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Unbequemes Erbe

Übernommen von Unsere Zeit:

Am Donnerstag vergangener Woche hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in einer knappen Pressemitteilung den sofortigen Stopp der Abrissarbeiten auf dem Gelände des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) vermeldet. Damit folgt das Bezirksamt einem Antrag der Berliner Naturfreunde, die mit der ab März beginnenden Balz-, Brut- und Aufzuchtzeit besonders geschützter Arten argumentieren. Tiere wie der Haussperling oder der Hausrotschwanz, die innerhalb des SEZ brüten, seien einem erhöhten Tötungsrisiko ausgesetzt. „Wir halten den Abriss des SEZ aus ökologischen und sozialen Gründen für falsch. Aber auch beim Umwelt- und Artenschutz müssen sich die Wohnungsbaugesellschaft WBM und das Land Berlin an die Gesetze halten“, sagt Uwe Hiksch von den Berliner Naturfreunden.

Die Entscheidung des Bezirks, die Arbeit stoppen zu lassen, steht den Plänen des Senats und des Bausenators Christian Gaebler (SPD) im Weg. Die Eigentümerin, die landeseigene Wohnbaugesellschaft Mitte (WBM), hatte Anfang Februar kurzfristig angekündigt, am 2. März mit den Arbeiten zu beginnen. Geplant war, bis Ende September den Schwimmhallenbereich abzureißen. Der Rückbau der Funktionsgebäude und Außenanlagen sollte dann in einem zweiten Schritt folgen. Als Erinnerung an das einstige Wahrzeichen multifunktionaler, ostdeutscher Architektur sind vier Stahlstützen vorgesehen. Neben einer Schule und einer Sporthalle plant der Senat den Bau von rund 600 Wohnungen auf dem Gelände und argumentiert ausgerechnet mit fehlendem bezahlbaren Wohnraum.

Den Plänen des Senats und der WBM steht eine breite Bewegung zum Erhalt des SEZ gegenüber. Die bekommt durch den Baustopp etwas Luft, um neben dem Naturschutz weitere rechtliche und zivilgesellschaftliche Mittel auszuschöpfen. Der Verein „Gemeingut in BürgerInnenhand“ sieht alle denkmalfachlichen Kriterien erfüllt, um das SEZ in die Liste der Denkmäler Berlins aufzunehmen. Dem Antrag widersprach das Landesdenkmalamt Berlin im September und behauptete, dass das jahrelang leerstehende Gebäude durch Umbau, Vandalismus und Beschädigung zu sehr verändert worden sei und so der ursprüngliche Charakter nicht mehr erkennbar sei. Die Initiative „SEZ für Alle!“ kämpft dafür, dass das SEZ als städtebauliches Erhaltungsgebiet gesichert wird. In einer Petition fordert sie eine umfassende Sanierung und Wiedereröffnung des einstigen Publikumsmagneten. Unterstützung erhielten die Aktivisten kürzlich durch einen offenen Brief von 150 Expertinnen und Experten von 60 Universitäten. Sie betonten die hohe baukulturelle, stadtgeschichtliche und architektonische Relevanz des Gebäudekomplexes und forderten eine Sicherung des Baus sowie eine offene und transparente Diskussion um seine Zukunft.

Als das SEZ im Jahr 1981 im Ostberliner Bezirk Friedrichshain eröffnet wurde, galt es als weltweit einzigartig. Auf über 15.000 Quadratmetern standen Sport, Kultur und Unterhaltung im Zentrum. Ein erschwinglicher Eintrittspreis erlaubte die Nutzung des Schwimm- und Freizeitbads, von Eis- und Rollschuhbahn, Sporthallen, Fitnessstudios, Tischtennishallen und weiteren Sporteinrichtungen. Neben verschiedenen gastronomischen Einrichtungen gab es eine sportmedizinische Praxis. Konzerte und Großveranstaltungen lockten täglich tausende Besucher an.

Nach der Abwicklung der DDR und der staatseigenen Betriebe, arbeitete der Senat weiterhin daran, auch ihre Wahrzeichen und sozialen Errungenschaften zu schleifen. Der politische Wille des Senats, das SEZ dem Erdboden gleichzumachen, reiht sich ein in den Abriss des Palasts der Republik und die aktuell drohende Räumung des Theater Ost in Adlershof. Die Beharrlichkeit des Senats zeigt, dass das soziale Erbe des Friedensstaates DDR in Zeiten der Kriegsvorbereitung unbequem ist.

Quelle: Unsere Zeit

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