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Aufrüstung zerstört Umwelt und Klima

Schweizerische Friedensbewegung

Übernommen von Schweizerische Friedensbewegung:

Die Staaten der Welt rüsten auf. Angeblich, um unser Leben, die Freiheit, den Wohlstand zu schützen. Fakten zeigen jedoch: Militarisierung und Aufrüstung haben horrende Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Statt die zentralen Grundlagen unserer Existenz tatsächlich zu schützen, beschleunigen sie deren Zerstörung.

Von Gabriela Neuhaus

Militarisierung und Aufrüstung dominieren den Diskurs. Längst haben Kriegsrhetorik und «Sicherheitsstrategien», die einzig auf militärisches Imponiergehabe bauen, die wahrhaft existenziellen Bedrohungen wie Klimaerhitzung und Umweltzerstörung aus den Schlagzeilen verdrängt. Auch in der Schweiz diskutiert man nicht mehr darüber, ob wir immer mehr Geld für die Armee verpulvern wollen, zur Debatte steht bloss noch das Wie und wie viel mehr. Letztendlich spielt es jedoch keine Rolle, ob die Finanzierung über neue Schulden, zusätzliche Steuern oder eine rigorose Sparpolitik erfolgt: Jeder Rappen, der für Rüstungsgüter ausgegeben wird, fehlt anderswo. Was dabei völlig ausgeblendet wird: Die aktuelle Aufrüstung verstärkt Klimawandel und Ressourcenverschleiss zusätzlich und befeuert letztlich, wovor sie uns zu schützen vorgibt. Bereits 2022 warnte das Stockholmer Friedensinstitut Sipri vor einer neuen Ära komplexer und gefährlicher Risiken, hervorgerufen durch eine Zunahme militärischer Konflikte, bei gleichzeitigem Fortschreiten von Umweltzerstörung und Klimaerhitzung. Diese beiden Krisen müssten zwingend gemeinsam angegangen werden, was eine neue Sichtweise auf die Themen Frieden und Sicherheit erfordere: «Da die Umweltzerstörung Teil des Sicherheitsproblems ist, muss die Wiederherstellung der Umweltintegrität Teil der Sicherheitslösung sein», so die Sipri-Experten.
In welche Richtung dies gehen könnte, zeigt die Initiative der italienischen Physiker Carlo Rovelli und Matteo Smerlak, die u.a. von über 50 Nobelpreisträger:innen mitgetragen wurde. Sie haben den historischen Begriff der «Friedensdividende» für das 21. Jahrhundert neu interpretiert und 2021 die «Global Peace Dividend Initiative» lanciert. Die Idee dahinter: Sämtliche Mitgliedsländer der UNO einigen sich darauf, ihre Militärausgaben um je zwei Prozent zu kürzen. Das frei gewordene Geld soll zur Hälfte in einen Fonds fliessen, um gemeinsame Probleme wie Klimaerhitzung, Bekämpfung von Pandemien oder extremer Armut auf globaler Ebene anzugehen. Die andere Hälfte verbliebe in den einzelnen Ländern, die mit den aus dem Militärbudget umgeleiteten Mitteln in die dringend notwendige, bislang jedoch wenig geförderte Erforschung friedlicher Lösungsansätze investieren könnten. Ein utopischer Vorschlag. Umso wichtiger, daran festzuhalten, zumal die Aufrüstungspropaganda alles daran setzt, die «Friedensdividende» zum verächtlichen Schimpfwort zu degradieren. Auch die aktuellen Bestrebungen, schwere Verbrechen gegen die Umwelt beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag einklagen zu können, gründen in einem ganzheitlichen Verständnis von Sicherheit und Frieden. Sie haben zum Ziel, dass künftig zusätzlich zu den im internationalen Recht verankerten Straftatbeständen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Genozid auch das Verbrechen «Ökozid» eingeklagt und geahndet werden kann. Angesichts der aktuellen Situation unseres Planeten sei es wichtig, so der britische Völkerrechtsexperte Philippe Sands, dass der rechtliche Schutz der Menschen auf Ökosysteme und das Wohlergehen des Planeten ausgeweitet werde.

