Übernommen von KOMintern:
Das beredete Schweigen oder „mangelnde Interesse“ der Weltöffentlichkeit „am größten Massenmord seit dem nationalsozialistischen Völkermord in Europa und den gegenseitigen Morden, die die Teilung Indiens und Pakistans begleiteten“, wunderte indes, wie in Teil I ausgeführt, selbst den mit der Schlächterei sympathisierenden australische Indonesien-Experte Robert Elegant. Wohl deshalb, wie er zu Recht mutmaßte, „weil die Opfer nur Kommunisten und kommunistische Sympathisanten waren“. Offenherziger und diesbezüglich offen Tacheles redend äußerte ein Indonesien-Experte des über beide Ohren in das keine Parallele in der Nachkriegsgeschiche findende Massaker involvierten State Department in einem Interview kurz und trocken: „Keinen [in der westlichen Welt, Anm.] kümmerte das, solange es sich um Kommunisten handelte, die abgeschlachtet wurden.“
Der Westen und die lange Nacht der Messer oder besser Macheten
Dass auch Großbritannien mit von der Partie war, wird kaum überraschen. Weniger bekannt ist hingegen die aktive Involvierung Australiens, das den nun das Ruder übernommenen Obristen unter Suharto ebenso wie die USA massenhaft Listen über tatsächliche oder vermeintlich KommunistInnen zur systematischen Vernichtung der Kommunistischen Partei Indonesiens aushändigte. Der australische Botschafter Keith Shann drängte vor diesem Hintergrund im Oktober 1965 denn auch darauf, das Vorgehen gegen die KommunistInnen müsse „jetzt oder nie“ in Gang gesetzt werdenund er „hoffe aufrichtig“, dass die Armee entsprechend „entschlossen“ gegen die KommuistInnen des Landes zu Werke geht. Geradezu wortgleich sah es auch US-Botschafter Marshall Green in seinem Telegramm an Washington vom 5. Oktober: „Die Armee hat jetzt die Möglichkeit, gegen die Kommunistische Partei vorzugehen, wenn sie schnell handelt“ – „Jetzt oder nie“. Im Jahr drauf erklärte der australische Premier Harold Holt öffentlich, wie schon eingangs angezogen,sichtlich zufrieden mit dem bis dahin größten Massaker nach Ende des Zweiten Weltkriegs: „Nach der Tötung von 500.000 bis eine Million kommunistischer Sympathisanten kann ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass [unter Suharto, Anm.] eine Neuorientierung stattgefunden hat.“ Schier unglaubliche Worte. Und doch Konsens in den Hauptstädten „des Westens“ von Washington, über London und Berlin bis nach Canberra.
Washingtons unerschütterliche Auffassung: „Eine demokratische Regierung ist nicht das Beste für Indonesien und andere“
Neben dem geradzu genozidalen Antikommunismus und der tiefen Misanthropie der verschiedenen Erklärungen westlicher Staatsführer,zeigt sich in ihren Erwägungen und Auffassung zugleich auch ihr wahres, bloß instrumentelles Demokratieverständnis. Was Indonesien anbelangte, so vertrat auch Lyndon B. Johnson Nachfolger als „Anführer der freien Welt“,Richard Nixon,die unerschütterliche Meinung, die freilich nur den allgemeinen Konsens in Washington auf den Punkt brachte, „dass eine demokratische Regierung [wahrscheinlich] nicht das Beste für Indonesien“ sei, weil „die Kommunisten im Wahlkampf wohl nicht geschlagen werden können“. Dergleichen machte Dwight D. Eisenhower ein knappes Jahrzehnt vor dem Militärputsch in Indonesien auch schon für die auf der Genfer Indochina-Konferenz für 1956 anberaumten Wahlen in Vietnam geltend, bei denen man mit einem haushohen Sieg Ho Chi Minh’s rechnete.
