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Arbeiterbewegung, Gewerkschaften und die Linke – Krieg und Frieden II

Kommunistische Gewerkschaftsinitiative - International

Übernommen von KOMintern:

Galt Krieg Jahrhunderte hindurch als gesellschaftlicher Normalzustand – unterbrochen von Pausen des Friedens – griff insbesondere mit und im Gefolge der Aufklärung ein neues Denken Platz. „Der Krieg“, so der marxistische, japanische Theoretiker Chikatsugu Iwasaki den Fußpunkt resümierend,„ist keine Naturkatastrophe; er wird von Menschen geführt. Folglich können und müssen sie die Grundlagen von Kriegen und die Gründe für Kriege beseitigen und dauerhaft Frieden schaffen.“

(Teil I mit politisch-geschichtlichen Bojen und Marxens einbeziehenden Blick auf die Kriege gegen Länder der Peripherie erschien zu Jahresbeginn – und wurde zwischenzeitlich mit der militärischen Aggression gegen Venezuela, der verschärften Strangulierung Kubas und dem nunmehr tobenden US-israelischen Angriffskrieg gegen den Iran in der Realität in seiner Aktualität fortgeschrieben.)

Dazu ist zunächst freilich gleichermaßen zwischen Kriegen und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen im unspezifischeren Sinne zu unterscheiden. In der Tradition Marx-Engels-Lenin gilt es den Krieg dabei (zunächst) als Erscheinung bzw. Produkt der Herausbildung, Entfaltung und Entwicklung antagonistischer Klassengesellschaften zu begreifen. Zwar gab es „gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen … Stämmen, Horden, Dorfgemeinschaften“ (Ekkehart Krippendorff) auch schon vor der Herausbildung der Klassengesellschaften. Aber urgesellschaftliche Formen bewaffneter Gewaltakte zwischen Stämmen etc., von Friedrich Engels zur begrifflichen Differenzierung auch „alte(r) Krieg“ genannt, entsprangen im Unterschied zum Krieg als sozialem Phänomen klassengespaltener Gesellschaftsformationen nicht einem innergesellschaftlichen Antagonismus, sondern resultierten vielmehr aus bzw. repräsentierten demgegenüber weitgehend noch die primitiven Daseinsbedingungen des Menschen. Dergestalt unterschieden sie sich von den späteren oder genauer: den Kriegen in der Strenge des Begriffs der letzten rund fünfeinhalbtausend Jahre auch wesenskonstitutiv hinsichtlich ihrer Ursachen und Ziele. Als Ursachen fungierten nicht bornierte Klasseninteressen, sondern mit Reinhard Kühnl gesprochen, „vielfach Veränderungen in den Naturbedingungen (Dürren, Überschwemmungen), die die Ernährung bedrohten und Wanderungen auslösten“ und dabei manchmal gewalttätigen Auseinandersetzungen zeitigten. Deren „Zweck“, wie Krippendorff in seiner einschlägigen Untersuchung „Krieg und Staat“ gegen nebulöse Einebnungen der („modernen“) Kriegs-Friedens-Problematik festhielt, war „die Selbsterhaltung des Verbandes“, nicht aber „Expansion, Aneignung fremder Ressourcen [und akkumulierter Vermögen] zur Verbesserung der eigenen materiellen Basis“, geschweige denn die Gewinnung abhängiger Arbeitskräfte (resp. Sklaven oder Knechte). Dafür war schon der Entwicklungsstand der Produktivkräfte viel zu gering und ließen die ökonomischen Strukturen sonach noch kein Interesse an Ausbeutung anderer Horden und Stämme oder an einer Herrschaft über Menschen aufkommen. (Zu den urgeschichtlichen Übergängen zur Entstehung einer ersten anhebenden Tendenz zu Gewalt, Raub und Krieg im Einzelnen vgl. die klassischen Arbeiten von Claude Meillassoux sowie Heinz Grünert.)

