Die Schotten haben das Ungeheuer von Loch Ness, das jedes Jahr im Sommer auftaucht, die Luxemburger »de Bommeleeër«, der zu Beginn des diesjährigen Sommerlochs, nachdem er sich zuvor für längere Zeit aus der Öffentlichkeit verabschiedet hatte, erneut Wellen schlägt.

Nessie wird nachgesagt, es sei eine Seeschlange, derweil auf den »Bommeleeër« eher ein Vergleich mit Hydra, dem vielköpfigen Ungeheuer der griechischen Mythologie, passen dürfte.

Die Ankündigung, der Untersuchungsrichter in der »Bommeleeër«-Affäre, der demnächst als Staatsanwalt nach Diekirch verabschiedet wird, habe entschieden, weitere Personen anzuklagen, ist eigentlich keine große Überraschung, sieht man einmal davon ab, dass das Ende des »Bommeleeër«-Prozesses gegen zwei ehemalige Mitglieder der »Brigade mobile« der Gendarmerie inzwischen bereits fünf Jahre zurückliegt.
Damals standen zwei Ex-Gendarmen vor Gericht, die den Kopf herhalten sollten für insgesamt 20 Sprengstoffanschläge, wobei eigentlich lange vor Beginn dieses Prozesses klar war, dass die Terroranschläge während der Jahre 1984 und 1986 nur von einer größeren Gruppe von Männern mit militärischer Erfahrung, großem Insiderwissen und Unterstützung bis in die höchsten Ränge von Polizei, Gendarmerie, Militär und Geheimdienst geplant und durchgeführt werden konnten.

So gesehen, und angesichts der Widersprüche, in die sich damals wichtige Zeugen verstrickten, ist die nun erfolgte Anklage gegen die fünf ehemaligen Spitzenleute von Polizei und Gendarmerie eine logische Folge. Die Anklage beruht laut Staatsanwaltschaft auf der Feststellung, dass diese Aktionen (genannt werden sechs Bombenanschläge) »nur durch ihren Schutz, ihren Rat und ihre Leitung möglich wurden«.
Wohl gemerkt: die fünf ehemaligen höchsten Gendarmerie- und Polizeifunktionäre werden als Ko-Autoren und Komplizen der Bombenanschläge geführt, aber es geht keine Rede davon, dass die fünf, die wegen versuchten Mordes, Körperverletzung, Brandstiftung, Verstöße gegen das Gesetz über die Stromversorgung und das Waffengesetz, Falschaussagen und Justizbehinderung angeklagt werden sollen, auch Auftraggeber gewesen sein sollen.

Wer aber waren die Auftraggeber, die für diese terroristische Welle, die zu diesem Zeitpunkt keineswegs einzigartig in Westeuropa war, Verantwortung trugen und was waren ihre Motive?

Saßen die Hintermänner in Luxemburg oder gar im Ausland? Ging es »lediglich« darum, eine Erhöhung der Gendarmerie- und Polizeieffektive herbeizubomben, oder sollte dank der »Strategie der Spannung«, die von der NATO entwickelt wurde, die Bevölkerung mit Hilfe der Bombenanschläge zusätzlich dazu gebracht werden, massiven Aufrüstungsmaßnahmen, wie sie von den USA gefordert wurden, widerspruchslos zuzustimmen?

Welche Rolle spielte der Geheimdienst, für den auch zahlreiche Gendarmen und Polizisten arbeiteten, und wie weit waren Teile der Armee oder eine der Gruppen der Geheimarmee »Stay behind«, die vom Chef des Geheimdienstes angeleitet wurde und der geheimen NATO-Kommando-Stelle ACC im belgischen Mons unterstand, in die Terroranschläge einbezogen? Verbietet möglicherweise die Staatsraison, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt?

Mehr als 30 Jahre danach hält der Bleideckel, der die Verantwortlichen und Hintergründe der Bombenanschläge abschottet, immer noch, aber er hat Risse bekommen. Doch es ist zu diesem Zeitpunkt nicht einmal sicher, dass der »Bommeleeër«-Prozeß tatsächlich neu aufgerollt wird, es sei denn zu einem Zeitpunkt, da die Angeklagten, Zeugen und Hintermänner ihr Wissen mit ins Grab genommen haben.

Ali Ruckert

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek