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Vereinnahmte Erinnerungen?

Übernommen von Unsere Zeit:

Ein Filmdialog wie geschrieben für unsere Tage, und doch Teil eines Dokumentarfilms! Die Titelfigur, der KZ-Zeitzeuge Albrecht Weinberg, begegnet darin einem Ex-Hitlerjungen und Nachbarn aus der Nazizeit, der – nicht nur geografisch – auf der anderen Straßenseite stand. Weinberg, dessen Familie fast völlig in Nazi-KZs umkam, fragt sein Gegenüber: „Wie viele von Ihrer Familie sind im KZ umgekommen? … Sie mussten ja nicht Wehrmachtssoldat werden, hätten auch nein sagen und den Kriegsdienst verweigern können.“ Der heute als Pfarrer Tätige, dessen Namen der Film verschweigt, windet sich kurz, dann folgt die karge Antwort: „Das war gegen das Prinzip, gegen die Tradition, das war nicht gutbürgerlich.“ Dass Albrecht nach solcher Antwort ein weiteres Gespräch verweigert, versteht sich. Dass Gerda Dänekas, seine Lebensgefährtin und Pflegerin, ihn dann doch aktiv dazu überredet, kommt fast einem dramaturgischen Trick gleich.

Ein Glücksfall ist das Regie-Duo Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel, die mit ihrer Arbeit in Film und Fotografie quasi ZDF-Urgesteine sind und Weinberg und seine Gerda einige Jahre mit der Kamera begleitet haben. Die so erzielte große Vertraulichkeit bewirkt eine Offenheit der Gespräche, die jede Szene mit Spannung auflädt. Schon die erste davon zeigt uns Weinberg, nach langem Exil in den USA nach Leer in seine friesische Heimat zurückgekehrt, wie er auf der Terrasse einem Batterieradio ein gekrächztes „God bless America“ entlockt – mit Tränen in den Augen. Soll er zurück ins Land der Täter? Nie wieder! Doch eine beginnende Erblindung und eine Einladung aus der alten Heimat zwingen ihn zum Umdenken. 2012, mit fast 90 Jahren, wird Weinberg, von seiner Gerda bestens betreut, in Leer herzlich empfangen und als Ehrenbürger allseits gefeiert. Eine Schule trägt jetzt seinen Namen und im großen Festsaal des Rathauses feiern ihn alle Honoratioren der Stadt.

Albrecht Weinberg überlebte die KZ Buna-Monowitz, Auschwitz, Mittelbau-Dora und Neuengamme, bis er nach drei Todesmärschen in Bergen-Belsen befreit wurde, schwer gezeichnet von Hunger und Zwangsarbeit. Seine Erinnerungen an die KZ-Zeit und die Todesmärsche hören wir aus dem Off, während eine kluge Dramaturgie die Unerträglichkeit des Geschilderten mildert durch gedehnte Kamerafahrten, die mit Archiv- und aktuellen Kamerafahrten (Jesco Denzel, Bernd Hermes) den Zuschauer entlang verschneiter Waldwege und Straßen führen – eben jene Wege, die Weinberg als todgeweihten KZ-Häftling auf drei Todesmärschen bis nach Bergen Belsen führten. Dort wurde er 1945 von britischen Truppen befreit, „nicht ganz lebendig und nicht ganz tot“, wie es im Pressematerial heißt. Solche ruhigen, konzentrierten Bilder schaffen beim Zuschauer Raum für Mitfühlen und Nachdenklichkeit, ohne die das im Detail Geschilderte wohl kaum zu ertragen wäre.

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Unermüdlich: Albrecht Weinberg im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern (Foto: mindjazz pictures)

Kurz vor Filmende dann ein zweites, diesmal irritierendes „dramaturgisches Wunder“, für das neben dem produzierenden ZDF wohl auch das als „Unterstützer“ benannte American Jewish Committee Verantwortung trägt: Da erleben wir die beiden Rentner als stumme Gäste in der Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen bei einer großen Veranstaltung, die von Kippa tragenden Animatoren geleitet wird, die im Stil von Cheerleadern in Stadien die Gedenkveranstaltung zu einer Jubel-Show unter israelischer Flagge (um)gestalten. Ob ein solches Spektakel den beiden Gästen gefällt, darüber schweigt der Film sich aus; es ist wohl eher dem fragwürdigen Geschmack der „Unterstützer“ zuzuschreiben.

Zum Glück belässt es der Film nicht bei dieser Szene, denn der immer noch politisch wache Weinberg will auch als Hundertjähriger nicht nur Opfer sein. In rascher Folge kurzer Bilder, die den ungewöhnlichen Filmabspann begleiten, erleben wir Weinberg in „seiner“ Schule, im Kreise jener jungen Menschen, um deren Zukunft er sich mehr sorgt als um seine eigene.

Im Mai 2026 ist er mit 101 Jahren gestorben, den fertigen Film hat er nicht mehr gesehen. Zur menschenverachtenden Forderung eines Herrn Ben-Gvir im Kabinett Netanjahu, der offen zur regelmäßigen Ermordung von Palästinensern auffordert, hätten wir gern ein Wort von ihm gehört. Seine Gerda, die nun die bundesweite Kinotour mit seinem Film begleitet, wird entsprechenden Fragen wohl nicht entgehen.

Güner Yasemin Balci, Jesco Denzel:
Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf
Kinostart am 10. September

Quelle: Unsere Zeit

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