Krieg und Ökozid
Wie verheerend sich Kriege auf Umwelt und Klima auswirken, ist vielfach belegt. So verursachte etwa der Krieg in der Ukraine, laut Berechnungen der «Initiative on Greenhouse Gas Accounting of War» innerhalb von drei Jahren 237 Millionen Tonnen zusätzlichen CO2 -Ausstoss. Dies entspricht fast der doppelten Menge der im gleichen Zeitraum von der Schweiz emittierten Treibhausgase. In die gleiche Kategorie gehören auch die immensen Schäden durch Kriegsmunition, die nicht nur töten und zerstören, sondern alles Leben in den betroffenen Regionen auf Jahrzehnte hinaus beeinträchtigen. So ist etwa der Boden entlang der einstigen Frontlinie bei Verdun über hundert Jahre nach dem Ende des ersten Weltkriegs immer noch mit Schwermetallen und Chemikalien verseucht. Ungezählte gefährliche Blindgänger liegen weiterhin unter der Erde, und an Orten, wo einst Gasgranaten lagerten, gedeihen heute gerade mal drei Pflanzenarten. In Vietnam leiden die Menschen wie die Natur bis heute unter den katastrophalen Folgen des hochgiftigen Entlaubungsmittels Agent Orange, das die US-Armee vor 60 Jahren im Vietnamkrieg eingesetzt hatte. Im Nahen Osten sind ganze Landstriche infolge der im Irakkrieg eingesetzten uranhaltigen Munition und brennender Ölfelder dauerhaft vergiftet. Die prekäre Situation im Südirak wird heute zusätzlich durch die Klimaerhitzung und extreme Dürre verschärft. Auch das Pflanzengift Glyphosat, das Israel wiederholt als Kampfmittel im Südlibanon in hoher Konzentration über Felder und Olivenhaine versprühte, hat für die Menschen dort und ihre Umwelt jahrelange Folgen. Kurz: Ökozid wird nicht bloss als «Kollateralschaden» in Kauf genommen, sondern immer wieder auch gezielt als Waffe eingesetzt.

Geld- und Ressourcenverschleiss
Doch Militarisierung und Aufrüstung bedrohen unser Leben schon lange, bevor überhaupt ein Schuss fällt und es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt. Allein schon die Produktion von immer perfideren, umfassenderen Rüstungssystemen hat ein enormes Zerstörungspotenzial. Am offensichtlichsten ist dies bei den Atomwaffen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich nach dem 2. Weltkrieg jene Wissenschaftler, die am Bau der ersten Atombomben beteiligt waren, vehement für eine Beschränkung der nuklearen Aufrüstung einsetzten. Damals mit einigem Erfolg. Im Gegensatz zu heute, wo die warnenden Stimmen im Getöse der Grossmachtpolitik untergehen. Die Abkommen zur Kontrolle und Begrenzung von Atomwaffen sind ausgelaufen, auch im nuklearen Bereich wird wieder unkontrolliert in Aufrüstung investiert. Entsprechend gehen die Ausgaben für Rüstungsgüter aktuell durch die Decke: Laut dem Sipri beliefen sich die weltweiten Militärausgaben 2024 auf eine Rekordhöhe von 2,7 Billionen Dollar, was einer Zunahme von fast 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. «Weltweit haben über 100 Länder ihre Militärausgaben erhöht», stellte Sipri-Forscher Xiao Liang für das Jahr 2024 fest – der Trend ist weiterhin steigend. Mit eklatanten Folgen: Wenn Regierungen militärische Sicherheit priorisieren, geht dies auf Kosten anderer Haushaltsbereiche wie Bildung, Gesundheit und Umwelt.
Eine Tatsache, die zwar auf der Hand liegt, aber schlecht dokumentiert ist. Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es praktisch unmöglich, direkte Zusammenhänge zwischen dem Grad der Militarisierung einer Gesellschaft und deren wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung zu ermitteln oder gar zu messen. Und in jenen Bereichen, wo dies durchaus machbar wäre, fehlen die entsprechenden Daten. So spielen etwa die Auswirkungen militärischer Aktionen in der internationalen Klimapolitik bislang kaum eine Rolle: Auf Druck der USA hat man die Militäremissionen bei der alljährlichen Berichterstattung im Rahmen des Pariser-Abkommens weitgehend ausgeklammert. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 5,5 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen vom Militär verursacht werden – nicht miteinberechnet sind dabei allerdings Kriegshandlungen wie Brände, Schäden an Infrastrukturen und Ökosystemen sowie die Emissionen, die durch den Wiederaufbau und die medizinische Versorgung von Überlebenden anfallen. Die tatsächlichen Umweltfolgen von Aufrüstung und Krieg dürften deshalb ein Mehrfaches der aus Statistiken ermittelbaren Schäden betragen.

Umwelt, Gerechtigkeit und Frieden
Die kurzsichtige Priorisierung von militärischer Sicherheit mit Milliardeninvestitionen in eine Verschleissund Zerstörungsindustrie, führt in eine gefährliche Sackgasse. Zum einen, weil Aufrüstung Kriege nicht verhindert, sondern befördert. Vor allem aber, weil dringend notwendige Massnahmen zum Schutz unserer Umwelt und des Klimas leichtfertig der Kriegswirtschaft geopfert werden. Egal ob es um die Beschaffung von neuen Kampfjets, Fliegerabwehrraketen oder Hightech-Drohnen geht – der damit verbundene Rohstoffverschleiss, inklusive fossile Energieträger, die für die Herstellung und den Betrieb der Kriegsmaschinen verheizt werden, ist kein Thema. Die ohnehin schon schleppende Transformation hin zu einer umweltverträglichen, nachhaltigen Wirtschaft bleibt dabei auf der Strecke. Das im Pariser Abkommen festgehaltene Klimaziel einer Begrenzung der globalen Erhitzung auf 1,5 Grad ist bereits nicht mehr zu erreichen – mit drastischen Folgen. «Dürren führen zu Ernteausfällen und Wasserknappheit, Überschwemmungen zwingen Menschen zur Flucht aus ihren Häusern, Wälder verschwinden, natürliche Ressourcen werden knapp, lebenswichtige Ökosysteme sterben ab. All dies kann das Risiko von Konflikten erhöhen», fasste schon der SipriBericht von 2022 zusammen. Die alte Forderung der Umweltaktvist:innen nach einer sozial-verträglichen, global gerechten Energiewende ist heute aktueller denn je. Gleichzeitig steht sie in diametralem Widerspruch zur gegenwärtigen Mainstream-Politik, die auf militärische Sicherheit zur Wahrung nationaler Interessen setzt. Es erstaunt deshalb nicht, dass Greta Thunberg, deren radikales Engagement für eine zukunftsfähige Klimapolitik schon heftigen Widerspruch hervorrief, wegen ihres ebenso kompromisslosen Einsatzes für Gerechtigkeit im Nahen Osten erneut mit Hasstiraden überschüttet wird. Obschon – oder vielmehr weil – sie die Zusammenhänge zwischen Klimagerechtigkeit und Friedenspolitik klar benennt. In der Schweiz geriet die Lausanner Professorin und Umweltaktivistin Julia Steinberger aus den gleichen Gründen unter Beschuss. Die Umweltökonomin forscht und plädiert seit Jahren für eine Wirtschaft, die sich an den begrenzten Ressourcen unseres Planeten orientiert. Der Umstand, dass Klimawandel und Kriege beide durch Öl und Gas befeuert werden, ist für Steinberger gleichermassen Grund zur Sorge wie für Hoffnung. Hoffnung, weil eine dezentrale, grüne Energiewende friedensfördernd wirke – Sorge aber auch, weil Umwelt- und Klimaschutz in der internationalen Kriegsbegeisterung völlig unterzugehen drohen.

Quelle: Schweizerische Friedensbewegung

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