Übernommen von Unsere Zeit:

Die Aufregung um den Ausschluss von drei Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis 2025 beginnt sich zu legen. Die Preisverleihung war vorsorglich abgesagt worden, Solidaritätsbekundungen waren zu befürchten gewesen. Nun wartet man gespannt auf den nächsten Skandal, den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fabrizieren wird, um Staatsräson und Staatsumbau in der Kultur durchzusetzen.
Doch wie wird es weitergehen mit dem Buchhandlungspreis – und vor allem mit Buchhandlungen, die in diesem Land ja anscheinend als potentiell staatsgefährdende Subjekte vom Verfassungsschutz überprüft werden?
Es ist zu befürchten, dass der Buchhandlungspreis still und leise auf Eis gelegt und dann abgeschafft wird. Ein Kulturstaatsminister greift in die Arbeit einer unabhängigen Jury ein, lässt Kritik daran an sich abperlen, als wäre er aus Teflon, und sagt die Verleihung des Preises ab. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, was in ein paar Monaten kommt: Das System Buchhandlungspreis wird überarbeitet werden, die Jury infrage gestellt, für das Jahr 2027 wird die Verleihung ausgesetzt und in den Folgejahren spricht einfach niemand mehr darüber. „Mit dem Deutschen Buchhandlungspreis werden inhabergeführte Buchhandlungen mit Sitz in Deutschland ausgezeichnet, die ein literarisches Sortiment oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten, die innovative Geschäftsmodelle verfolgen oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren.“ Und schon dieser Kerngedanke und die damit verbundene Förderung des Kulturguts Buch sind vielen ein Dorn im Auge.
Schauen wir zum Beispiel auf die Düsseldorfer Buchhandlung BiBaBuze. Ein Traum für linke Leser. Aus dem Regal zwinkert einem „Die Ermordung Margret Thatchers“ zu, ein paar Stapel weiter grinst einen der letzte Roman Dietmar Daths an, die Auswahl an Kinderbüchern ist fantastisch, es gibt Schriftstellerinnen des Globalen Südens zu entdecken und solche aus den Metropolen der Welt, die es bei Thalia und Co. nicht in die Regale schaffen. Dazu Sachbücher für jeden Geschmack und jede linke Strömung. Die Kreditkarte juchzt, das Konto weint, der Rücken, der die Ausbeute nach Hause tragen soll, ebenso, und der Verstand fragt leise, wie viele Bücher man so in einer Dachgeschosswohnung unterbringen kann, bis es für die Nachbarn unter einem gefährlich wird. Dazu gibt es auch noch Wein zu kaufen, Ausstellungen zu betrachten und Konzerten zu lauschen.
Kein Wunder also, dass die Buchhandlung ins Visier von „NiUS“ und AfD geraten ist. In der Düsseldorfer Buchhandlung soll eine Solidaritätsveranstaltung mit der RAF stattgefunden haben, behaupten NiUS und Götz Frömming, Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Bundestag. Stimmt leider so nicht, sowohl das rechte Onlineportal als auch Frömming haben Unterlassungserklärungen unterzeichnet. Aber die Chance, die ihnen der Kulturstaatsminister präsentiert hat, war einfach zu schön, um sie ungenutzt an sich vorbeiziehen zu lassen. Auf linken Veranstaltungen (wie in diesem Fall im „Linken Zentrum“ in Solidarität mit Daniela Klette) darf es halt keine Büchertische geben. Findet zumindest die AfD.
Die hält vom Kulturgut Buch ohnehin nicht so viel. In der aktuellen Stunde des Bundestags am 20. März behauptete Frömming, Buchhandlungen seien nicht anders als jedes andere Geschäft des Einzelhandels. Das ist natürlich Quatsch, aber bedauerlicherweise einer, an dem nicht nur für AfD und Teile von CDU/CSU etwas dran ist. Buchhandlungen verkaufen nicht nur Waren, sondern Ideen, Bildung, Diskurse und Horizonterweiterungen. Sie sind Brücken und Vermittler zwischen Kulturen, bieten Kindern aus bildungsfernen Familien Unterstützung und sorgen für eine wohnortnahe Versorgung mit Kultur. Wer an ihrem Status kratzt, wird sich als Nächstes die Buchpreisbindung vornehmen.
Wenn heute von der Politik ständig der „Schutz der Demokratie“ beschworen wird, sollte man sie auch am Umgang mit den Buchhandlungen des Landes messen. Die Angriffe gehen im Moment noch gegen wenige, gemeint sind aber alle. Buchhandlungen müssen verteidigt werden. Gegen NiUS und AfD, gegen den Verfassungsschutz und gegen den Kulturstaatsminister. Sonst liefert demnächst Amazon allen den gleichen generisch-langweiligen Lesestoff.
Quelle: Unsere Zeit

