Start / Deutschland / Medien / UZ - Unsere Zeit / Friedenskampf – amtlich bestätigt

Friedenskampf – amtlich bestätigt

Übernommen von Unsere Zeit:

Vor 75 Jahren gab es in der Bundesrepublik massive Auseinandersetzungen um die Frage, ob Westdeutschland nach der Befreiung von Faschismus und Militarismus wieder eine Armee haben sollte. Die Befürworter der Wiederbewaffnung malten den russischen Teufel aus der So­wjet­union an die Wand. Viele von ihnen waren verbunden mit den Konzernherren, die an beiden Weltkriegen verdient hatten. Doch das Volk wehrte sich. Eine von ihnen war Hilde Wagner, geboren am 8. März 1924. Als junge Frau kämpfte die Kommunistin gegen die Remilitarisierung. Der hier dokumentierte Bericht ist Teil eines von Arno Neubauer geführten Interviews, das von der DKP Karlsruhe veröffentlicht wurde. Wir haben den Text gekürzt und redaktionell bearbeitet.

UZ: Kannst du uns etwas zur Vorgeschichte der Remilitarisierung erzählen?

Hilde Wagner: Im Oktober 1949 wurde das Petersberger Abkommen abgeschlossen, das die enge Zusammenarbeit der Militärs der westlichen Besatzungsmächte mit der Adenauer-Regierung beinhaltete. Gegen dieses Petersberger Abkommen hatte es große Demonstrationen gegeben, an denen auch ich teilgenommen habe. Damals wohnte ich in Mannheim und war dort aktiv in der FDJ. Ich erinnere mich an eine große Demonstration in der Mannheimer Neckarstadt, die von berittener Polizei brutal zusammengeschlagen wurde. Ich habe auch an der großen bundesweiten Demonstration der FDJ auf den Petersberg und nach Bonn teilgenommen, die dort ebenfalls brutal zusammengeschlagen wurde. Wie viele andere bezog auch ich Prügel, landete auf einem Polizeiauto und im Polizeigefängnis.

Im August 1950 überreichte Bundeskanzler Konrad Adenauer dem US-Verteidigungsminister, der damals durch die BRD reiste, ein Memorandum über einen deutschen Verteidigungsbeitrag, das er noch nicht einmal vorher dem Bundestag vorgelegt hatte. Als der damalige Innenminister und spätere Bundespräsident Gustav Heinemann das Memorandum zur Einsicht verlangte, weigerte sich Adenauer, es auszuhändigen. Heinemann trat daraufhin aus Protest zurück

Das alles machte die Bevölkerung hellhörig und sensibel und die Volksbewegung gegen die Remilitarisierung wuchs. Es entstand die „Ohne-mich-Bewegung“, die sich später zur „Ohne-uns-Bewegung“ entwickelte und breite Kreise Westdeutschlands erfasste. Das war zunächst eine spontane Reaktion der Bevölkerung auf die Pläne der Remilitarisierung. Der Widerstand äußerte sich in verschiedenen Formen. Das waren zunächst ganz individuelle Handlungen: Kriegerwitwen, Waisen, Invaliden – Opfer des Krieges also – schrieben Protestbriefe und führten Versammlungen durch. Damals entstand die Form der Stubenversammlungen: Man traf sich im kleinen Kreis von Freunden, Bekannten und Nachbarn, um über die Remilitarisierung zu reden. Bald tauchten Plakate und Klebezettel auf mit dem Zeichen F, das war das Synonym für Frieden.

Der Bonner Vizekanzler Franz Blücher musste damals zugeben, dass 99 Prozent der westdeutschen Bevölkerung gegen die Remilitarisierung waren. Die „Ohne-mich-Bewegung“ wuchs und nahm allmählich organisierte Formen an.

UZ: Wie kam es zur Volksbefragung?

Hilde Wagner: Im Januar 1951 wurde eine Versammlung mit 1.700 Teilnehmern in Essen einberufen. Diese verlangten eine Volksbefragung: „Sind Sie gegen die Remilitarisierung und für den Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland noch im Jahre 1951?“

Die Öffentlichkeit reagierte positiv auf diese Forderung. In vielen Orten begannen dafür Unterschriftensammlungen, es kam zur Gründung von Aktionsausschüssen.

091001 Hilde Wagner - Friedenskampf – amtlich bestätigt - DKP Karlsruhe, Faschismus, Friedenskampf, Hilde Wagner, Militarismus, Remilitarisierung - Positionen
Hilde Wagner

Obwohl die Behörden der Unterschriftensammlung für eine Volksbefragung Widerstand entgegensetzten und Schwierigkeiten machten, erbrachten die ersten Erfahrungen in einigen Städten und Dörfern eine Mehrheit von 80 bis 95 Prozent gegen die Remilitarisierung. In zahlreichen Städten fanden auch große Demonstrationen gegen die Remilitarisierung statt. Es entstand ein zentrales Arbeiterkomitee, das seinen Sitz in Essen hatte und das in allen Bundesländern Arbeiterkonferenzen organisierte. Es bildete sich ein Hauptausschuss der Volksbefragung. Ihm gehörten zahlreiche Persönlichkeiten an.