Zum Krieg in der Theorietradition Clausewitz – Marx/Engels – Lenin

Den näheren Ausgangspunkt, auch des Denkansatzes der Klassiker des Marxismus und der Arbeiter:innen- und Gewerkschaftsbewegung, wiederum, markiert zunächst Carl von Clausewitz‘ klassische Definition: „Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, nämlich den Mitteln der Gewalt“ – die von Marx, Engels und Lenin vertieft, weiterentwickelt und in ihren theoretischen Ansatz dialektisch „aufgehoben“ wurde. Damit bestimmte Clausewitz erstmals präzise den Instrumentalcharakter des Krieges und insistierte zu Recht auf das Primatsverhältnis der Politik gegenüber der staatlich organisierten Gewaltanwendung. Darin liegt zugleich: er wird (im Regelfall) bewusst geplant, vorbereitet, geführt (oder zumindest einkalkuliert und in Kauf genommen) und ist darin zugleich immer auch mit subjektiven Akteuren verknüpft – die mit den sozialökonomischen Verhältnissen vermittelt sind, in Beziehung stehen, aber darin zugleich als bewusste Subjekte wirken (vgl. klassisch bereits: G.W. Plechanow „Über dir Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte“). Hierzu müssen auch Heere erhalten, Armeen aufgerüstet und ausgebildet resp. zum Angriff zusammengezogen werden. Politik aber ist das Verfolgen von Klasseninteressen, oder sinngemäß mit Lenin gesprochen – der Clausewitz „eingehend studiert“ hat (Étienne Balibar) – „komprimierter Ausdruck der Ökonomie“.

Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln & Politik als komprimierter Ausdruck der Ökonomie

Die Kriege unserer Zeit wurzeln sonach – vorrangig bzw. ihren geschichtlich bestimmenden Triebkräften nach – in der kapitalistischen Akkumulationsdynamik, haben (wenn auch nicht die einzigen, so doch als stärkste Treiber) im Kern ökonomische Ursachen (freilich in letzter Instanz, nicht im Holzkeilverständnis eines je einfachen unmittelbar-konkreten ökonomischen Zuordnungssinns nach Schema:  Krieg X – wegen Rohstoff X, Krieg Y wegen Absatzmarkt Y, …  – obschon ein nüchterner Blick auf die imperialistischen Kriege der letzten 150 Jahre auch darüber drastisch zu belehren vermag –, bis hin zu darin wurzelnden geostrategischen Kriegen um strategisch relevante Räume, Verkehrswege oder politische wie militärische Einflusssphären etc.; ohne die schon bspw. der Vietnam- oder Korea-Krieg nicht zureichend erklärbar wären). Um diesen immanenten Zusammenhang von Klassengesellschaft, materiellen Interessen und Krieg wusste man historisch schon seit der Antike. So etwa bereits in Thukydides „Mehrhabenwollen“ als ökonomischem Motiv des Peloponnesischen Kriegs aufscheinend bzw. dann noch viel ausdrücklicher, wenn Platon den Krieg als einen Teil der „Erwerbskunst“ kennzeichnet, der auf „Erwerb von Geld und Gut“ und „Grund und Boden“ gerichtet ist. Und in den mit der Herausbildung von Klassengesellschaften einhergehenden Eroberungen, Aneignungen fremder Ressourcen und akkumulierter Vermögen (insbes. Gold, aber zugleich Besitz allgemein), des Raubes von Land und Vieh, massenhafter Versklavungen, der Gewinnung von Knechten und Frauen, sowie früh auch schon der Beherrschung von Handelswegen, der Durchsetzung von Tributen und Tributabhängigkeiten, eine Blutspur und Spur der Vernichtung durch die Geschichte zog. Entsprechend bilden heute denn auch der Kampf um Absatzmärkte, um Kapitalveranlagungsräume, um Ressourcen, um strategische Verkehrswege, um Hightech-Boomregionen, um Arbeitskräfte, um geopolitische Einflusssphären und hegemoniale Vormachstellung(en) im Kapitalismus die stärksten und bestimmenden Triebkräftedes Krieges, ist er als „Fortsetzung“ der herrschenden Profit- und Klasseninteressen „mit anderen Mitteln“, nämlich denen staatlich organisierter Gewaltanwendung aus den ökonomischen Strukturen und deren Entsprechungen an Ambitionen wie imperialistischen Ansprüchen zu begreifen. Und sind die Staaten der militärischen Waffengewalt damit korreliert als Klassengebilde zu identifizieren.

