Übernommen von Unsere Zeit:

Es war im August 1951. In Berlin fanden die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt. Als 14-Jähriger war ich dabei, als DDR-Präsident Wilhelm Pieck die Pionierrepublik in der Berliner Wuhlheide besuchte. Ich gehörte zu jener Gruppe, die ihn am Eingangstor empfing. Wir umringten ihn. Er begrüßte uns mit Handschlag. Sein fester Händedruck ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Ich spürte die starke Hand eines Arbeiters – in diesem Fall eines gelernten Tischlers, der auch als Staatsoberhaupt der DDR noch tischlerte und bei Besuchen in Betrieben gelegentlich selbst zupackte.
Einige Jahre später las ich das Buch „Wilhelm Pieck – An die Jugend“. Darin fand ich eine bemerkenswerte Selbsteinschätzung. „Ich habe den Hobel mit dem Staatshandwerk vertauscht, aber ich bin derselbe geblieben. Ich bin vom Klassenkampf an der Hobelbank zum Klassenkampf an der Spitze des Staates übergegangen.“ So war er, „unser Wilhelm Pieck“ – oder wie ihn die Älteren nicht selten nannten: „Unser Wilhelm!“ Er war ein Mann des Volkes, der die Sprache des Volkes nie verlernt hatte.
Pieck hat wie kaum ein anderer Deutscher über fast ein Jahrhundert den Weg der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung mitgeprägt. Sein Weg vom Tischlergesellen zum Mitbegründer der KPD und der SED bis hin zum Staatspräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik ist Teil der deutschen Geschichte. Er gehört zu den verdienstvollen Söhnen unseres Volkes – auch wenn jene, die verhindern, dass zusammenwächst, was zusammengehört, dies nicht anerkennen wollen.
Geboren am 3. Januar 1876 in Guben als Sohn eines Kutschers und einer Wäscherin, lernte Wilhelm Pieck früh das Leben armer Leute kennen. Während seiner Wanderschaft als Tischlergeselle schloss er sich zunächst der Gewerkschaft und bald auch der SPD an. 1906 wurde er hauptamtlicher SPD-Parteifunktionär in Bremen. Die Zustimmung der SPD-Führung 1914 zu den Kriegskrediten veranlasste den konsequenten Kriegsgegner, sich der „Gruppe Internationale“ anzuschließen, aus der bald der Spartakusbund entstand. Die SPD-Führung entzog ihm daraufhin alle Funktionen.
Gemeinsam mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gehörte Pieck Ende des Jahres 1918 zu den Gründern der KPD. Zwei Wochen später wurden Karl und Rosa und weitere Revolutionäre ermordet. Auch Pieck stand auf der Todesliste – ihm gelang die Flucht. Solange Leben in ihm war, bewahrte er das Erbe seiner revolutionären Weggefährten.
In der Weimarer Republik verband der Kommunist Pieck aktiv die politische Kleinarbeit an der Basis mit der in Parlamenten – im Preußischen Landtag, im Deutschen Reichstag. Als Berliner Stadtverordneter war er das Gesicht der KPD-Kommunalpolitik in der deutschen Hauptstadt. Nach dem Krieg, 1946, ehrte ihn Berlin dafür mit der Ehrenbürgerschaft.
Pieck warnte vor der Gefahr des Faschismus. „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, und wer Hitler wählt, wählt Krieg“ – diese Losung der Partei war richtig, kam aber zu spät, um die Errichtung der Nazi-Diktatur zu verhindern. Unter den ersten, die verhaftet wurden, war der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann. Und als dessen Stellvertreter John Schehr als amtierender Parteivorsitzender am 1. Februar 1934 „auf der Flucht“ erschossen wurde, übernahm Pieck an der Spitze der Partei die Organisation des antifaschistischen Widerstands – zunächst von Frankreich aus, dann in der Sowjetunion. Durch seine maßgebliche Mitwirkung entstand 1943 das „Nationalkomitee Freies Deutschland“, ein breites antifaschistisches Bündnis aus ehemaligen Wehrmachtsoldaten und deutschen Emigranten. Das NKFD war Teil der globalen Antihitlerkoalition, welche die deutsche Nazi-Diktatur stürzte und den Krieg in Europa beendete.
Piecks Unterschrift stand auch unter dem Aufruf der KPD vom 11. Juni 1945, der die Errichtung „eines antifaschistischen, demokratischen Regimes, einer parlamentarisch-demokratischen Republik mit allen Rechten und Freiheiten für das Volk“ vorsah. Die KPD formulierte in diesem programmatischen Dokument zudem die Grundzüge der Zusammenarbeit aller demokratischen Kräfte in Nachkriegsdeutschland. Sie benannte darin aber auch ihren Teil der Verantwortung dafür, dass 1933 die Nazi-Herrschaft errichtet werden konnte.
Wilhelm Pieck erwarb sich – gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Zentralausschusses der SPD, Otto Grotewohl – große Verdienste beim Zusammenschluss von KPD und SPD zur SED. Ihr Händedruck auf dem Vereinigungsparteitag am 21. April 1946 wurde zum Symbol der Einheit von Kommunisten und Sozialdemokraten. Auch wenn die Gegner dieser Einheit von „Zwangsvereinigung“ reden, entsprach dies dem Willen eines großen Teils der Arbeiterbewegung: Der Bruderzwist, der in die Katastrophe geführt hatte, musste ein Ende haben!
Das umfassendste Reformpaket der deutschen Nachkriegsgeschichte ist mit Piecks Wirken verbunden: die Industriereform, die Bodenreform, die Justizreform, die Schulreform … Während in den Westzonen die Restauration alter Strukturen erfolgte, begann im Osten etwas Neues. Am 23. Mai 1949 war im Westen die Bundesrepublik Deutschland gegründet und damit Deutschland gespalten worden. Als Antwort konstituierte sich am 7. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik im Osten. Vier Tage später wurde Pieck ihr Präsident. In seiner ersten Rede als Staatsoberhaupt gab er das historische Versprechen: „Nie wieder Krieg!“ Pieck sollte zu einem der bedeutenden deutschen Staatsmänner im 20. Jahrhundert werden. Der Tischler, Antifaschist und Kriegsgegner stand mit seiner Person für Frieden und Völkerverständigung, für Freundschaft mit den Nachbarn und Aussöhnung mit den Opfern des Nazi-Terrors.
Ein Herzensanliegen war ihm die Freundschaft mit der Sowjetunion. Auch wenn es sie nicht mehr gibt, bleibt das Vermächtnis: Frieden in Europa wird es nur mit Russland, nie gegen Russland geben. Ich bin sicher, Piecks Rat an Deutschlands Politiker heute wäre: Frieden wird nur sein, wenn Russland und Deutschland gute Beziehungen miteinander pflegen.
Piecks politischem Credo „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“ blieb die DDR bis zu ihrem Ende treu: „Sorgt dafür, dass in unserem Land der Mensch dem Menschen ein Helfer und Freund ist, damit unser Volk in Frieden und Glück leben kann.“
Unser Autor war der letzte Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzende der DDR.
Quelle: Unsere Zeit