UZ: Wie reagierten die Befürworter der Wiederbewaffnung?

Hilde Wagner: Der Umfang der Volksbewegung erschreckte die regierenden Kreise der BRD. Während die Regierung der DDR bereit war, dort eine Volksbefragung durchzuführen, stellten als erste leider die sozialdemokratischen Abgeordneten im Bundestag in Bonn den Antrag, die Volksbefragung als ungesetzlich zu erklären. Das Verbot erfolgte am 24. April 1951.
Zuvor hatte das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, das von Jakob Kaiser geleitet wurde, in verschiedenen Städten und Großbetrieben Plakate anbringen lassen, auf denen folgender Text stand:

„Wer an der kommunistischen Volksbefragung teilnimmt, gefährdet den Frieden und stellt sich in den Dienst des Bolschewismus.“

Der Bonner Innenminister Robert Lehr drohte, Polizeiverbände gegen die Teilnehmer der Volksbefragung einzusetzen. Es blieb nicht bei der Drohung. Es gab nicht nur den „Blutsonntag“, an dem Philipp Müller ermordet wurde, es gab zahlreiche Gewaltakte gegen Demonstrationen, etwa gegen 10.000 Opfer des Faschismus, die sich in Gelsenkirchen zu einer Friedenskundgebung versammelt hatten.

UZ: Habt ihr euch davon aufhalten lassen?

Hilde Wagner: Ungeachtet aller dieser Schikanen wurde die Volksbefragung von April 1951 bis April 1952 durchgeführt. Acht Millionen Bürger Westdeutschlands beteiligten sich daran. Sie sagten Nein zur Remilitarisierung und zur Politik der Spaltung Deutschlands.

Bei der Durchführung der Volksbefragung gab es die unterschiedlichsten Formen und Methoden. Es gab Abstimmungen in Versammlungen von Parteien und Organisationen, in Betriebsversammlungen, Vereinsversammlungen, Kulturveranstaltungen, Kinos und Theatern. Es gab Abstimmungen vor Betrieben und in Wohnungen.

Ich habe damals die Volksbefragung in Mannheim mitorganisiert und durchgeführt. Morgens standen wir vor den Betrieben und verteilten Flugblätter, welchen wir Stimmzettel beigefügt hatten. Den Kolleginnen und Kollegen teilten wir mit, dass wir nach Feierabend mit Urnen vor dem Betrieb stehen und die Zettel einsammeln würden. Wir baten sie, ihren Stimmzettel schon auszufüllen und abends in die Urne zu werfen, was von bis zu 90 Prozent der Belegschaften so gemacht wurde. Oft erschien die Polizei und beschlagnahmte unsere Urnen. Wir beriefen uns dann darauf, dass die Polizei die beschlagnahmten Gegenstände bescheinigen müsse und die Polizisten waren dazu auch bereit. Sie bescheinigten uns, soundsoviele Urnen, mit soundsovielen Stimmzetteln, davon soundsoviel Ja-Stimmen und soundsoviel Nein-Stimmen, beschlagnahmt zu haben. Damit hatten wir sozusagen rasch vor Ort die amtliche Bestätigung unserer Tätigkeit. Die Bescheinigungen lieferten wir dann beim Volksbefragungsausschuss in Mannheim ab.

Wir führten auch sehr viele Volksbefragungen bei Hausbesuchen in Wohnungen durch. Mit einem Wort: Wir waren damals Tag für Tag, Woche für Woche unermüdlich für den Frieden unterwegs.

UZ: Welche Rolle spielte die Jugend?

Hilde Wagner: Im Kampf gegen die Remilitarisierung spielte die Jugend eine entscheidende Rolle – sie musste gewonnen und mobilisiert werden. Dabei hatte die FDJ einen großen Anteil mit eigenständigen Aktionen und in Bündnisaktionen. Ich war im Landessekretariat Baden-Württemberg für Personalpolitik zuständig und anleitende Sekretärin für den Schwerpunkt Mannheim. Ich habe viel vor Ort gearbeitet und mich in Mannheim an fast allem beteiligt, was dort gelaufen ist.

Zum Beispiel an den Aktionen „Ami go home“, an den Aktionen zur Unterstützung eines KPD-Antrags, die neu einzuweihende „Kurpfalz-Brücke“ „Friedensbrücke“ zu nennen, an den Aktionen zur Vorbereitung der Volksbefragung, des Deutschlandtreffens und der Weltjugendfestspiele.

UZ: Was habt ihr konkret getan?