Zum Frieden in der Theorietradition Clausewitz – Hegel – Marx/Engels – Lenin

In diesem „Sinnhorizont“, so Lenin Clausewitz mit Hegel (dass „auch im Kriege, dem Zustand der Rechtlosigkeit, der Gewalt und der Zufälligkeit … selbst der Krieg als ein Vorübergehensollendes bestimmt ist“) dialektisch in inverser Dimension fortpräzisierend, gilt denn ebenso: „Der Frieden ist die Fortsetzung der gleichen Politik, unter Berücksichtigung jener Veränderungen im Kräfteverhältnis der Gegner, die durch die Kriegshandlungen eingetreten sind.“ D.h. der Krieg (so seine inverse Dialektik) mündet nach seinem Austrag, seiner Ausfechtung wieder im Nicht-Krieg („Abwesenheit von Waffengewalt“), genauer: in einem von ihm inhaltlich geprägten Frieden, sprich: in einem von den dominanten Klasseninteressen geprägten, heute vorrangig imperialistischen Raub- und Gewaltfrieden, einem ungerechten Diktat. Der imperialistische, ungerechte Frieden, der sich mit Beendigung der militärischen Kampfhandlungen zeitlich wieder einstellt, ist sonach als eine Art Fortsetzung des Kriegs mit „zivilen“ Mitteln zu identifizieren und zu bestimmen – ohne damit den darin statthabenden qualitativen Wechsel in den internationalen Beziehung zu nivellieren – , auf dessen Grundlage man nun unter veränderten Kräfteverhältnissen und neu etablierten Machtverhältnissen seine Interessen anders, besser, effektiver durchsetzen kann. Wie der Krieg, so hängt auch der Charakter des Friedens von den dahinterstehenden sozialen Kräften und der konkret dahintergelegenen Politik, deren Fortsetzung er ist, ab. Gerade darin liegt die grundlegende Krieg-Friedens-Dialektik des Imperialismus. Freilich sind in solchen inhaltlich vom Krieg geprägten „ungerechten“ oder „kapitalistischen Frieden“ (Ernst Bloch) sogleich „neue“ Konflikte angelegt, ist der „kapitalistische Frieden“ pointiert formuliert in der Regel nur eine partielle Nicht-Kriegs- oder Zwischenkriegszeit mit weiter schwelenden oder offenen Konflikten hin zu neuen Kriegen.

Krieg, ein „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ (Clausewitz)

Die Aufgabe des Krieges (das Kriegsziel) liegt (von Ausnahmen wie Vernichtungskriegen abgesehen – etwa dem von Nazi-Deutschland von Anfang an als Vernichtungskrieg konzipierten und geführten Krieg im Osten, allen voran gegen die Sowjetunion, untrennbar verschränkt mit den systematischen Vernichtungsprogrammen und -kampagnen der sog. „Endlösung“, sprich: vollständigen Ausmordung der Juden, der Vernichtung der Roma und Sinti, sowie den Massenvernichtungspolitiken gegen Slawen und Russen („Generalplan Ost“) und Kommunist:innen) im Normalfall denn auch nicht in der Vernichtung „des Gegners“, sondern vielmehr in dessen Unterwerfung sowie oder durch Vernichtung seiner Machtinstrumente und -strukturen (z.B. Militär, aber vielfach auch der politischen Führung), um seine eigenen Interessen auf Grundlage dieser Verschiebung der Kräfteverhältnisse in neuer,  qualitativ gewandelter Weise durchsetzen zu können. Oder in Clausewitz‘ klassischer Charakterisierung und Kennzeichnung des Kriegs als „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“.

Allerdings, zieht man die US-, französisch-, britisch-, deutschen Koalitions-Kriege in Afghanistan oder gegen Libyen und anderswo heran, wird deren Einordnung schillernd. Anders als etwa die schmutzige, aber in Kriegsziel und militärischer Aufgabe sozusagen „klassische“ Aggression gegen Venezuela, haben jene völlig verwüstete Länder, „Failed States“, und eine schlichtweg desolate soziale und politische Lage und Trümmerhaufen sondergleichen hinterlassen. Ein Schicksal das aktuell auch Iran drohen könnte, dem Donald Trump wahlweise droht ihn „in die Steinzeit zurück zu bomben“ oder infrastrukturell und energiepolitisch „auszulöschen“. Denn, so Souverän der ‚freien Welt‘ auf truthsocial nachsetzend, „unsere Streitkräfte, die größten und stärksten der Welt, haben noch nicht einmal damit begonnen, das zu zerstören, was im Iran noch übrig ist“.

