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Überleben in Gaza

Schweizerische Friedensbewegung

Übernommen von Schweizerische Friedensbewegung:

Auf dem Papier wurde im Gazastreifen ein Waffenstillstand beschlossen – doch vor Ort geht die Vertreibung und Zerstörung durch die israelische Besatzungsmacht weiter. Die Hilfslieferungen bleiben eingeschränkt, Preise für lebensnotwendige Güter explodieren und Unwetter zerstören die Zeltlager der Binnenflüchtlinge. Ziad Medoukh berichtet für Unsere Welt direkt aus Gaza.

Von Ziad Medoukh

Anfang 2026. Es fällt mir schwer, nach mehr als zwei Jahren schrecklicher Aggression Bilanz zu ziehen. Gaza ist eine zerstörte Enklave, 2,3 Millionen Palästinenser wurden von der internationalen Gemeinschaft nach 28 Monaten der Aggression sich selbst überlassen. Die Lage ist dramatisch, trotz des Waffenstillstands vom 13. Oktober. Dieses fragile Abkommen wird von der Besatzungsmacht ständig verletzt. In drei Monaten wurden bereits fast 436 Palästinenser getötet und 1 250 verletzt. Ende Dezember letzten Jahres hat die UNO mit 164 zu 8 Stimmen das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser beschlossen. Doch die Palästinenser sind eingesperrt, in Gaza wie in der Westbank; ihre Besitztümer werden zerstört oder geplündert, ihre Landflächen beschlagnahmt.

Gaza wurde vergessen
Jetzt zieht die Besatzungsmacht eine «gelbe Linie» innerhalb des Gazastreifens. Sie hindert die Palästinenser daran, ihre Häuser oder das, was davon übrig ist, auf der anderen Seite der von der Armee als «neue Grenze des Gazastreifens» bezeichneten Linie zu besuchen. De facto bedeutet dies, dass den Gaza-Streifen um 58 Prozent seiner Fläche verkleinert wird – und das ohne jegliche Reaktion der internationalen Gemeinschaft, die Gaza vergessen hat und seit dem 13. Oktober kaum noch erwähnt. Es gibt einen Waffenstillstand, also ist alles in Ordnung… Die Situation ist tragisch für alle Palästinenser in Gaza, insbesondere für die in Zelten lebenden Binnenflüchtlinge. Es gab mehrere extreme Regenfälle und Stürme (zwischen Ende November 2025 und Anfang Januar 2026), die 29 000 Zelte zerstört haben. Diese von internationalen Organisationen verteilten Zelte waren bereits beim Eintreffen beschädigt. Sie sind nicht stabil, sondern für eine Nutzung von wenigen Wochen (im Sommer und nicht im Winter) vorgesehen.
Die Bürger, die nicht durch die Kugeln des Besatzers getötet werden, sterben an Unterkühlung oder unter den Trümmern von Gebäuden. Während die Stadt von Überschwemmungen heimgesucht wird, stürzen die Häuser unter dem Einfluss von Unwettern ein, und die humanitäre Hilfe ist nach wie vor unzureichend. Während dieser Regenfälle und Gewitter wird die Stadt überflutet. Das Wasser dringt in die Zelte und die Kälte dringt in die Haut der Kinder ein. In der besetzten Westbank verschlechtert sich die Situation kontinuierlich, mit militärischen Einsätzen in palästinensischen Städten, blutigen Angriffen von Siedlern und der Beschleunigung der Kolonisierung.

Ich bin wütend
Die grosse Mehrheit der Palästinenser in Gaza leben mittlerweile in Zelten, da sie alles verloren haben. Nur 10 Prozent von ihnen leben noch in ihren eigenen Häusern, selbst wenn diese teilweise zerstört sind. Etwa 15 Prozent haben eine Wohnung oder ein Haus gemietet. Ich selber lebe in einem zerbombten Haus, zusammen mit sieben weiteren Familien. Wir versuchen, uns anzupassen: Da es keine Fenster gibt, verwenden wir Plastikschutzvorrichtungen, aber die sind nicht stabil und reissen leicht unter dem Einfluss des Windes. Wir müssen oft neue kaufen, aber das ist schwierig. Selbst die Menschen, die in einem Haus oder einem Gebäude wohnen, leiden. Sie müssen eine hohe Miete sowie Wasser und Strom bezahlen, während diese Dienstleistungen für die in Zeltlagern untergebrachten Binnenflüchtlinge kostenlos sind, ebenso wie Lebensmittel.
Die Stadt Gaza erhält nicht genügend Nahrungsmittel. Von den 600 in der Feuerpause vereinbarten LKWs können nur 120 im Süden und 50 bis 80 im Norden einreisen. Während Luxus-Handys, Getränke und Zigaretten für die lokalen Händler importiert werden, ist die Einfuhr von Heizöl, Gas, Zelten, Solarmodulen, Medikamenten, Tischen, Stühlen, Kleidung, Schuhen, Küchenutensilien, Schulmaterialien und anderen notwendigen Produkten und Materialien verboten. Die Zivilbevölkerung im Gazastreifen ist immer noch auf den Beinen, sie versucht mit einer beispielhaften Resilienz und einer enormen Geduld, allen Schwierigkeiten vor Ort und der täglichen Qual zu trotzen. Heute bin ich wütend auf die internationale Gemeinschaft, auf internationale Organisationen, auf die Besatzung, auf die offizielle Welt, die die Palästinenser in Gaza ohne Nahrung, ohne Trinkwasser, ohne Medikamente, ohne jegliche Perspektive zurücklässt.

