Übernommen von KOMintern:
„Pojechali“ – „Auf geht’s!“, mit diesem saloppen Startkommentar schlug Juri Gagarin am 12. April 1961, sprich: vor genau 65 Jahren, eine neue Seite in den Annalen der Menschheit auf. „Ganz so, als würde er sich zu einem Spaziergang aufmachen und nicht einen der größten Schritte in der Geschichte der Menschheit tun“, wie zu Recht geschrieben wurde.
108 Minuten für die Ewigkeit, die Erste Frau im All, Mondlandung, Vordenker, Erben und „Moon-Hoax“-Spinner wie „Gagarin-Leugner“
Um 9.07 Uhr Moskauer Zeit startete in Baikonur die zweistufige Wostok-1-Rakete die den damals 27-Jährigen als ersten Menschen ins All beförderte, wo er mit seiner Wostok-Kapsel abkoppelte und seine Weltumsegelung antrat – bevor er später etwa 850 km südöstlich von Moskau wieder wohlbehalten auf der Erde landete.Damit hatte die Sowjetunion dem Homo sapiens das Tor ins All aufgestoßen, nachdem sie bereits knappe vier Jahre zuvor, am 4. Oktober 1957, mit „Sputnik“ den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn brachte unddamit das Zeitalter der Weltraumfahrt einleitete.
In den Folgejahren wird der sympathische, schlagfertige „Himmelsstürmer“ und überzeugte Kommunist als Botschafter des Friedens rund um die Welt touren und gewann mit seinem Witz, seiner Bescheidenheit wie unaufdringlichen Direktheit und seinem noch heute berühmten Gagarin-Lächeln die Herzen der Menschen quer über den Globus.
Nur zwei Jahre später, am 16. Juni 1963, startete in der Sowjetunion mit Valentina Tereschkowa zugleich die erste Frau ins All. Die damals 26-jährige Kosmonautin flog mit einer „Wostok 6“ in den Weltraum und umrundete auf ihrem fast dreitägigen Flug 48 mal die Erde. Vor Jahren erklärte die heute fast 90-jährige Weltraumpionierin zu den hinkünftigen Zielen der Weltraumfahrt: „Ein Flug zum Roten Planeten – das war der Traum der ersten Kosmonauten … Ach, wenn ich es doch machen könnte! Ich wäre bereit zu fliegen.“
Dass, nachdem die Sowjetunion den „Wettlauf ins All“ gewonnen hatte, den „Wettlauf zum Mond“ danach die USA für sich entschieden hat und die Apolloprogramm nach erfüllter „Nationaler Mission“ mit einigen Prestigeschleifen dannebenso abrupt wieder abgebrochen wurde, wie es 1961 von Kennedy verkündet begonnen hatte,schmälert nicht die Leistung und Bedeutung der Mondlandung –ein unstrittig nächster Meilenstein und Folgeschritt in der bemannten Raumfahrt.Am 21. Juli 1969 betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Erdtrabanten. Rund 20 Minuten später folgte ihm Edwin „Buzz“ Aldrin.
Natürlich – ist man fast geneigt zu seufzen – verkleckern gewisse sonderliche Kreiseselbst oder besser nicht zuletzt noch jene Sternstunden der Menschheit mit Schüssen ins Gehirn. Gemeint sind damit natürlich die kruden Verschwörungstheorien zur Mondlandung, die mit ihren abseitigen Nadeln ihreabsonderlichen Wahngebilde nicht seltenbis zum Weltraumflug Gagarins fortstricken. So behaupten etwa Verschwörungsschwurbler wie Gerhard Wisnewski oder Gernold L. Greise allen Ernstes, dass Gagarin niemals im Weltraum gewesen wäre, sondern alles nur ein Propaganda- und PR-Coup der Sowjetunion, gedeckt vom ‚Kalten Kriegs‘-Gegner USA, war.Ja, besagter Gernold Geise hält selbst den „Kalten Krieg“ und den „Space Race“ für ein „Märchen“, das von Washington und Moskau „der Weltöffentlichkeit“ nur „erfolgreich vorgegaukelt wurde“. Es lohnt nicht hier auf solch pathologischen Stuss einzugehen. Aber es zeigt: Vom verschwörungstheoretischen Kuriosum zur politischen Gemeingefährlichkeit ist’s oftmals nur ein Katzensprung.
Damit denn auch schon weiter zum Jubiläum. Zu den Einzelheiten des ersten Flugs ins All, Gagarins Training und Auswahl, den Flugverlauf, den Prognosen und Problemlagen ist bis hin zur Pinkel-Anekdote und daraus folgendem Ritual schon viel geschrieben worden und wird es dieser Tage zu Recht auch wieder. Daher ein etwas ungewohnterer Blick auf die damit eröffnete neue Epoche.
Denn, wie der Astronom und Astronomie-Historiker Dieter B. Herrmann schrieb: „Große Ideen haben stets ihre Geschichte. Sie tauchen selten aus dem Nichts auf. Vielmehr entwickeln sie sich von Generation zu Generation.“ Und das gilt natürlich nicht minder für die Weltraumfahrt, die untrennbar mit dem Namen Konstantin Ziolkowski verknüpft ist und auf ihn zurückdatiert.
Konstantin Ziolkowski – der „Vater der Raumfahrt“ und visionäre Gelehrte
Entsprechend gilt Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski – seinerseits wiederum inspiriert von sowohl Jules Verne wie insbesondere auch von Nikolai Fjodorow, dem Stammvater des sog. „philosophischen Kosmismus“, mit dem er als 16-Jähriger auch in persönlichem Kontakt stand – heute gemeinhin zu Recht als „Vater der Raumfahrt“ bzw. als „Begründer der modernen Kosmonautik“. Der Autodidakt aus Kaluga wurde im Verlauf seines Lebens nicht nur Lehrer und für seine wissenschaftlichen Arbeiten in die Physikalisch-Chemische Gesellschaft gewählt, sondern war ebenso Entdecker des Rückstoßprinzips. Oder greifbarer: Der Fortbewegung im freien Raum mittels Raketenantrieb und damit der Möglichkeit des Flugs ins und im Weltall. Ein Problem an dem parallel mehrere Wissenschaftler in mehrfach unabhängigen „Wiederholungsentdeckungen“ arbeitenden oder partielle Durchbrüchen erzielten.
Aber Ziolkowski ging in seiner 1903 publizierten grundlegenden Arbeit über die von ihm schon 1898 gefundene sogenannte Raketengrundgleichung deutlich hinaus und berechnete darin auch schon die nötige Fluchtgeschwindigkeit um die Erdanziehungskraft zu überwinden. Denn sein tiefstes Trachten stand, wie ja auch schonder Titel seiner Publikation „Die Erforschung des Weltraums mit Rückstoßapparaten“ verrät, unter der Vision der Weltraumfahrt – an deren wissenschaftlich-technischen Realisierungsbedingungen er mit hartnäckiger Verbissenheit arbeitete. An diese erste grundlegende Abhandlung schloss Ziolkowski in unermüdlicher Arbeit zahlreiche weitere Veröffentlichungen und Pionierarbeiten zu einer schieren Fülle an Fragen, technischen Innovationen und Problemen der kommendenEntwicklung der Weltraumfahrt an, die auch nur anzuführen den vorliegenden Rahmen sprengen würde. Seine, ihrer Zeit zudem weit voraus gewesenen, Arbeiten fanden im zaristischen Russland indes nur geringe Beachtung. Nur wenige Eingeweihte nahmen überhaupt Notiz von ihm. Den meisten galt er als Sonderling.
Das änderte sich erst mit bzw. nach der Oktoberrevolution, die Ziolkowski lebhaft begrüßte. Der bislang weitgehend Unbeachtete, der seine Publikationen bisher überwiegend als selbstfinanzierte Broschüren herauszugeben gezwungen war, wurde in die neu gegründete Akademie der Wissenschaften aufgenommen und bekam ab 1921, mittlerweile bereits 64-jährig, eine lebenslange Rente zugesprochen. Seine Arbeiten wurden jetzt gedruckt und seine früheren vielfach neu bzw. erstmals vollständig herausgegeben. So auch sein Science-Fiction-Roman von 1896 „Außerhalb der Erde“, in dem – in literarischer Vorwegnahme des „Sputnik“ – bereits von Satelliten die Rede ist, welche die Erde in der sogenannten geostationären Umlaufbahn umrunden, so dass sie von der Erdoberfläche betrachtet, stets am selben Punkt über der Erde verharren (wie eben die heutigen Kommunikations-, Rundfunk- und Wettersatelliten). Die 1924 erfolgte Neuherausgabe der Ergebnisse seiner frühen Arbeiten unter dem Titel „Eine Rakete in den kosmischen Raum“ machten ihn und seine Ideen schließlich auch im westlichen Ausland und darüber hinaus bekannt. Unter diesen Bedingungen steigerte der russische Gelehrte noch einmal die Produktivität seines Schaffens. In den ihm noch verbliebenen 18 Lebensjahren in der Sowjetunion verfasste er – seinem bereits vorgerückten Alter zum Trotz – 450 neue Manuskripte, die hohe Anerkennung und breite Beachtung fanden. Mit dem 1928 erschienen allgemeinverständlichen Buch „Die Rakete für Fahrt und Flug“ erklomm er schließlich seinen Popularitätshöhepunkt.
Der Raumfahrtgedanke nahm in der jungen Sowjetunion zeitgleich raschen Aufschwung. Übrigens nicht zuletzt auch auf Lenins Betreiben, der der Erforschung des Kosmos schon seit Jugend an ein gebührendes Interesse entgegenbrachte und dessen Vater seinerseits zur Kometenbahnberechnung dissertierte. Entsprechend setzte sich Lenin auch persönlich immer wieder für namhafte Projekte der Astronomie ein, die er als wesentliches Element der Bildung betrachtete. Die ultimativen Früchte seiner unermüdlichen Arbeit erlebte Ziolkowsi selbst jedoch nicht mehr. Er starb 1935, mehr als zwei Jahrzehnte vor dem Sputnik-Start und Juri Gagarins Wostok-1-Pionierflug um die Erde. Bedrückender noch – und damit zu einer Zeit als die Raketenforschung zu friedlichen Zwecken, wie sie Ziolkowski im Blick stand, befeuert unter dem deutschen Revanchismus wie unterm Hakenkreuz bereits zu Ende war und die moderne Raketentechnik anstatt die Menschheit über ihren Heimatplaneten in kosmisches Neuland zu führen, vorrangig in den Sog von Rüstung und Krieg geraten war.
Ziolkowsik war aber nicht „bloß“ der wirkmächtige Pionier der Raketenforschung wie „Vater der Raumfahrt“, sondern darüber hinaus kühner Visionär einer künftigen menschlichen Besiedelung des Weltalls. „Die Menschheit wird nicht ewig auf der Erde bleiben“, sondern eines Tages über dieses „Vorzimmer“ des Weltraums hinausschreiten und ins All auswandern, so Ziolkowsiki. Denn: „Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber niemand bleibt sein Leben lang in der Wiege.“ Eine Vision die in der Sowjetunion später insbesondere vom Astronomen und Astrophysiker Jossip S. Schklowski, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, wie auch von Nikolai Kardaschew, auf den die berühmte Klassifikation extraterrestrischer Entwicklungsstufen resp. Zivilisationstypen in den 1960er Jahren zurückgeht, wissenschaftlich fortgedacht wurde – und in Österreich insbesondere im marxistischen Philosophen und Naturwissenschaftler Walter Hollitscher einen aufgeschlossenen Geist fanden. In den USA waren es vor allem der Physiker und Raumfahrtvisionär Gerard K. O’Neill und der Astronom, Physiker und Exobiologie Carl Sagen, der 1966 zusammen mit Schklowski das gemeinsame Buch „Intelligent Life in the Universe“ („Intelligentes Leben im Universum“)herausbrachte,die Ziolkowskis Staffelstab federführend übernahmen.
Belletristische Vordenker
Zieht man literarisch die Belletristik mit heran, gab es – wie mit Ziolkowskis Anregung durch Verne bereits angedeutet – natürlichschon erste Vorläufe und Vordenker in einschlägigen hoch über der Trivialliteratur stehenden Werken anspruchsvollerer Romanciers. An erster Stelle zweifellos Jules Verne mit seinen beiden (Raumfahrtabenteuer-)Romanen „Von der Erde zum Mond“ (1865) und „Reise um den Mond“ (1870), in denen er – gestützt auf wissenschaftliche Kontaktaufnahmen und Berater – auch vielfältige wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Details einer Mondreise einwob. Basierend freilich auf den wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen und Kenntnissen seiner Zeit.
Ihm folgten mit Kurd Laßwitz und H.G. Wells zwei Autoren mit eigener naturwissenschaftlicher Ausbildung. Ersterer hatte Physik und Mathematik studiert und war Mitglied der Akademie Leopoldina, Zweiterer Physik, Chemie, Astronomie und Biologie. In beiderlei Romanen ging es zudem um Begegnungen von Menschen mit intelligenten Marsbewohnern. Laßwitz Mars-Roman „Auf zwei Planeten“ von 1897 endet nach aufbrechenden Konflikten schließlich in einer „friedlichen Koexistenz“. Weniger einträglich verlief der „Erstkontakt“ von Erdlingen und Marsianern bekanntlich in Wells‘ ein Jahr nach Laßwitz‘ Buch erschienenem und gleichzeitig wohl berühmtesten Mars-Roman „Der Krieg der Welten“ (1898), mit welchem er allerdings dem britischen Empire seiner Zeit den Spiegel dessen kolonialistischer Expansionspolitik vor die Nase hielt (die er auch schon in seinem nicht weniger bekannten, 1895 erschienenen Roman „Die Zeitmaschine“ verurteilte).
So verschieden gleichzeitig beider politischer Einstellungen waren, weisen sie doch auch wichtige Gemeinsamkeiten auf, die hier zumindest mit zwei kurzen Hinweisen angedeutet oder notiert sei. So versuchte Bertha von Suttner Kurd Laßwitz, dessen gesellschaftskritischen Texte von den Nazis später verboten wurden und der ob seiner „radikalliberalen und demokratischen“ Überzeugung für „unerwünscht“ erklärt wurde, für ihre „Gesellschaft der Friedensfreunde“ zu gewinnen. Allerdings vergeblich. Den Ersten Weltkrieg erlebte er, 1910 verstorben, selbst dann nicht mehr. H.G. Wells wiederum bekannte sich als Sozialist und hegte Sympathien für die Oktoberrevolution und die Ideen Lenins, besuchte 1920 die Sowjetunion auch, ging ob ihrer weiteren Entwicklung dann allerdings auf Distanz und verzweifelte später regelrecht an den entfesselten Vernichtungskräften des Zweiten Weltkriegs und den Abwürfen der US-Atombomben über Hiroshima und Nagasaki.
Hier ist freilich nicht der Ort, die Schriftsteller die die oder zumindest einige der Vordenker der Raumfahrt inspiriert haben in extenso nachzuzeichnen. Dafür wären auch auf die teils hoch interpretationsbedürftigen Romane etwa J.-H. Rosny aînés, John Jacob Astors oder Hans Dominiks der Jahrhundertwende in den Blick zu nehmen. Zumindest namentlich genannt sei aber noch der einige Jahre danach liegende Olaf Stapledon mit seinem – vom britischen Marxisten und weltbekannten theoretischen Biologen und Genetiker J.B.S. Haldane beeinflussten – hochgerühmten Roman „Last and First Men“ von 1930.
Weiträumige Visionen, tiefgründige Problemlagen
Nachzutragen wäre dagegen vielleicht: Dass fremde Welten bewohnt sind, woran heute auch die renommierte Wissenschaft überwiegend nicht zweifelt,erscheint nur aus kanonisch religiösem Blick mit seiner menschlichen Sonderstellung ungewohnt, abwegig oder ketzerisch. Wesentliche Etappen der Geistesgeschichte von den griechischen Atomisten und Pythagoreern, über römische Philosophen wie Lukrez, zu christlichen Ketzern wie Giordano Bruno, aber auch Johannes Kepler, Galileo Galilei oder Christian Huygens, bis zu Theologien wie John Wilkins oder Richard Bentley, hin zu Immanuel Kant (der sogar über ihre unterschiedlichen Mentalitäten, abhängig von ihrer Entfernung vom ‚galaktischen Zentrum‘, theoretisierte) waren hiervon überzeugt bzw. stand dieser Möglichkeit mindestens offen gegenüber. Der amerikanische Astronomie-Historiker Michael Crowe schrieb für die erste Hälfte des 19. Jh. dazu noch: „Bemerkenswert ist vor allem, wie verbreitet die Diskussion (über Außerirdische damals, Anm.) war. Von Kapstadt bis Kopenhagen, von Dorpat bis Dundee, von Sankt Petersburg bis Salt Lake City redeten Erdlinge über Außerirdische.“ Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. drehte sich der Wind. Jedoch nicht gänzlich.
1877 entdeckte der Astronom Giovanni Schiaparelli die vermeintlichen „Marskanäle“, die man vielfach als künstliche Bauwerke, als riesige Kanalnetze deutete, die von einer hochentwickelten Zivilisation von „Marsianern“ gebaut sein müssten – welche danach die Literatur eroberten. Schiaparelli selbst schrieb dazu emphatisch: „Dass der Mars von irgendwelchen Wesen bewohnt ist, ist ebenso sicher, wie es unsicher ist, welcher Art diese Wesen sind.“ Daher im seinerzeitigen „Marsfieber“ der „Erstkontakt“ auch mit namentlich „Marsianern“ bei Laßwitz und Wells. Das ist natürlich noch fast ein Jahrhundert vor der modernen Suche nach intelligenten außerirdischen Leben und der Spurensuche nach Biosignaturen einfachster Formen des Lebens der Gegenwartund mutet heute bisweilen weidlich possierlich an, zumal sich die „Marskanäle“ später als optische Täuschungen erwiesen. Und dennoch hat sich der Wind in den Wissenschaften und ihren interdisziplinären Ansätzen seit einer zwischenzeitlichen eher pessimistischen Periode abermals gedreht. Man darf nicht vergessen, der erste Exoplanet wurde erst 1995 zweifelsfrei entdeckt. Bis dahin wogte noch die Diskussion ob es überhaupt Planeten außerhalb des Sonnensystems gäbe. Heute kennt man zig Tausende und gelten Planeten und Planetensystem um die Myriaden von Sternen des Universums als kosmische Normalität.
Wäre die Menschheit jedoch in der Tat die einzige intelligente Lebensform oder hochstehende Kultur im Kosmos (oder auch nur des beobachtbaren Universums), hätte dies mit Jossip S. Schklowski gesprochen ebenfalls nicht geringe Bedeutung für uns. Denn, so der sowjetische Wissenschaftler, dann wären wir sozusagen gleichsam die „Avantgarde der Materie“. Und in diesem Maße wüchse für ihn nur noch „die Verantwortung der Menschheit vor den vor uns stehenden außerordentlichen Aufgaben. Absolut klar wird die Unzulässigkeit atavistischer sozialer Institutionen, sinnloser barbarischer Kriege, selbstmörderischer Zerstörung der Umwelt.“ Man mag darin unterschwellige Einflüsse des „russischen Kosmismus“ erkennen, die im sowjetischen Geistesleben mitunter auch etwa (vielleicht schon) bei M. Kalinin, über dann A.D. Ursuls, A.J. Dronow bis J.A. Schkolenko ausgemacht wurden. Den Blick vermag es allemal zu weiten und zu schärfen.
Verschiebungen und Perspektiven
Wie dem auch immer. Mit dem ersten bemannten Flug ins All vor 65 Jahren jedenfalls, wurde eine neue Seite in den Annalen der Menschheit aufgeschlagen. Dass diese heute immer stärkere Einträge einer Militarisierung des Kosmos trägt, die friedliche Raumfahrt zum Wohle aller Völker einen zeitweilig herben Rückschlag erlitten hat, die Weltraumfahrt zunehmend der privaten Profitlogik aufgeschlossen wurde und hinter dem gerade mit spektakulären Bildern aufwartendem Artemis-Programm der USA das Vorrücken des US-Militärs auf den Mond droht, zeigt freilich die Janusköpfigkeit dieser neuen Epoche der Menschheit. Gleichviel, der „Gagarin-Flug“ war und bleibt nicht nur einer der größten Schritte in der Geschichte der Menschheit, sondern rückte auch die kühnsten Träume in vielleicht einmal greifbare Weite.
Ein Wesensaspekt hat sich in der Gegenwart allerdings gravierend verschoben. Während den Visionen von O’Neill bis Stephen Hawking immer ein von Pessimismus hinsichtlich unseres Heimatplanenten durchtränkter Zug von illusionärer „Weltflucht“ anhaftet, hielt etwa Schklowsik die Errichtung von menschheitlichen Raumkolonien und Auswanderungs-Projekten immer für eine Herausforderung in einer späteren kommunistischen Epoche, die zuerst die tiefen sozialen Antagonismen und Gefahren der kriegerischen Selbstauslöschung der Menschheit gelöst und das menschliche Naturverhältnisse ins Lot gebracht haben muss. Oder in Ziolkowsiks Zukunfts-Ideal in „Außerhalb der Erde“: „Kriege waren unmöglich, Meinungsverschiedenheiten zwischen den Völkern wurden auf friedlichem Wege beigelegt. Die Armeen waren stark eingeschränkt, bildeten eher Arbeitsheere … Friedlich ging die Menschheit auf dem Wege des Fortschritts voran.“ Derlei entsprach ebenso dem Denken Gagarins.
Quelle: KOMintern