Hilde Wagner: Wir hatten im Landessekretariat beschlossen, dass alle Gruppen, natürlich auch Mannheim, eine große Anzahl Losungen „Ami go home“ malen sollten. Das war nicht ganz einfach, denn wenn man beim Malen dieser Losung erwischt wurde, wanderte man ins Gefängnis. Ich diskutierte mit den Freunden in Mannheim darüber. Viele nachdenkliche Gesichter – bis sich einer meldete und selbstbewusst erklärte, er werde mit mir zusammen allein 50 Losungen anbringen.
Gesagt, getan, los ging’s: Ein alter Koffer wurde mit Filzbuchstaben „Ami go home“ ausgestattet und mit Büchern gefüllt, damit der Stempeldruck stark genug war. Die Filzbuchstaben wurden mit roter Farbe getränkt. Dann spazierten wir – als Liebespaar getarnt – Arm in Arm durch die Straßen der Mannheimer Innenstadt. Bei Dunkelheit, versteht sich, damit man nicht gleich sehen konnte, dass überall dort, wo der Koffer abgestellt wurde – und das war oft der Fall –, eine Losung stand.

Wir wurden übrigens bei unserem Bummel von der Polizei kontrolliert, denn mein Begleiter war der Mannheimer Polizei ein Dorn im Auge und sein gemächlicher Spaziergang war ihnen nicht geheuer. Aber im zu öffnenden Koffer lagen tatsächlich nur alte Romane und Krimis und sie konnten nichts machen. Natürlich musste der Kumpel noch in derselben Nacht für eine Zeit lang aus Mannheim verschwinden, denn bei hellem Licht am Tage war klar, was der Spaziergang bezweckt hatte.

Bei der Brückeneinweihung hatten wir trotz starker Polizeibewachung am Neckarufer das Gras so geschnitten, dass eine Losung sichtbar wurde; und während der Festansprache durch den Mannheimer OB kam ein hübsches, selbst gebasteltes Schiff angeschwommen mit einem Transparent: „Diese Brücke soll Friedensbrücke heißen.“

UZ: Die Regierung spitzte die Lage zu und ihr habt umso entschlossener reagiert …

Hilde Wagner: 1950/51 ging die Adenauer-Regierung dazu über, Westdeutschland in eine Militärbasis zu verwandeln. In Brücken wurden Sprengkammern eingebaut, Straßen, ja ganze Gebiete wurden unterminiert, etwa die Schwarzwaldhochstraße und der Rhein. Wir FDJler kämpften dagegen konsequent an. Es gab viele Aktionen, in denen die Sprengkammern wieder aus den Brücken ausgebaut wurden.

Im Sommer 1950 organisierte die FDJ zusammen mit anderen Jugendorganisationen einen großen Protestmarsch gegen die Unterminierung der Loreley. Damals fuhren wir mit Lkws (es gab noch nicht so viele Autos wie heute und Busse waren zu teuer) nach Bingen. Die Polizei und die französische Besatzungsmacht versuchten mit allen Mitteln, die Aktion zu verhindern. Man prügelte uns, schlug mit Gewehrkolben auf uns ein, verhaftete viele von uns, aber die Demonstration und Kundgebung hat stattgefunden. Oder ein weiteres Beispiel für unsere damaligen Aktionen: Im Jahr 1951 wurde die Insel Helgoland von den englischen Besatzungstruppen als Übungsgelände für Bombenabwürfe benützt. Im Februar 1951 landeten sieben junge Menschen – FDJler, Vertreter der Gewerkschaftsjugend, der Falken und der Naturfreundejugend – auf der Insel, um die Einstellung der Bombardierung zu erzwingen. Trotz Bombendrohung, trotz Verschleppung von der Insel und einem Gerichtsprozess landeten zwei Monate später 13 Jugendliche verschiedener Jugendorganisationen zum zweiten Mal auf Helgoland und im März 1952 mussten die Bombenabwürfe eingestellt werden.

UZ: Dann wurde die FDJ verboten.

Hilde Wagner: Wir hatten gewusst, dass das Verbot ausgesprochen würde, es traf uns nicht überraschend. Aber wir hatten uns vorgenommen, nicht so sang- und klanglos von der politischen Bühne zu verschwinden.

Deshalb organisierten wir zum Wochenende nach dem Verbot in Baden-Württemberg eine Landeskonferenz. Sie war für Mannheim vorgesehen, dort aber nicht durchführbar, weil wir rechtzeitig erfahren hatten, dass die gesamte Bereitschaftspolizei in Mannheim in Einsatzbereitschaft versetzt worden war. Also fuhren wir mit Zügen, Pkws und Fahrrädern nicht nach Mannheim, sondern nach Karlsruhe-Durlach.

In Durlach auf dem Lerchenberg hatten die Genossen Gerda und Otto Schneider ein Lokal. Hinter dem Lokal war ein Steinbruch und in diesem Steinbruch führten wir eine ordentliche Konferenz durch. Von Otto Schneider wurden wir mit Getränken versorgt, und nach ordnungsgemäßem Abschluss begaben wir uns in kleinen Trupps nach Durlach. Dort formierten wir uns am Fuß des Turmbergs, zogen Jacken und Pullover aus, darunter trugen wir unsere Blauhemden. Dann wurden die FDJ-Fahnen entrollt und wir demonstrierten bis zum Marktplatz Durlach. Dort lösten wir uns ordnungsgemäß auf und gingen nach Hause. Die Polizei war nicht rechtzeitig zur Stelle. Sie waren zu wenige in Durlach, das Gros befand sich in Mannheim.

Quelle: Unsere Zeit

Markiert: