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Politische Zensur bei der Winterolympiade

Schweizerische Friedensbewegung

Übernommen von Schweizerische Friedensbewegung:

Der italienische Sänger Ghali trat an der Eröffnungsfeier in Mailand auf. Der Staatssender RAI ignorierte den Sänger und tat alles, damit seine Botschaft des Friedens möglichst ungehört blieb.

Von Siro Torresan

Die Winterolympiade in Milano Cortina ist voll im Gange. Millionen von TV-Zuschauer:innen sahen sich am 8.Februar die Eröffnungsfeier an, die unter anderem im Stadion San Siro in Mailand stattfand. Dabei kam es zu einer skandalösen Zensur durch das italienische Staatsfernsehen RAI – eine Zensur, die ihresgleichen sucht, aber von kaum jemandem bemerkt wurde. Betroffen war der italienische Sänger Ghali: Die RAI lieferte Bilder über seinen Auftritt, als habe er nicht existiert, als wäre er nie aufgetreten. Aber warum?

«Stop al genocidio»
Um die Frage zu beantworten und die politische Dimension des Skandals zu verstehen, muss kurz über das Musikfestival Sanremo und Ghalis Auftritt im Jahr 2024 berichtet werden. Ghali Amdouni wurde am 21. Mai 1993 in Mailand als Sohn tunesischer Eltern in Mailand geboren und wuchs im Vorort Baggio auf. 2016 gelang ihm der kommerzielle Durchbruch und seitdem ist er eine feste Grösse der italienischen Musikszene. Das Festival di Sanremo, das jeweils im Februar stattfindet, ist weit mehr als ein Musikwettbewerb – seit 1951 ist es bei Weitem das wichtigste nationale Kulturereignis. Millionen von Italiener:innen verfolgen die Sendungen live, Familien sitzen gemeinsam vor dem Fernseher, am nächsten Tag prägen die Lieder, Outfits und Personen, die auf der Bühne des Teatro Ariston auftreten, Gespräche in Schulen, Büros und Cafés im ganzen Land – quer durch Alter, Region und soziale Schichten. Im Februar 2024 nahm Ghali am Festival teil. Am Ende seines Lieds «Casa mia» fragte er den Moderator, ob er noch etwas sagen dürfe. Ghali bekam das Okey, blieb einen Moment lang still und sagte dann: «Stop al genocidio» (Stoppt den Genozid). Himmel, lass es nicht wahr sein! – so oder ähnlich muss die faschistische Premierministerin Giorgia Meloni geschrien haben, als die Worte Ghalis über die Ariston-Bühne hallten. Sie tobte, mit ihr alle ihre rechten Regierungsverbündeten. Der israelische Botschafter in Italien kritisierte die Aussage scharf und bezeichnete sie als «Verwendung der Festival-Bühne zur Verbreitung von Hass und Provokation». Ghali nahm das Ganze ziemlich locker. In mehreren Interviews wies er darauf hin, dass er sich schon lange mit dem Thema beschäftige – und er habe zum Frieden aufrufen wollen, was er auch weiterhin tun werde.

Ein mutiger Entscheid
Ghali wurde – doch zur Überraschung vieler – zur Eröffnungsfeier der Olympiade eingeladen. Von Beginn weg war klar, dass Ghalis Auftritt eine musikalische Hommage an den Text «Prememoria» von Gianni Rodari (1920–1980) sein würde. Rodari war ein einflussreicher italienischer Schriftsteller, Journalist und Pädagoge, der als einer der bedeutendsten Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts gilt. Der Wortlaut der «Prememoria»: «Es gibt Dinge, die jeden Tag zu tun sind: sich waschen, lernen, spielen, den Tisch decken, mittags. Es gibt Dinge, die nachts zu tun sind: die Augen schliessen, schlafen, Träume haben, Ohren, um nichts zu hören. Es gibt Dinge, die man niemals tun sollte, weder tagsüber noch nachts, weder auf See noch an Land: zum Beispiel Krieg!» Eines muss man dem Organisationskomitee der Eröffnungsfeier lassen: Ghali einzuladen, war nach den Vorfällen von Sanremo 2024 durchaus ein mutiger Entscheid. «Der Sänger Ghali zitiert den Text von Gianni Rodari auf Italienisch, Französisch und Englisch und eröffnet eine starke Reflexion über die Ablehnung des Krieges», wurde der Auftritt Ghalis auf rainews.it angekündigt. Weiter war zu lesen: «Die Choreografie die den Text begleitet und von jungen Menschen unter 20 Jahren interpretiert wird, entwickelt sich mit Musik und Worten (…) und nimmt als Gestalt eine Taube an, ein universelles Symbol des Friedens.» Auf diese schöne Worte liess der Staatsender aber keine Taten folgen.

Ausgelöscht, da unbequem
Was dann geschah, ist Folgendes: Ghali tritt drei intensive Minuten lang auf. Drei Minuten zu den erwähnten klaren, pazifistischen Worten von Gianni Rodari. Und doch erwähnen die Kommentator:innen von Rai Uno den Sänger während der gesamten Performance kein einziges Mal. Kein Hinweis, keine Information. Als würde er nicht existieren. Die Regie tut ihr Übriges: Sie vermeidet den Sänger sorgfältig. Keine Nahaufnahmen, nur entfernte Einstellungen. Ghali ist der einzige Künstler der gesamten Zeremonie, dem ein Gesicht verweigert wird. Als wäre es gefährlich, ihn zu zeigen. Als könnte jemand zu Hause schockiert sein, ihn zu sehen. Also ist die Frage nur eine: Wie viel Angst macht euch dieser Mann? Wir sind hier nicht mehr im Bereich redaktioneller Entscheidungen. Wir sind darüber hinaus: Wir sind an dem Punkt, an dem ein unbequemer Künstler ausgelöscht wird. Gerufen, eingeladen – und dann unsichtbar gemacht. Eine Bestrafung dafür, dass er es gewagt hat, das System zu kritisieren. In vorbeugender Zensur wurde im verboten, über Gaza zu sprechen. Auf Arabisch singen, so wie angekündigt? Auch das wurde verboten. Völlige Verdunkelung, Auslöschung. Wie bereits erwähnt: Der Staatssender tat so, als hätte Ghali nie existiert. Sagen wir es klar und deutlich: Wenn das öffentlicher Dienst (Service public) ist, dann sind wir an einem Punkt, der einem Regime gefährlich nahekommt.

Quelle: vorwärts.ch

Quelle: Schweizerische Friedensbewegung

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