Start / Europa / Österreich / Zu den Anfängen der proletarischen resp. sozialistischen Frauenbewegung: Claire Lacombe & Flora Tristan (Teil II)

Zu den Anfängen der proletarischen resp. sozialistischen Frauenbewegung: Claire Lacombe & Flora Tristan (Teil II)

Kommunistische Gewerkschaftsinitiative - International

Übernommen von KOMintern:

Das mit Claire Lacombe so schwungvoll einsetzende Denken der Geschlechterverhältnisse im Rahmen patriarchal geprägten Klassenverhältnisse fand seine Fortsetzung in Flora Tristan (1803 – 1844). In dieser Wechselwirkung von patriarchalen Geschlechterverhältnissen und Klassenverhältnisse strukturieren sich beide in konkreter Formbestimmtheit der kapitalistischen Gesellschaftsformation gegenseitig. Mit dieser Einsicht in die unauflösliche Verschränkung der Klassen- und Geschlechterfrage und deren notwendiger politischer Verbindung wurde Flora Tristan – nach vermittelnden Denkeinsätzen und Impulsen des utopischen Sozialismus und saint-simonistischer Theoretikerinnen –, zur Pionierin der frühsozialistischen Frauenbewegung, die zugleich ein neues Kapital in der Geschichte des Frauenbefreiungskampfes eröffnete, ja bis in einzelne Formulierungen hinein sogar zu Marx und Engels überleitete.

Anders als Claire Lacombe und die Saint-Simonistinnen kam zwar auch Flora Tristan gemeinhin nie über ein bloß stiefmütterliches Bürgerinnenrecht in der Ahninengallerie der proletarischen, sozialistischen Frauenbewegung hinaus, kann aber, zumal im deutschsprachigen Kontext, als viel eingehender aufgearbeitet gelten. Allen voran sicherlich durch das von Florence Hervé herausgegebene Buch „Flora Tristan oder: Der Traum vom feministischen Sozialismus“.

Der utopische Sozialismus und seine weitgehend vergessenen Aktivistinnen, Theoretikerinnen und Schriftstellerinnen als Scharnierglied

Wirkungsgeschichtlich liegt der sozialistischen Emanzipationstheorie und -Bewegung zeitgeschichtlich dann allerdings der utopische Sozialismus vermittelnd zu Grunde. So gilt Charles Fourier, wenn auch historisch nicht ganz korrekt, in der Literatur vielen bis heute als der Inaugurator des Begriffs „Feminismus“. Die, aus seiner intensiven Beschäftigung mit der Gleichheit von Mann und Frau hervorgehenden, Ideen gaben – flankiert noch um die begleitenden Denkeinsätze der saint-simonistischen Schule durch namentlich Prosper Enfantin sowie Robert Owns Musterkommune „New Harmony“ mit kollektiv organisierter, vergesellschafteter Hausarbeit – unzweifelhaft die bedeutendsten geistigen und politischen Impulse. In der Forschung dagegen nur spärlich aufgearbeitet sind bis heute die herausragenden Rolle Saint-Simonistinnen wie Claire Démar, Marie-Reine Guindorf, Désirée Gay, Eugénie Niboyet, Suzanne Voilquin, Pauline Roland, Jeanne Deroin, aber auch von Claire Bazard – von denen sie auch mit den meisten in Kontakt stand. Auf diesen Spuren des vormarxistischen Sozialismus sowie jener von Mary Wollstonecraft setzt mit Flora Tristan dann sozusagen endgültig die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung ein. 

Clara Zetkin – Flora Tristan

Die große Clara Zetkin widmete Tristan demgemäß auch ein Kapitel in ihrem Buch „Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung“ (1928). Tristan war, vielfach in Vergessenheit geraten, auch längere Zeit in Peru und drückte in ihrem Werk „Fahrten einer Paria“ von 1837 den indigenen Frauen in Peru ihre tiefe Bewunderung aus. Ihre sozialkritische Reportage „Spaziergänge durch London“ von 1940 wiederum, wird nicht selten mit Engels sieben Jahre später erschienenen „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ verglichen.

Tristan, Marx und Engels – von Tristans Hauptwerk „Arbeiterunion“ zum „Kommunistischen Manifest“

In ihrer engeren politischen Aktivität lernt sich auch Arnold Ruge kennen, der 1843 in Paris gemeinsam mit Marx die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ herausgab. Der Faden zu Marx und Engels spannt sich aber weiter. Im selben Jahr plädierte sie in ihrer Schrift „Arbeiterunion“ für die Gründung einer eigenständigen Organisation aller Arbeiter und Arbeiterinnen sämtlicher Nationen, einer Arbeiterinternationale. Bereits fünf Jahre vor dem „Kommunistischen Manifest“ erklärte Tristan, dass sich die Arbeiter und Arbeiterinnen nur selbst befreien können, und formulierte: „Die Befreiung der Arbeiter wird das Werk der Arbeiter sein“, „Proletarier, vereinigt euch!“ Parallel fordert sie nachdrücklich die Befreiung der Frau. Denn die Frauen haben in den bisherigen Gesellschaften „nichts gegolten“. „Der am meisten unterdrückte Mann kann immer noch ein anderes Wesen unterdrücken – seine Frau. Die Frau ist die Proletarierin ihres eigenen Proletariats.“

Wirken und Werk – abermals „unten, wo das Leben konkret ist“ (Hegel)

Arnold Ruge berichtet in diesem Zusammenhang bewundernd über Tristan: „Sie geht selbst in die Werkstätten und Wirtshäuser der Arbeiter und, was den Männern nicht gelingt, sie weiß sich das Zutrauen dieser ungeleckten Bären zu erwecken“ – und riet Marx zur Lektüre von Flora Tristans Schriften, insbesondere der „Arbeiterunion“. Entgegen der angespielten Vermutung von Mario Vargas Llosa, dürften sich die bereits 1844 verstorbene Tristan und Karl Marx jedoch nie persönlich kennengelernt haben.

Jedenfalls, so Clara Zetkin: „Sie ist die erste Verfechterin der Frauenrechte, die sich eingehend mit den Löhnen, mit der Lage der Arbeiterinnen beschäftigt und die Rolle der proletarischen Hausfrau nach ihrer sozialen Bedeutung für die Arbeit einschätzt.“

Zugleich standen ihr darin die Gewalt gegen Frauen – die sie von Seiten ihres Ehemannes, der sie zu Prostitution zwingen und später auf öffentlicher Straße zu erschießen versuchte, auch persönlich nur zu gut kannte –, sexueller Missbrauch, das soziale Unrecht gegen die Arbeiterschaft, sowie der seinerzeit zunehmenden Frauen- und Kinderarbeit, und die gesellschaftliche Benachteiligung und Ausgrenzung – die sie als feministische Sozialistin erfahren musste – als multiple Dimensionen der Unterdrückung im Auge.

Die unauflösliche Verschränkung der Klassen- und Geschlechterfrage

Bereits unter entwickelteren sozial-ökonomischen Verhältnissen als ihre Vorgängerinnen, inmitten der Industrialisierung Frankreichs wirkend, gelangte Tristan in Großbritannien nicht nur zu tieferen Einsichten in die unauflösliche Verschränkung der Klassen- und Geschlechterfrage, sondern maß auch der Forderung des organisierten Kampfes für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein neues Gewicht bei.

Die Traditionslinie Claire Lacombe und ihre Mitstreiterin Pauline Léon – mit denen sich (noch über Olympe de Gouges hinaus) bereits in der Französische Revolution von 1789 nicht nur historisch breiter aufkeimend der Gedanke der Gleichberechtigung der Geschlechter Bahn brach, sondern die als Protagonistinnen der Bewegung der Frauen die Revolution sowohl aktiv mitgetragen, sowie in Gestalt der weiblichen Sansculottinnen die Forderung der organisierten Bewaffnung der Frauen zu einem ihrer wesentlichsten Anliegen erhoben haben –, zu Flora Tristan, hat dann auch ein stärker auf die patriarchal geprägten Klassenverhältnisse denn eine vereinfachte sozial indifferente Mann-Frau-Dichotomie abhebendes neues Kapitel in der Geschichte des Frauenbefreiungskampfes eröffnet – dessen unterschiedliche Denkeinstellungen sich dann von den Auseinandersetzungen zwischen der späteren proletarischen mit der bürgerlichen Frauenbewegung, über Bruchlinien der Neuen Frauenbewegung, bis in die sog. dritte Welle des Feminismus hindurchzogen und noch heute ziehen.

Und entsprechend haben sowohl Flora Tristan wie Karl Marx auch ihrerseits je explizit den Satz Charles Fouriers aufgegriffen: „Die Veränderung einer geschichtlichen Epoche lässt sich immer aus dem Verhältnis des Fortschritts der Frauen zur Freiheit bestimmen … Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation.“

Eine Emanzipation die zu Tristans Wirkzeit von Neuem unter die Räder der antinapoleonischen Restauration gekommen war, bevor sie sich kurz nach ihrem Tod in der 1948er-Revolution auf höherem Niveau wieder Bahn brach. Dahingehend lebte sie denn auch in einer analogen Zeitetappe zu heute.

Die (dialektisch) nicht absolut gesetzte, gemeinsame Klassenlage als Angelpunkt

In ihrem sogenannten „Englandbuch“ (Spaziergänge durch London bzw. Im Dickicht von London oder Die Aristokratie und die Proletarier Englands) beschrieb sie auch die politischen Gezänke und Grabenkämpfe im politischen System der Insel eingehend, um aus den Verhältnissen und der Lage allerdings viel grundsätzlicher und radikaler zu schlussfolgern und zu positionieren: „Aber der große Kampf, der die Struktur der Gesellschaft verändern wird, das ist der Kampf zwischen den Grundbesitzern und Kapitalisten einerseits, die über alles, über Reichtum und politische Macht, verfügen und in deren Interesse das Land regiert wird; und den Arbeitern in den Städten und Dörfern andererseits, die nichts besitzen, weder Boden noch Kapital noch politische Macht, jedoch zwei Drittel der Steuern zahlen, Rekruten für das Heer und für die Flotte stellen …“

Entsprechend ihrer gewonnenen Einsichten in die patriarchal geprägten kapitalistischen Klassenverhältnisse formulierte sie in bis dahin von noch niemanden zuvor erreichter Deutlichkeit: „Es ist eure Aufgabe, Arbeiter, die ihr Opfer der realen Ungleichheit und Ungerechtigkeit seid, auf Erden endlich das Reich der Gerechtigkeit und absoluten Gleichheit zwischen Mann und Frau zu errichten.“

Postludium

Clara Zetkin, auf deren und Alexandra Kollontais Antrag hin die II. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz 1910 den weltweiten Internationalen Frauentag als Kampftag für die „ganze Frauenfrage“ beschloss, widmete Flora Tristan, wie gesagt, demgemäß auch ein Kapitel in ihrem Buch „Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung“. Zunächst noch nicht zu einem einheitlichen Datum begangen, beschloss die II. Internationale Konferenz der Kommunistinnen unter Leitung Zetkins 1921 dann einstimmig, dass der Internationale Frauentag künftig einheitlich in der ganzen Welt am 8. März stattfinden sollte.

Der Kampf um die Gleichstellung und Befreiung der Frau steht heute, ähnlich den Zeiten der feministischen Sozialistin Flora Tristan, mehr denn je auf der Tagesordnung – und wird in kämpferischer Traditionslinie heute wie ehedem in all seinen Facetten ausgefochten.

Quelle: KOMintern

Markiert: