Übernommen von KOMintern:
Schon Karl Marx strich an einer berühmten Stelle heraus, dass der mit Messer und Gabel befriedigte Hunger – als Sinnbild menschlicher Kulinarik –, ein anderer als der tierische Hunger ist und die „Bildung“ bzw. Schärfung der menschlichen Sinne – darunter auch des Geschmacksinns, seines genusshaft ausdifferenzierten Unterscheidungsvermögens – „eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte ist“.
Der Mensch – obschon das, was da befriedigt wird, der Hunger, biologisch-physiologisch verlangt ist und er als bio-psycho-soziales Wesen sonach gleichzeitig ein Teil der Natur bleibt –, „überformt“ historisch demgemäß die bloße Nahrungsaufnahme resp. „hebt sie“ geschichtlich dialektisch „auf“. D.h., die Menschen essen (resp. fressen) jetzt nicht mehr nur mit Klauen und Zähnen um den Hunger zu stillen, sondern das Essen wird mehr und mehr zu einer kulturellen Freude, samt immer reichhaltigerer Speisekarte, auf Basis der Herausbildung einer Kochkunst – womit zugleich der Kulinarik die Geburtsstunde geschlagen hat. „Die Mahlzeit“, so Jürgen Kuczynski, „wird zu einer Freude – der Mensch lernt, seine Zunge zum Schmecken, zum Abschmecken zu verwenden.“
Bislang datierte man diesen qualitativen Sprung zur echten Kochkunst mit der Neolithischen Revolution, dem menschheitsgeschichtlichen Übergang zu Nahrungsproduktion durch Anbau (Bodenbau) und Viehzucht, und der tiefgreifenden Umgestaltung der Lebensweise in diesem Wandel von einer jagenden und sammelnden zu einer sesshaften Wirtschaftsform. Und in der Tat belegen die Funde der vielfältigen Arbeitsgeräte (darunter nicht zuletzt etwa steinerne Stößel und Mörser), Untersuchungen von Zahnfunden, chemische Analysen oder der erwiesene Beginn der Domestikation von pflanzlichen Wildformen und Tieren u.a.m. besagten Sprung. Plastischer noch, abermals mit Kuczynski: „Wenn man Schweine und Schafe, Rinder und Ziegen und so manches andere Getier züchtet, wenn man Milch verwendet, um sie zu trinken oder Butter und Käse daraus zu machen, wenn man lernt, die verschiedenen Fleischsorten zu rösten, zu braten, zu kochen und Suppen zubereiten, dazu Salz, Gewürze und Kräuter zu verwenden, und Wein, Bier und Met herzustellen – dann hat die Geburtsstunde der Kochkunst geschlagen.“
Eine neue Studie eines internationalen Forscherteams unter Leitung von Lara González Carretero lieferte auf Grundlage der Untersuchung von verbrannte Essensreste in 58 spätsteinzeitlichen Töpfen aus 13 archäologischen Fundstätten in Nord- und Osteuropa kürzlich nun starke Indizien, dass der Übergang zur Küche indes schon früher anzusiedeln ist. Und zwar bereits in spätsteinzeitlichen Jäger-Fischer- und Sammlergesellschaften. Diese wählten für ihre Mahlzeiten offensichtlich recht gezielt jeweils bestimmte Pflanzen aus und kombinierten diese mit spezifischen tierischen Zutaten nach Rezepten der „Steinzeitküche“. „Die Lebensmittel wurden nicht einfach nur ausgewählt, weil sie verfügbar waren, sondern sie wurden absichtlich verwendet, um ganz bestimmte Gerichte im Topf zu kreieren“, so Oliver Craig, Co-Autor der Studie, unterstreichend.
Und, obwohl viele der gewählten Pflanzen in ganz Europa verbreitet waren, wählte man die Zutaten und Kombinationen regional unterschiedlich. „Während im Ostseeraum … Viburnum-Beeren mit Fisch beliebt waren, wurden in Osteuropa … Fische eher mit Wildgräsern und Hülsenfrüchten kombiniert. In anderen Regionen wiederum kochte man bevorzugt Fisch mit grünen Pflanzenteilen von Gänsefußgewächsen“ – so wiederum der ORF die Analyse knackig unter der Zwischenüberschrift zu Recht als „Anfänge kulinarischer Traditionen“ pointierend.
Die bewusste Auswahl bestimmter Zutaten und deren gezielte Kombination verweist nach Ansicht Oliver Craigs aber nicht nur auf echte kulinarische Traditionen, sondern darüber hinaus auf etwas noch viel Grundlegenderes: Die spätsteinzeitlichen Jäger, Fischer und Sammler aßen nicht einfach nur, um zu überleben, sondern kannten auch bereits den kulinarischen Genuss.
Während neuere Erkenntnisse damit ein unvermutetes kulturell neues Licht auf die Steinzeit am Wege des Menschseins werfen, trachtet das politische Personal der westlichen Zivilisation immer mehr Völker „in die Steinzeit zurückbomben“ – ein Topos, der sich expressis verbis vom Koreakrieg bis zum zurückliegenden Palästinakrieg zieht – und in Armut zu halten, ja: über den Globus ein Darben in teils ‚vorsteinzeitlichen‘ Hunger zu verhängen. Auch dies strich Karl Marx schon frühzeitig hervor.
Bild: solarisgirl / Flickr / CC BY-SA 2.0
Quelle: KOMintern

