Übernommen von Unsere Zeit:
Die Luft ist stickig im Münzenbergsaal. Der ist trotzdem bis auf den letzten Platz gefüllt, auch die Fensterbank. Auf die Matinee „Deutsche Wege. Warum im Osten Arbeiterparteien vereinigt und im Westen die KPD verboten wurde“ haben sich viele Besucher der UZ-Friedenstage schon länger gefreut.
Alle Unterhaltungen verstummen, als die Stimme von Gina Pietsch durch den Saal klingt. Die Sängerin und Brecht-Interpretin moderiert die Matinee. Sie eröffnet sie mit der Rezitation eines Brecht-Gedichts: „Wer aber ist die Partei?“ Hartmut König führt ihren Vortrag fort, dann übernimmt Erich Schaffner. Die beiden Herren unterstützen Pietsch bei der musikalischen Untermalung der Veranstaltung. König, Mitbegründer des legendären Oktoberklubs und stellvertretender Kulturminister der DDR, spielt „Friedhofsruhe?“. Den Song hat er eigens für die UZ-Friedenstage 2026 komponiert. Er habe, erzählt der Liedermacher, immer wieder kopfschüttelnd in „das andere Deutschland“ geschaut, in die BRD. „Erich, das ist deine Aufgabe“, grinst König. Schaffner übernimmt. Er ist in der BRD aufgewachsen und vertraut mit der Rolle einer Kommunistischen Partei, die die Macht erst noch erkämpfen muss. Schaffner zitiert Zeilen von Emil Carlebach, dann singt er Dieter Süverkrüps „Erschröckliche Moritat vom Kryptokommunisten“.
Die Matinee wird zu einem musikalisch untermalten Ritt durch die Geschichte zweier Deutschlands. Trotz der Ernsthaftigkeit der Sujets, die angesprochen werden, bricht das Publikum immer wieder in heiteres Gelächter aus. Egal, in welchem Deutschland der geneigte Besucher aufwuchs, egal, wie alt: Für jeden ist etwas dabei, und die Lehren aus der Geschichte sollten ohnehin alle ziehen.
Über die unterhalten sich Egon Krenz und Patrik Köbele. Krenz war Staatsratsvorsitzender der DDR und Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Köbele ist Vorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Beide kennen sich schon aus DDR-Zeiten.
„Ich wundere mich manchmal heute noch darüber, dass wir 40 Jahre lang durchgehalten haben bei den Bedingungen“, sagt Egon Krenz. Das sei eine Leistung gewesen. Dafür bekommt er großen Applaus. Nicht wenige der Besucher haben an dieser Leistung mitgewirkt. Und Krenz hält fest: „‚Kriegsbereit‘ zu sein, wäre nie möglich gewesen in der DDR!“
So tot sei die DDR noch gar nicht, unterstreicht Patrik Köbele. Den Herrschenden falle es schwer, Russophobie und Kriegshetze im Osten zu platzieren. Von einstigen DDR-Bürgern höre er häufig: „Scheiße, die hatten in Staatsbürgerkunde ja doch nicht so unrecht.“ In der DKP steckten die Lehren aus dem Faschismus, die Erfahrung des KPD-Verbots, aber auch der Ausschluss von Krenz und anderen SED-Kadern aus der PDS, die so ihrer politischen Heimat beraubt worden seien. „Das Gute aus der DDR zu bewahren und aus ihren Fehlern zu lernen: Das ist die Aufgabe der Kommunisten“, fasst Köbele schließlich zusammen.
Draußen vor dem FMP1, dem Haus, in dem der Münzenbergsaal liegt, ist die Luft klar. Gina Pietschs Worte hallen lange nach: „Danke, dass ihr uns Mut gemacht habt für unsere Kämpfe, die nicht leichter werden.“
Gut besucht, tolle Stimmung: Die UZ-Friedenstage waren ein voller Erfolg. Unsere Berichterstattung dazu haben wir in diesem Dossier zusammengestellt.
Quelle: Unsere Zeit