Internationale Solidarität
Was mir hilft, ist die Zärtlichkeit meiner Mutter, ihre Liebe, ihre Ratschläge. Wenn ich mich machtlos fühle, gehe ich zu ihr. Sie wohnt zwei Kilometer von mir entfernt bei meinem Bruder. Meine Mutter ist für mich ein Rückzugsort. Sie ist aus Jaffa geflüchtet und kam 1948 nach Gaza, wo sie 1958 meinen Vater, der in Gaza geboren wurde, kennengelernt hat. Von meinem Vater, der 2004 verstorben ist, habe ich gelernt, andere zu respektieren, an mich selbst zu glauben und an die Heimat gebunden zu sein. Von meiner Mutter lerne ich Würde und die Liebe zum Leben. Meine Mutter lehnt Geschenke und Hilfe ab, selbst von ihren Kindern. Sie ist 83 Jahre alt, hat Knieprobleme, ist aber robust und hat ein gutes Gedächtnis. Wenn ich sie besuche, spricht sie nie über die aktuelle Aggression. Stets sehr würdevoll, erzählt sie mir vom Leben in Gaza von 1949 bis 2023. Ich liebe es, wenn sie mir von ihrer Kindheit in Jaffa, ihrer Begegnung mit meinem Vater und ihrem Leben inmitten der vielen Aggressionen, die ihr Land durchlitten hat, erzählt. Wenn sie mir von ihrem Leben als Kämpferin mit meinem Vater erzählt, beruhigt mich das. Ich empfinde ein kleines Mass an Erleichterung und sie ist einer der Gründe, warum ich Gaza nie verlassen wollte. Was uns ebenfalls Trost spendet, ist die Mobilisierung der solidarischen Menschen aus aller Welt, ihre Aktionen, die Kundgebungen, die Demonstrationen überall auf der Welt, die Initiativen, die sie ergreifen, um die Palästinenser zu unterstützen (Märkte, Solidaritätsveranstaltungen, Unterstützungsaktionen usw.). Ich persönlich erhalte täglich Nachrichten, vor allem aus den französischsprachigen Ländern, und sehe, dass die Solidarität und der Kampf für die palästinensische Sache weitergehen.

Weiterkämpfen und durchhalten
Ich liebe meine Stadt, aber Gaza ist leider unbewohnbar geworden. Durch die anhaltenden Bombardierungen, die Zerstörung, die Wasserknappheit, den Nahrungsmittelmangel, den Strom- und Medikamentenmangel ist Gaza als Stadt am Boden. Aber ich habe noch die kleine Hoffnung, dass sich etwas ändert und dass es eine neue Lebensperspektive gibt (denn jetzt ist es nicht mehr Leben, sondern nur noch Überleben). Deshalb kämpfe ich weiter, um durchzuhalten. Das ist ein kleiner Überblick über mein Leben in Gaza nach 28 Monaten furchtbarer Aggression. Ich versuche, stark zu bleiben, auch wenn das nicht immer einfach ist. Meine Stelle ist hier, mit der Bevölkerung, auch wenn ich vor zwei Monaten meine beiden älteren Söhne, 25 und 27 Jahre alt, nach Italien schicken konnte, wo sie ein Stipendium für ein Studium erhalten haben. Das gibt mir etwas Erleichterung, denn trotz ihrer Abschlüsse hatten sie in Gaza keinen Job gefunden, nicht einmal ehrenamtlich (die Arbeitslosenquote liegt bei über 96 Prozent). Ich bleibe hier und kümmere mich um den Rest meiner Familie: meine Frau und meine drei Kinder. Ich kümmere mich oft um die Jugendlichen und Kinder in meiner Stadt und um die bedürftigen Familien in meinem Viertel, mit der Unterstützung einiger Freunde und Vereine, sowohl aus dem Inland als auch aus dem Ausland. Ich hege die kleine Hoffnung, dass sich die Situation ändern wird, dass Gaza wieder aufgebaut wird und dass sich die internationale Mobilisierung bis zur Befreiung Palästinas fortsetzt. Ich werde ohne Unterlass weitermachen und all meine Energie einsetzen, um Freude zu verbreiten, damit die Flamme der Hoffnung nicht erlischt.

Quelle: Schweizerische Friedensbewegung

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