Wirkliche Ursachen, tiefere Kausalitäten und wahre Ziele contra herrschender Kriegspropaganda als Kriegspropaganda der Herrschenden

Ist „der Krieg die Fortsetzung der Politik der einen oder der anderen Klasse“, so nochmals Lenin, ist es für historisch konkrete Beurteilungen resp. Einschätzung des Charakters eines Krieges (zu völkerrechtlichen Fragen, Völkerrechtsbrüchen und den aktuell in neuer Qualität zelebrierten, offenem Völkerrechtsnihilismus hinzu) unerlässlich zu analysieren, welche Politik (darin) fortgesetzt wird. Das heißt: „Man muss untersuchen, aus welchen historischen Bedingungen heraus der betreffende Krieg entstanden ist, welche Klassen ihn führen und mit welchem Ziel sie ihn führen.“ (Lenin) Also die historischen Wurzeln, die Eskalationsgeschichte, die Klasseninteressen, die wirklichen Kriegsziele zu analysierenden und daraus einen entsprechenden und inhaltlich tragfähigen Begriffseines Charakters zu gewinnen.Weshalb Lenin die Grundfrage der Beurteilungdes sozialen Inhalts und Fußpunkts der Kriege darin festmacht: „welchen Klassencharakter der Krieg hat, weswegen dieser Krieg ausgebrochen ist, … welche historischen und historisch-ökonomischen Bedingungen ihn hervorgerufen haben“. Denn die wirklichen Ursachen und tieferen Kausalitäten, die geschichtlich zu Kriegen führten bzw. führen, sowie die eigentlichen Ziele, die mit diesen verfolgt werden, lassen sich natürlich nicht einfach aus der Nacherzählung der Ereignisse, gar aus der, womöglich noch für bare Münze genommenen oder überhaupt umstandslos übernommenen, Kriegspropaganda und den feilgebotenen Narrativen mit denen Kriegsgänge begründet und gerechtfertigt werden erschließen. Diese triefen vielmehr nur so von Kriegslügen, massiven Irreführungen und raffinierten Inszenierungen – von denen die Auf- und Hochrüstungen zum Krieg als präsentierte Verteidigungsmaßnahmen noch die sozusagen gelindesten sind, vergegenwärtigt man sich nur das dreiste Lügengespinst vom Ersten über den Zweiten Weltkrieg, über den Vietnamkrieg bis zum Irakkrieg, den begleitenden und seitherigen Räuberpistolen, bis zum aufgetischten Mumpitz der neuen US-„Donroe-Doktrin“, gipfelnd in den überhaupt im Wochentakt wechselnden Kriegsgrund-Purzelbäumen und Lug & Trug im aktuell tobenden Angriffskrieg auf den Iran.

Analytische Kriterien gegen den ideologischen Tsunami der Gegenwart – nicht zuletzt auch einer gewissen Linken

