für die Herausgeberinnen dieser Seiten war es selbstverständlich, auch bei der Organisation des Streiktages mitzuwirken. Rundfunk und Fernsehen sendeten Interviews, alles Mögliche wurde getan, um viele Menschen über die geplanten Aktionen zu informieren. Die Gruppe Öffentlichkeitsarbeit versendete 47.000 Briefe mit der Überschrift: „Warum ein freier Tag für Frauen?“. Sie enthielten Texte und Statistiken zur sozialen Lage von Frauen, sowohl auf dem Arbeitsmarkt, als auch zu Landfrauen und Hausfrauen. Alle sollten streiken. Internet und Email waren noch nicht verfügbar. Aufkleber mit dem Text „Freier Tag für Frauen“ zierten Kleidungsstücke, Handtaschen, Hauswände, Litfaßsäulen und Fenster.

Streik oder „freier Tag“ („day off“) 

Über einige Diskussionspunkte, z. B., ob der Streik einen ganzen Tag oder nur einige Stunden dauern sollte, konnte man sich schnell einigen. Schließlich erschien ein ganzer Tag wirkungsvoller und auch leichter zu organisieren. Schwieriger war es mit der Frage, ob man die Aktion „Streik“ oder „Freier Tag“ nennen sollte. Man einigte sich auf „Freier Tag“. Das war nicht unumstritten. Einige Frauen fanden es bis heute unbefriedigend, die Aktion nicht Streik zu nennen, und sie zogen diesen Begriff der offiziellen Bezeichnung vor. Die Gründe, weswegen sich die Mehrheit für den „Freien Tag“ entschied, waren vor allem die Angst davor, dass das Wort „Streik“ manche Frauen abschrecken könnte. Auch juristische Gründe wurden genannt. In Island konnten die Arbeitgeber Beschäftigte, die sich „nur“ einen freien Tag genommen hätten, nicht entlassen, illegal Streikenden drohte die Entlassung. Andererseits konnten in einer „Nicht-Streik-Situation“ Männer Frauen, die nicht zur Arbeit erschienen, ersetzen, was während eines Streiks nicht möglich gewesen wäre. Streik oder „Freier Tag“, die Organisatorinnen betonten, dass es sich auf alle Fälle um einen „Kampf – nicht um ein Festival“ handeln würde. Am Streiktag selbst trugen Frauen Plakate mit unterschiedlichen Botschaften; jedenfalls war die Ernsthaftigkeit der Aktionen nicht zu übersehen.

Es gab auch lustige Aktionen: davon sollen nur zwei genannt werden: Lebensmittelgeschäfte warben damit, dass sie kostenlos Rezepte an Männer verteilen würden, die zum ersten Mal kochen mussten. Ein Radioprogramm gab Anleitung zum Einkauf und zur Zubereitung von Hot Dogs. Weniger lustig aber sexistisch waren Witze, wie: „Soll der Streik auch die Nacht hindurch dauern?“ Das Lachen der Männer verstummte bald.

Der „Freie Tag“

Der 24. Oktober 1975 war ein milder Tag ohne Regen. Der einzige Radiosender Islands begann sein Programm mit Liedern, die Frauen für Frauen geschrieben hatten. Die Leitartikel aller Tageszeitungen setzten sich mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinander. Viele Frauen saßen in den Cafés oder an anderen Orten zusammen und genossen ihre freie Zeit. 

Um 14 Uhr gab es in Reykjavik eine Demonstration, angeführt von einer Frauenblaskapelle, die ein Suffragettenlied spielte. 25.000 bis 33.000 Frauen kamen. Auf der zweistündigen Abschlusskundgebung wurden kurze Reden gehalten. Es sprachen eine Gewerkschaftsfrau, eine Hausfrau und eine Verkäuferin. Die Frauenrechtsorganisation und die Redstockings-Bewegung führten kurze Programme vor. Zwei von den drei Frauen, die damals einen der sechzig Sitze im isländischen Parlament innehatten, hielten Reden, die dritte schicke ein Grußwort aus dem Ausland, wo sie sich gerade aufhielt. Alle Rednerinnen riefen die Frauen dazu auf, politisch aktiv zu werden. Vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler führten eine Chronik zur Geschichte der isländischen Frauen auf. Eine bekannte Opernsängerin leitete die gemeinsamen Lieder an. Ähnliche Veranstaltungen fanden auch an anderen Orten statt, so dass insgesamt über 90 Prozent der isländischen Frauen an dem Streik beteiligt waren. Fast an keinem Arbeitsplatz war eine Frau zu sehen. Abends berichtete eine Radiosendung von dem, was tagsüber passiert, bzw. verweigert worden war. 

Dass der Tag ein so großer Erfolg geworden war, hatten die Frauen nicht vorausgesehen, obwohl die Gruppe „Öffentlichkeitsarbeit“ im Vorfeld erklärt hatte, dass die Demonstrationen größer werden würden, als alle die Island jemals erlebt hatte. Es war ein unglaubliches Gefühl von Solidarität und Stärke, das die Frauen erfasste, die Schulter an Schulter demonstrierten. …

Quelle: KOMintern

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