Gestapelte Leichen – das beispiellose, koordinierte Ausrottungsprogramm gegen Indonesiens KommunistInnen
Was in Indonesien mit 1. Oktober 1965folgte war ein koordiniertes Ausrottungsprogramm.Binnen weniger Tage startete Suharto – beginnend mit der Niederbrennung der PKI-Zentrale und einer Hatz auf KommunistInnen durch die Straßen Jakartas am Tag des Begräbnisses der Generäle – einen beispiellosen Massenmord an den KommunistInnen und ihren SympathisantInnen des Landes. Am 5. Oktober, so der Kommandant der damaligen militärischen Eliteeinheiten Sarwo Edhie (von dem weiter unten nochmals die Rede sein wird) in einem späteren Interview, erging dann begleitend auch seitens der islamischen Nahdlatul Ulama-Partei (NU) schon die Aufforderung an ihre Mitglieder, von nun an „die Kommunisten physisch zu vernichten“. Quer durch die Landstriche und über die Inseln des Archipels (so nannte es Sukarno das „Land der 6.000 Inseln“) hinweg (darunter nicht zuletzt, ja mit am schlimmster in den heutigen Urlaubsparadiesen wie Bali, … – wo die Touristen, wie balinesische Einheimische formulierten, buchstäblich in auf Massengräbern errichtet Strandhotels übernachten) begannen Armee, allen voran die Eliteeinheiten der RPKAD, und willfährige paramilitärische Bandenin unsäglicher Brutalitätmit Massenverhaftungen, großflächigem Verschwindenlassen, Massenliquidierungen und Masseninternierungen in Lagern. Das Gros der Opfer, so der US-Historiker Theodore Friend auf Basis der Sichtung von Augenzeugenberichten, wurde dabei von aufgepeitschten paramilitärischen Terrorbanden und islamistischen Marodeuren unter Anleitung des Militärs erbarmungslos gejagt und „mit Messern oder Schwertern geköpft, zerhackt, erdrosselt, mit Knüppeln oder Steinbrocken erschlagen, ertränkt, verbrannt oder lebendig begraben“. Das nächtliche Verschwindenlassen in den Flüssen des Landes war von einem Ausmaß, das selbst die Naturkräfte überforderte. „Es stapelten sich so viele Leichen, dass die Flüsse verstopften und sich ein erbärmlicher Gestank über das Land legte“, wie Vincent Bevinsin seiner auffreigegebenen Dokumenten, Archivmaterial und Augenzeugenberichten aus zwölf Ländern basierenden Arbeit eindringlich nachzeichnet. Eine weitere Million KommunistInnen oder was man dafür hielt wurde in Internierungs- und Arbeitslager gepfercht. „Etwa 15 Prozent der Gefangenen waren Frauen“, so nochmals Bevin. „Sie waren einer besonders grausamen, geschlechtsspezifischen Gewalt ausgesetzt. … Man zwang sie [beispielsweise], den Urin ihrer Peiniger zu trinken. Anderen Frauen wurden ihre Brüste abgeschnitten oder ihre Genitalien verstümmelt, zudem waren Vergewaltigung und sexuelle Sklaverei weit verbreitet.“ Zehntausende Internierte hielt man zudem noch bis Ende der 1970er Jahre in Gefängnissen und Arbeitslagern fest. Der Blutrausch raffte zudem ganze gewerkschaftliche Hochburgen der SOBSI und mit der PKI sympathisierende Beschäftigtensektoren hin, so an bis zu 40.000 LandarbeiterInnen auf den Weltmarkt-Plantagen Nordsumatras oder fast die Hälfte der Lehrkräfte des Landes. Das Gemetzel und die fanatisierte Raserei griff auch religiös und rassistisch aus. Auf Bali, einer Hochburg von Sukarnos multireligiösem politischen Projekt, etwa gegen dessen hinduistische Bevölkerungsmehrheit oder nicht zuletzt dem Massenmord an Tausenden chinesischstämmigen IndonesierInnen.
Ende Februar 1966 war die Kommunistische Partei Indonesiens schließlich weitgehend zerschlagen, ihre Kader und aktivsten Kämpfer getötet oder auf der Flucht und auch ihre Führung bereits größtenteils umgebracht. Ihr Vorsitzender, Dipa Nusantara Aidit, fiel den Häschern schon im November 1965 in die Hände und wurde von der indonesischen Junta anschließend ermordet. Eine noch im Jahr 1966 von Suharto beauftragte Kommission vermeldete in ihrem Bericht für diesen Zeitraum eine Million Tote. Eine Million (oder auch mehr) Tote. „Dieses Massaker“, so der bekannte Faschismusforscher Reinhard Kühnl, „geht an organisierter Brutalität [sogar] noch weit über den Terror hinaus, den die Nationalsozialisten in den ersten Monaten des Jahres 1933 gegenüber der Arbeiterbewegung eingesetzt haben.“ Vor diesem Hintergrund schickten sich die Militärs nun an, Sukarno auch offiziell abzusetzen. Die Basis des „neuen Indonesiens“ war schon zu Hundertausenden in Blut erstickt oder wurde gerade weiter ausradiert. Entsprechend holten die Militärs nun auch ihn betreffend zum entscheidenden Schlag aus und zogen die politisch-militärische Schlinge um Sukarnos Kopf weiter zu, bis dieser auf Druck der Generäle (namentlich Suhartos in Begleitung von Generalmajor Basuki Rachmat, Brigadegeneral Yusuf und General Machmut) schließlich nach turbulenten Auseinandersetzungen zurücktrat. Am Abend des 11. März übernahm Generals Suharto als Interims- und im weiteren Gefolge dann ‚ordentlicher‘ Präsident auch offiziell die Macht in Indonesien. Bereits am nächsten Tag erließ des Westens General ein Dekret der, bisher von Sukarno noch formell verhinderten, Anordnung der Auflösung der KPI. Eine Woche drauf, am 18. März, ließ das nunmehrige Militärjunta-Regime zudem fünfzehn bisherige Kabinettsmitglieder verhaften und bildete es in ein stramm pro-westliches, antikommunistisches und Anti-Sukarno geschmiedetes Kabinett um. Unter dem neuen Kurs wurden dann folgerichtig auch die Landreform wie die Verstaatlichungen rückgängig gemacht und Indonesien dem internationalen, allen voran US-amerikanischen, Kapital geöffnet.
US-Botschaft führte gar Buch wie viele Kader der KPI auf Basis ihrer für die „Operasi Penumpasan“ erstellten Listen wann und wo hingerichtet wurden
Und die USA und ihre Verbündeten des „kollektiven Westens“lieferten bereitwillig die Waffen, leisteten logistische Unterstützung und versorgten die indonesische Armee in ihrem Blutrausch insbesondere mit Listen tatsächlicher oder vermeintlicher KommunistInnen sowie SympathisantInnen für die „Schlächtereien“ – wie es in Depeschen hieß. Robert Martens, der in enger Kooperation mit der CIA als dafür Zuständiger der politischen Abteilung der US-Botschaft in Jakarta die Listen für das indonesische Militär erstellte und übergab, bekannte denn auch einmal ebenso freimütig wie lakonisch: „Ich habe wohl viel Blut an meinen Händen“, aber: „Das war wirklich eine große Hilfe für die Armee.“ Die Verstricktheit, ja Befeuerung des Massakers ging so weit, dass die Diplomaten in der US-Botschaft in Jakarta „gar Buch darüber (führten), wie viele Kader der kommunistischen Partei wann und wo hingerichtet wurden“, wie der bekannte Historiker und Amerikanist Bernd Greiner vermerkte. Aber schon die New York Times vermerkte in ihrem eingangs bereits angezogenen Artikel „Ein Lichtschimmer in Asien“ mit Stolz auf das Ausmorden der KommunistInnen im Schatten desSternenbanners: „Es ist zweifelhaft ob der Coup jemals ohne die amerikanische ‚Show of strength‘ in Vietnam oder die klandestine Hilfe von hier aus geglückt wäre beziehungsweise hätte durchgeführt und aufrechterhalten werden können.“
Indonesien: per ‚vergessener‘ Vernichtung der politisch Richtlinienkompetenz Washingtons ein- und untergeordnet
Freilich: „Die Hauptverantwortung für die Massaker und Lager liegt beim indonesischen Militär“ – wie auch Bevin mit John Roosa, dem wohl mitwichtigsten Historiker im englischen Sprachraum zum nach dem Zweiten Weltkrieg beispiellosen, vorsätzlichen Massenmord übereinstimmt. Allerdings, so Bevin die Forschungsergebnisse (natürlich auch jene John Roosas) festhaltend, vermag das die Rolle der USA nicht im Mindesten zu relativieren. „In jeder Phase waren die Vereinigten Staaten wesentlich an der Operation beteiligt: lange bevor das Töten begann und bis die letzte Leiche verschüttet war … Wir wissen von mehreren Momenten – und es mag weitere geben, die wir nicht kennen –, bei denen Washington die treibende Kraft war und entscheidenden Druck ausübte, um die Maßnahmen voranzutreiben oder auszuweiten.“ Als nur wenige Jahre später Chile unter Salvador Allende und der Unidad Popular einen verheißungsvollen, revolutionären Weg einzuschlagen begann, bediente sich Washington – wie gegen zahlreiche weitere Länder – erneut der „Jakarta-Methode“. Per US-orchestrierten, faschistischen Militärputsch wurde das revolutionäre Chile im Blut ertränkt und Augusto Pinochet an die Machtgebracht.Im Vorfeld des Putsches zirkulierten denn auch Flugblätter mit der vielsagenden Parole: „Jakarta rückt näher!“.
Der indonesische Offizier Sarwo Edhie, der Mann der Präsident Sukarno schließlich in einen Hinterhalt lockte in dem ihn die Obristen zwangen zurückzutreten und die Macht auch formell an die Armee zu übergeben, brüstete sich damit, „das Militär habe drei Millionen Menschen getötet“. Aber, wie es ausState Department dazu trocken hieß: „Keinen kümmerte das, solange es sich um Kommunisten handelte, die abgeschlachtet wurden.“ Denn politisch ging es darum, das blockfreie Indonesien auf einen prowestlichen Kurs zu bringen, im Land eine „neue Ordnung“ herzustellen und mit buchstäblich allen Mitteln die größte kommunistische Partei außerhalb Chinas und der UdSSR auszuschalten, zu vernichten und auszulöschen.
Bild: Public Domain
Quelle: KOMintern