Mit dem theoretischen Ansatz und Kriegs-Friedens-Verständnis der Klassiker wurden der Arbeiter:innen- und Gewerkschaftsbewegung zugleich analytische Kriterien zur Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen in die Hand gegeben, deren ungebrochene Gültigkeit von diesen und der Linken nur um den Preis einer geistig-politischen Selbstamputation und ideologischen Tsunamis zu dementieren wären. Marx, Engels und Lenin waren sonach, obschon oder vielmehr gerade weil sie auch der Idee eines ewigen Friedens zum real-historischen Durchbruch verhelfen wollten, auch keine Pazifisten. Ihr Standpunkt, wie schon am tradierten Begriff des „gerechten Krieges“ (oder auch ‚gerechtfertigten Befreiungskrieges´) augenfällig, impliziert demgegenüber ebenso die Anerkennung „gerechter“ Kriege, „Verteidigungskriege“, wie Lenn schreibt, „der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten Staaten“ gegen „die Unterdrücker, die Sklavenhalter, die Räuber – die ‚Groß‘mächte“. Ein Fußpunkt der Beurteilung konkreter Kriege, die sich freilich in weiterer Folge darüber hinaus ebenso am „Kriegsvölkerrecht“, ihrem jeweiligen Zweck-Mittel-Verhältnis, sowie moralischen Erwägungen bemessen. (Weshalb u.a. denn auch nicht alle die dort ein Minuszeichen setzen wo der Imperialismus ein Plus setzt, schon automatisch als Antiimperialisten, gar strategische Partner des proletarischen Internationalismus oder antiimperialistische Bündnispartner gelten können – wenngleich andernteils etwa die Legitimität ihres Erwehrens gegen imperialistische Aggressionen, das als Recht auch in der UNO-Charta verankert ist, außer Frage steht und sie darin in objektivem  Widerspruch zur namentlich beispielsweise US-imperialistischen Globalstrategie und in dieser Hinsicht oder Konfliktachse, wie Conrad Schuhler die Komplexität eines dialektischen Begriffs der politischen Lage festhielt, „auf der richtigen Seite der globalen Auseinandersetzungen stehen“. ) Oder um das authentische Verständnis Lenins und die dem Marxismus in der Tradition Marx-Lenin originäre Auffassung nochmals mit Domenico Losurdo auf den Punkt zu bringen: „Die Konflikte zwischen Ländern mit unterschiedlichem politisch-sozialen Entwicklungsniveau sind zu bewerten nicht anhand des mehr oder weniger fortgeschrittenen Charakters des Regimes, das in ihnen herrscht, sondern ausgehend von der objektiven Natur des Widerspruchs, der sich zwischen ihnen entwickelt.“ Das ist auch „der Grund, warum zurückgebliebene Länder, obwohl sie von feudalen Ständen geführt werden“, für Lenin und die marxistische Arbeiter:innenbewegung wie Linke, „Protagonisten eines gerechten nationalen Freiheitskampfes oder -krieges (sowie selbstredend gerechten Verteidigungskriegs, Anm.) sein können.“

Darin liegt für einen Begriff der globalen politischen Lage, dass während es in einem Krieg zwischen Imperialisten in ihrem Expansions- und Machtdrang keine „Vaterlandsverteidigung“ geben kann, die Frage gerechter Kriege – namentlich um sich imperialistischer Aggressionen zu erwehren, als Verteidigungskriege gegen imperialistische Angriffskriege oder als antikoloniale Befreiungskriege bzw. des Ausbruchs abhängiger Staaten aus ihrer gewaltsame Unterdrückung … – für unsere historische Epoche, zumal deren gegenwärtiger Periode, geschichtlich noch alles andere als vom Tisch ist. „Die gerechten Kriege können, als Befreiungskriege gegen den Imperialismus, bald die Form eines Bürgerkriegs (der unterdrückten Klassen), bald die eines Verteidigungskriegs (der unterdrückten Nationen und Völker) annehmen“ (Lenin). Dass deren Anerkennung mitnichten das Ziel Kriege generell zu verhindern dementiert, sei nur der Vollständigkeit halber gegen manch bürgerliche Entstellungen des Marxismus angeführt und festgehalten. In der Bewertung von gerechten und ungerechten Kriegen (zur historisch konkreten Beurteilung) sind zudem je auch Wandlungen in der Realität möglich und zu beachten (etwa vom anfänglichen Verteidigungskrieg zum Eroberungskrieg – vgl. etwa Marxens und Engels Auffassung und Haltung zum Deutsch-Französischen Krieg bis zum Sturz Napoleon III. in vorimperialistischem Stadium – , oder von einem anfänglich zwischenstaatlichen zu einem Stellvertreter-Krieg, aber etwa auch Lenins auf noch einmal ganz anderer Linie liegenden Reflexionen zur etwaigen Wandlung von zwischenimperialistischen „Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten“).

Die gleichzeitige normative barbarische (Eigen-)Qualität des Krieges bei Marx, Engels und Lenin

Aus diesen Ausgangspunkten und näheren Spezifizierung der Kriegs-Friedens-Dialektik resultiert nun allerdings keine Dementierung der Ächtung der hiervon unabhängigen, eigenbedeutsam barbarischen Qualität des Krieges als Krieg durch die Klassiker. Denn Kriegen kommt zugleich eine eigene, von der Politik (deren Fortsetzung sie sind) und analytischen Differenzierung unabhängige destruktive Qualität zu. Dies wurde – darin aus analytischer und aus normativer Sicht unterscheidend – nicht zuletzt auch von Lenin mit aller Nachdrücklichkeit unterstrichen, wenn er betont: „Die Sozialisten haben die Kriege unter den Völkern stets als eine barbarische und bestialische Sache verurteilt.“ Oder wie mit Lenin – in Anknüpfung und Fortführung an Marxens Programm „den Krieg aus(zu)rotten“ – bereits oben betont wurde, dass jeder Krieg mit (unsäglichen) „Greuel, Brutalitäten, Leiden und Qualen“ verknüpft ist. Potenziert nochmals um den Horror eines „Weltkriegs“, den Friedrich Engels schon in dessen aufziehendem Stadium als „die schrecklichste aller Möglichkeiten“ bezeichnete und brandmarkte.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jh., zumal mit der menschheitsgeschichtlich völlig neuen Qualität von Atomwaffen in den internationalen Beziehungen, der Gefahr eines nuklearen Schlagabtausches, gar des Infernos eines Weltkriegs im Atomzeitalter, hat diese „schrecklichste aller Möglichkeiten“ nochmals eine qualitativ neue Dimension erreicht. Und dieser Umstand betrifft nicht nur den zuvor angesprochenen normativen Aspekt in seiner heutigen Verheerungsqualität bzw. den präskriptiven Eigenwert des Friedens, sondern die Logizität des Krieges als Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln selbst, worum es dann in Teil III ausführlicher handeln wird.

Dialektisch-materialistischer Erbantritt der Idee des ewigen Friedens

Darin sowie in seinem elaborierten theoretischen Ansatz – in abschließender Parenthese – knüpft der Marxismus zugleich an die Idee des „ewigen Friedens“ an und hat diese dialektische in sich aufgehoben. Allerdings – obwohl der „ewige Friede“ nicht nur einen sozusagen erratischen, abgeschlossenen Zustand meint, sondern aspektiv zugleich als Prozess zu begreifen ist – nicht als wirklichkeitsferne Luftschlösser in Ausklammerung der realen Bedingungen, sondern seine nötigen, erforderlichen objektiven und subjektiven Bedingungen mitveranschlagend. Die primären gesellschaftlichen Bedingungen dazu erblickten die Klassiker des Marxismus bekanntlich in der Herstellung einer Gesellschaftsordnung, „deren internationales Prinzip der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht – die Arbeit!“. Denn, sind es primär die sozial-ökonomischen Verfasstheiten der Gesellschaftsordnungen und gesellschaftliche Bedingungen – bzw. politisch gesprochen: herrschende Klassen und Klassenfraktionen, ihr politisches Personal und ihr Vehikel des bürgerlichen Staates – die die Menschen in den Krieg gegeneinander treiben; dann liegt auch in der, mit dem Prinzip der Befreiung und Selbstregierung der Arbeitenden und Völker verkoppelten, Aufhebung dieser Verhältnisse und Bedingungen der Weg zur Herstellung eines dauerhaften, letztlich des ewigen Friedens. Freilich eingedenk bestimmter relativer Eigenständigkeiten der Überbauten wie insbesondere weltanschaulich-politische, nationalistische, ethnische, tribalistische, religiöse, chauvinistische Faktoren und historischer Ungleichzeitigkeiten im Gefüge des Ganzen gesellschaftlicher Verhältnisse, die auch nach Aufhebung der ökonomischen Triebkräfte als „Tradition aller toten Geschlechter“ zunächst noch wie ein „Alp auf dem Gehirne der Lebenden“ lasten (Marx) und die endgültige Verbannung militärischer Gewalt aus den zwischenstaatlichen (-nationalen, -ethnischen) Beziehungen anfangs hier und dort noch prekär halten. Ist „die Tradition“ doch, wie ebenso Engels einst bereits formulierte, „eine der größten Trägheitskräfte der Geschichte“, und zeitigen, auch tiefgreifende Veränderungen der ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse – auch wenn diese unabdingbar sind – nicht sofort und unmittelbar sämtliche Entsprechungen und Veränderungen im institutionellen Gesamtgefüge des Ganzen und in den Überbauten, wenngleich indes allemal in der politischen Richtlinienkompetenz.

Teil III erscheint in Kürze

Quelle: KOMintern

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