Übernommen von Unsere Zeit:

Vier Wochen sind vergangen, seit die Erde das südamerikanische Land mit unerwarteter Wucht erschütterte. Zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 trafen Venezuela im Abstand von nur 39 Sekunden und hinterließen eine tiefe Wunde in der Landschaft und im Herzen seiner Bewohner.
Die Tragödie hat eine neue Dimension grenzüberschreitender Zusammenarbeit aufgezeigt. Angesichts der Katastrophe beweisen Tausende von freiwilligen Helfern, dass Solidarität keine staatlichen Barrieren kennt. Venezuela erhielt Unterstützung von mehr als 3.000 Rettungskräften aus 33 Nationen. Die waren nicht nur in der akuten Nothilfe im Einsatz, sondern begleiteten und begleiten die Bevölkerung auch in den nachfolgenden Phasen der gesellschaftlichen und emotionalen Bewältigung. Zudem erreichten das Land tausende Tonnen an Hilfsgütern für unterschiedliche Bedarfe, um die betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner zu versorgen und sie beim Übergang zu einer neuen Normalität nach den Beben zu unterstützen. Zahlreiche Berichte von Betroffenen zeugen heute als lebendige Beweise von der tiefen zwischenmenschlichen Empathie, die die Beschränkungen traditioneller bürokratischer Systeme aufbricht und Hilfe genau dorthin bringt, wo sie am dringendsten benötigt wird. Ein Monat nach den verheerenden Erdbeben zeigt sich ein Land im Wiederaufbau.
Die letzten vier Wochen in aktuellen Zahlen vom 21. Juli:
Todesfälle: 5.346
Verletzte: 16.740
Gerettete: 6.462
Betreute Familien: 128.324
Übergangslager: 107
Personen in Übergangslagern: 23.122
Obdachlose: 17.265
Beschädigte Gebäude: 856
Eingestürzte Gebäude: 190
Verteilte Nahrungsmittel: 10.964,97 Tonnen
Behandelte Patienten: 39.567
Anwesende internationale Rettungskräfte: 2.278
Einsatzkräfte: 30.9 89
Freiwillige Helfer: 31.745
Verteiltes Wasser: 37.885.128 Liter
Nachbeben: 1.405
Inmitten des Erdbebengebietes lebt die gebürtige Hamburgerin Tanja Glaser, die uns an den Ereignissen der letzten Wochen teilhaben lässt:
„Ich leben in Playa Verde, einem kleinen Stadtteil von La Guaira, das 1959 gegründet wurde und aus mehreren Vierteln besteht: Playa Verde Este, Brisas de Candilejas, Playa Verde Oeste und Playa Verde Nueva Horizonte. Es liegt direkt an der Küste unterhalb des Flugfeldes des aktuell geschlossenen internationalen Flughafens Simón Bolivár. Ich wohne in Playa Verde, Brisas de Candilejas. Der Strand gegenüber von uns ist die Playa Candilejas. Die vier Straßen, die zu meinem Viertel gehören, werden von etwa 280 Familien bewohnt. In der Calle Guayana, wo ich lebe, musste ich vor zwei Jahren eine Volkszählung machen für eine Abstimmung. Damals wohnten hier 54 Familien.

Am 24. Juni 2026, dem Tag des Doppelerdbebens, lag ich mit meinen drei Katzen auf dem Bett und habe einen schönen Film angeguckt. Und auf einmal, ganz plötzlich, habe ich vier Schläge auf mein Steißbein gespürt, und ein tiefes Grummeln war zu hören. Meine Katzen sprangen auf und liefen davon. Schon hörte ich den Ruf meiner Nachbarin Antonietta: ‚Tanja, komm raus, wir haben ein Erdbeben!‘ Da kam ich erst richtig zu mir – ich war noch damit beschäftigt, zu sortieren, was das gerade war. Also sprang ich auf und aus meinem Schlafzimmer hinaus in die Küche, wo der schwere hölzerne Küchenschrank umgefallen war und mir den Weg versperrte. Ich musste über diesen Holzschrank springen. Zum Glück bin ich sportlich, schnell und auch sehr beweglich. Als ich die Treppe heruntergelaufen war und ins Erdgeschoss kam, stand ich vor meiner großen Metalltür, die zugefallen war und sich nicht öffnen lies. Ich trat gegen die Tür. Sie sprang auf, und ich gelangte in meinen Hof. Zum Glück, es war ja erst 18.04 Uhr, hatte ich das Tor zur Straße noch nicht abgesperrt und gelangte hinaus. Dort traf ich auf Antonietta, die mich gerufen hatte, auf ihre Familie und die ganzen anderen Nachbarn, darunter ein Säugling. Als wir uns in der Straßenmitte versammelten, war das Beben vorbei. Wir haben abgewartet. Keiner ging zu sich nach Hause – so verbrachten wir die ganze Nacht. Ich holte meine Plastikstühle hervor.
Vom obersten Teil der Straße kamen die Anwohner auch noch zu uns, haben die Nähe gesucht. Unsere Straße steigt, vom Strand kommend, bergauf Richtung Flughafen. In der Nacht gab es noch ein starkes Nachbeben. Das war ziemlich schlimm, lag irgendwo zwischen 4 und 5 auf der Richter-Skala – da haben wir uns nochmal mächtig erschrocken. Wir hatten keine Kommunikationsmöglichkeit: Es funktionierte kein Handy, das Internet nicht, und Strom war auch keiner da. Wir hatten uns von Zuhause etwas Wasser geholt, damit die Kinder, die Älteren und wir etwas zu trinken hatten.

