Übernommen von Unsere Zeit:
Napoleon Bonaparte wird der Ausspruch zugeschrieben: „Hindere deinen Feind niemals daran, einen Fehler zu begehen.“ Ein ähnliches Konzept verfolgten der chinesische Philosoph Lao-tzu, der im 6. Jahrhundert vor unserer Zeit gelebt haben soll, und der russische General Michail Kutusow im Krieg gegen Frankreich. Beide meinten, mit dem natürlichen Ablauf der Geschehnisse könne man bessere Ergebnisse erzielen, als wenn man sie gewaltsam zu beeinflussen suche. Das heißt aber nicht, dass jede Inaktivität Ausdruck von strategischem Denken ist.
„Wir drücken unsere tiefe Besorgnis über den militärischen Angriff auf die Islamische Republik Iran aus“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der BRICS+-Staaten. Das war im Juni letzten Jahres nach dem Überraschungsangriff Israels und der USA auf den Iran. Damals hatte Brasilien die Präsidentschaft von BRICS+ inne. Heute ist die Präsidentschaft bei Indien, und eine Solidaritätserklärung oder gar offene Unterstützung, die Iran zu Recht erwarten könnte, bleibt aus.
So besuchte der indische Präsident Narendra Modi seinen Freund Benjamin Netanjahu in Tel Aviv noch Stunden vor Kriegsbeginn. Technologie- und Verteidigungsprojekte und ideologische Übereinstimmung waren die Grundlage für das tiefe gegenseitige Verständnis zwischen Indien und Israel.
Gewiss, BRICS+ hat nicht das Ziel ideologischer Übereinstimmung, sondern konzentriert sich auf praktische Ergebnisse und gegenseitigen Nutzen. Aber es geht auch um die Schaffung einer „gerechteren und faireren Welt“, wie es im April 2011 auf dem BRICS-Gipfel in Sanya beschlossen wurde. Hat Iran so gesehen nicht Anspruch auf offizielle Unterstützung durch BRICS+ gegen den Überfall durch USA und Israel? Stattdessen drohen Saudi-Arabien (nicht offiziell Teil von BRICS+, doch immer wieder eingeladen) und die Vereinigten Arabischen Emirate, sich am Krieg gegen Iran beteiligen zu wollen. Dies entspricht weder Geist noch Buchstaben der BRICS-Erklärungen.
Widersprüche und selbst Krieg gibt es auch in westlichen Institutionen. Man denke nur an den Konflikt zwischen der Türkei und Griechenland um Zypern oder den möglichen Streit um Grönland. Doch hier werden die Konflikte durch Dominanz und Hegemonie der USA überdeckt. Anders bei BRICS+, hier gibt es zumindest formal keine dominierende Kraft. China und Russland sind vermutlich im Hintergrund auf vielen Ebenen zur Unterstützung des Iran gegen die Angriffe tätig. Aber die Organisation BRICS+ bleibt untätig, einzelne Mitglieder unterstützen den Angriff mehr oder weniger.
Die Zukunft von BRICS+ wird stark vom Ausgang des Krieges abhängen. Ein klarer Sieg der USA im Krieg gegen Iran wird die „Wendehälse“ in die Arme des Hegemonen holen. Besteht aber der Iran gegen USA und Israel, kann er seine Stellung in der Region ausbauen. Staaten wie Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate werden dann ihr Zaudern und ihre Halbheit bedauern.
Quelle: Unsere Zeit

