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Armutsfalle Deutschland

Übernommen von Unsere Zeit:

Deutschland ist auf seinem Weg in die Massenarmut kurz vor der Zielgeraden. Das zeigen aktuellen Zahlen des Bundesarbeitsministeriums. Die Fraktion „Die Linke“ im Bundestag hatte nachgefragt, wie viel ein Rentner verdienen muss, um im Alter eine auskömmliche Rente zu erhalten. Die Antwort des Ministeriums: Der Mindestlohn müsste auf mindestens 19,99 Euro steigen, um die „Armutsgefährdungsschwelle“, wie es im Amtsdeutsch heißt, zu überschreiten. Diese liegt derzeit bei 1.381 Euro.

Die geringfügige Erhöhung des Mindestlohns von 12,82 Euro im zurückliegenden Jahr auf 13,90 Euro in diesem Jahr wird also nichts daran ändern, dass Millionen eine Zukunft in Altersarmut bevorsteht.

Wer im Alter 1.500 Euro Rente pro Monat erhalten will, müsste 45 Jahre lang in Vollzeit arbeiten und dafür mindestens 21 Euro pro Stunde erhalten. Diejenigen, die aktuell für Mindestlohn durchgängig und in Vollzeit arbeiten, werden im Alter nicht einmal auf eine Rente von 1.200 Euro kommen. Dafür wären 16 Euro pro Stunde nötig.

Nicht berücksichtigt ist bei diesen Berechnungen, dass die Inflation, die nach dem Peak von 6 Prozent im Jahr 2023 nun offiziell bei 2 Prozent liegt, die Kaufkraft weiter mindert. Gerade für in Armut lebende Menschen sind die Preissteigerungen bei Energie, Miete und Lebensmittel entscheidend – und die liegen oberhalb der offiziellen Teuerungsrate.

Ebenfalls nicht berücksichtigt ist, dass die heutige Arbeitswelt und Lebenswirklichkeit immer seltener die zugrunde gelegten 45 Vollzeitlebensjahre ermöglicht. Längere Ausbildungsgänge, Berufswechsel, Umschulungen, Elternzeiten, Ausfallzeiten durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit sorgen für Unterbrechungen, die später einmal Einfluss auf die Höhe der Rente haben können.

Für in Vollzeit Erwerbstätige bedeutet der neue Mindestlohn ein Monatsgehalt von 2.406 Euro Brutto. Es ist nicht selten, dass Menschen, die in einer deutschen Großstadt wohnen, bis zu 50 Prozent und mehr für die Miete aufbringen müssen. Für eine private Vorsorge – von Gesundheitszusatzversicherungen bis zur privaten Rentenversicherung – bleibt kein Geld.
Fazit: Wer heute mit dem Arbeitseinkommen so gerade über die Runden kommt, wird im Alter arm sein. Diese Zukunft steht – wenn sich nichts ändert – jedem zweiten abhängig Beschäftigten in Deutschland bevor. Ihre Gesamtzahl liegt bei 43,2 Millionen. Laut Statistischem Bundesamt verdienten 18,9 Millionen von ihnen weniger als 20 Euro Brutto die Stunde. Über 22 Millionen abhängig Beschäftigte verdienen weniger als 22 Euro pro Stunde und werden selbst dann, wenn sie 45 Jahre durchhalten sollten, weniger als 1.500 Euro Rente pro Monat erhalten.

Es gibt Reformvorschläge – unter anderem von BSW und Linkspartei –, die eine Anhebung der Renten bringen würden. Finanziert werden soll dies dadurch, dass auch Bundestagsabgeordnete, Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Und selbstverständlich könnte die Bundesregierung die zig Milliarden, die für die Rüstung ausgegeben werden, besser dafür verwenden, Altersarmut zu bekämpfen.

Doch wie kaum anders zu erwarten, wiegelt das derzeit von der SPD geführte Bundesarbeitsministerium angesichts der bevorstehenden Massenarmut ab. Das sei „Alarmismus“, verkündete Arbeitsministerin Bärbel Bas, der Sozialstaat funktioniere.

Das sehen allerdings diejenigen, die schon heute als Aufstocker auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, anders. Einst gab es einen Konsens: Wer jahrzehntelang gearbeitet und Kinder großgezogen hat, soll in der Lage sein, von seiner Rente zu leben. Davon hat sich die Regierungspartei SPD verabschiedet.

742.000 Menschen beziehen derzeit Grundsicherung im Alter, 30 Prozent mehr als 2021. Von diesen armen Rentnerinnen und Rentnern sind 77 Prozent Aufstocker. Das bedeutet, dass ihre Rente unter 1.000 Euro im Monat liegt und damit vorne und hinten nicht reicht.

Nach Schätzungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes könnten weitere 1,5 Millionen Rentnerinnen und Rentner Anspruch auf Grundsicherung haben. Vor aufwendigen Anträgen, die bis ans Lebensende jährlich wiederholt werden müssen, schrecken sie aber zurück. Und das nicht aus Scham, wie immer wieder behauptet wird, sondern wegen eines gnadenlosen Regelwerks der Ämter.

Das „Recht“ auf Aufstockung der Mini-Rente wird zum Spießrutenlauf. Selbst der geringste Zuverdienst wird angerechnet und abgezogen. Für Schlagzeilen sorgte zuletzt der Fall eines 75-jährigen Rentners. Das Amt zog ihm gesammeltes Flaschenpfand in Höhe von 58,25 Euro als vermeintliches Einkommen von der Grundsicherung im Alter ab. Auch wenn er das Geld nun nach öffentlicher Empörung wiederbekommen soll: Das war kein Ausrutscher. Ein solches Vorgehen ist Teil des Systems und ein Signal: Grundsicherung im Alter gibt es nur, wenn du nullkommanichts dazuverdienst. Ein weiteres Signal ist, dass die Alten gefälligst länger arbeiten sollen – bis 70 oder länger.

Rente? Das war einmal.

Quelle: Unsere Zeit

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