Am nächsten Tag kam meine langjährige Freundin Meiver auf dem Motorrad aus dem Viertel La Vega in Caracas an. La Vega ist ein sehr armer Stadtteil. Meiver hatte nach dem Doppelbeben sofort gehandelt, Nachbarn und Freunde zusammengetrommelt und sofort angefangen, auf einem Volleyballplatz in ihrer Nachbarschaft Hilfsgüter zu sammeln. Zwei Stunden später fuhr sie mit sieben Motorradfahrern zu uns ins Erdbebengebiet. Sie waren beladen mit Trinkwasser, Batterien für Radio und Taschenlampen, Erste-Hilfe-Material, Kleidung, Schuhen und Nahrung. Das haben wir gemeinsam ausgepackt und an die Leute in der Calle Guayana verteilt. Übrig gebliebene Sachen habe ich am Folgetag in Nebenstraßen verteilt.
Am dritten Tag ohne Kommunikation habe ich gesagt, wir müssen uns jetzt was suchen, damit die Leute wissen, dass es uns noch gibt. Ich bin mit meinem Nachbarn auf einfachen Fahrrädern losgefahren zur Hafenausfahrt von La Guaira. 15 bis 20 Minuten dauerte die Fahrt. Dort haben wir gesehen, was den anderen Anwohnern von Playa Verde geschehen ist. Hier ist kein Haus höher als zwei Stockwerke. Die meisten der Häuser hier sind über 50 Jahre alt. Einige sind zusammengekracht. In Playa Verde gab es Verletzte, aber ‚nur‘ vier oder fünf Tote. Du siehst hier, wie bei mir zuhause, eingestürzte Mauern, kaputte Säulen, gebrochene Querbalken.
In Mare war es schlimmer als bei uns in Candilejas. Dort wurden die Häuser einfacher gebaut als bei uns, wo gutes Baumaterial verwendet wurde. Die Anwohner waren auch auf der Straße und haben versucht, aus Leintüchern und Bettwäsche Unterstände zu bauen, um nicht von der Sonne verbrannt zu werden.
An der Hafenausfahrt haben wir gesehen, dass der Supermarkt Bahia heile geblieben ist. Der Besitzer hatte ein Notfall-WLAN aufgebaut. Dort konnte man also ins Netz. Allerdings waren die Akkus unserer Handys inzwischen leer. In der Nähe gibt es ein staatliches Krankenhaus mit Notaufnahme. Dort gab es Steckdosen, und man erlaubte uns, unsere Handys aufladen. Zurück am Hafenausgang habe ich als erstes meine langjährige Mitarbeiterin und Freundin Mery in Caracas kontaktiert. Die war total fertig mit den Nerven, weil sie keine Verbindung zu uns hatte aufnehmen können. Mery war sehr erleichtert, von uns zu hören. Auch zu den Töchtern meines verstorbenen Lebensgefährten Santiago, Fabiola und Estalina, und weiteren Bekannten und Freunden konnte ich Kontakt aufnehmen. Wir sind dann nachhause geradelt.
Ab diesem Zeitpunkt kamen immer wenn es dunkel wurde acht ältere Männer eines Motorradclubs aus Caracas auf schweren Maschinen. Die verfügen offenbar über viel Geld, gehören wohl der oberen Mittelschicht an. Sie brachten uns Trinkwasser, Essen, Sanitärprodukte, Sachen für die Kinder, Medikamente – das war ganz toll! In der gleichen Nacht kam ein Frauen-Motorrad-Club, ebenfalls obere Mittelschicht, auch auf schweren Maschinen, mit Lebensmitteln und weiteren Hilfsgütern. Tags daruaf brachten Motorisados, die normalerweise Lieferungen ausfahren oder als Motorad-Taxi fungieren, Essen und Wasser aus den anderen Vierteln von Caracas. Die ersten sechs, sieben Tage kamen nur Motorradfahrer.

In der Woche darauf gab es ab und an wieder Strom. Mein Handy hatte weiterhin kein Netz. Ich musste also weiterhin zur Hafenausfahrt fahren, um ins Internet zu kommen. Erst nach eineinhalb Wochen hatte ich zuhause wieder Internet – wenigstens zeitweise.
Mein Freund Ali aus Carayaca half mir, mein Haus zu begutachten. Es sei zu gefährlich, das Haus zu bewohnen, sagte er. Erst müsse ich die Säulen verstärken. Mehr als zwei Wochen haben wir auf Matratzen in meiner Garage geschlafen und im Hof gekocht. Die Frau, die Schwiegertochter und die Enkelkinder meines Nachbarn wurden von einem Cousin nach Caracas geholt. Und meine Nachbarn, Gerald und dessen Sohn Lalo, haben uns dort verpflegt.
Unten an der Straße kamen ab diesem Zeitpunkt täglich Fahrzeuge an von Institutionen, Privathelfern oder Privatfirmen mit Verpflegung. Sie kommen noch immer mit Mittagessen, Trinkwasser, Sachen für die Kinder und Medizin. Vom Staat haben wir bisher zwei mal Grundnahrungsmittel bekommen. Alles andere bekommen wir derzeit von internationalen Organisationen, Privathelfern und Privatfirmen.
Die Tochter eines Bewohners meiner Straße ist Krankenschwester. Sie hat sich sofort mit ihren Leuten in Verbindung gesetzt und versucht, die medizinische Versorgung aufrecht zu halten. Letzte Woche kam eine Gruppe Ärzte der Universidad de Venezuela zu uns, mit einem Hautarzt, Kinderarzt, Internist und Traumatologen. Bei ihnen konnten wir uns anstellen. Alle wurden angehört und behandelt.
Ein großes Problem jetzt sind unsere leeren Wassertanks. Es gibt hier kein fließendes Wasser wie in Deutschland. Ich habe noch Wasser in drei Tanks auf dem Dach. Einer ist leer, die anderen beiden sind zu weniger als einem Viertel gefüllt. Unsere Wassertanks sind seit dem Erdbeben nicht mehr gefüllt worden. Drei mal kamen Tanklaster zu uns, man konnte Kanister oder Eimer befüllen. Die Ausgabe erfolgte auf der Hauptstraße unten am Meer. Wer keine Schubkarre hat, kann das nicht transportieren.

Die Wasserversorgung konnte noch nicht repariert werden. Die führt zu uns über Playa Grande, was oberhalb von uns liegt. Dort standen Hochhäuser auf sandigem Boden – dort ist alles kaputt. Das ist Zone Zero. Wir sind praktisch eingekesselt.
Ich musste bis vorgestern eine Stunde laufen, um zu einer Bushaltestelle zu kommen, von der aus ich nach Caracas fahren konnte. Jetzt ist der Weg gebahnt. Man kann ein Motorrad-Taxi nehmen – wenn man das Geld dafür hat –, dann erreicht man die Bushaltestelle in fünf Minuten. Zwei Kleinbusse fahren von dort aus zur Haltestelle in Catia la Mar. Das Busterminal ist zerstört, die Busse stehen jetzt draußen. Die Kleinbusse können dort noch nicht hingelangen – da läuft man noch fünfzehn Minuten. Die Aufräumarbeiten laufen.
In den Übergangslagern für Wohnungslose in La Guaira muss man sich registrieren lassen, um wieder ein Haus oder ein Appartement zu bekommen. Bisher sind, soviel ich weiß, schon 400 Menschen von La Guaira nach Caracas in ein Auffanglager auf dem alten Flugplatz La Carlota gebracht worden.
Dank eurer Hilfe, der Unterstützung von ehemaligen Siemens-Kollegen, die in Deutschland leben, Salvador, zwei Kunden, meinen Geschwistern und einem Cousin habe ich Geld bekommen. Nun kann ich mit Ali die Säulen verstärken, schlafe wieder im ersten Stock in meinem Schlafzimmern nebst meinen Katzen. Und bald startet der Mauerbau.
Solange der Flughafen Simón Bolivár und der Hafen La Guaira nicht für den Handel freigegeben sind, habe ich keine Arbeit. Die Freigabe wird erst für September erwartet. Was ich noch beobachte, wenn ich hier herumfahre: Krankenhauszelte, Essensverteilung, seelische Beratung, Ärzte ohne Grenzen – das sind Hilfsorganisationen aus verschiedensten Ländern, aber keine aus den USA. Wir haben die Information bekommen, dass sich die USA um die Landepisten im Flughafen kümmern und den Tower herrichten – damit sie hier drin sind. Sie sind drin, voll! Aber nicht mit Erster Hilfe, sondern um uns zu kontrollieren – nehme ich an.“
Quelle: Unsere Zeit

