In diesen Tagen werden in den bürgerlichen Medien – in erster Linie in den deutschen – wieder kübelweise Lügen und Halbwahrheiten über die Befreiung Europas vom Faschismus ausgeschüttet. Die Autoren dieser Machwerke haben vor allem zwei Absichten: die Verharmlosung des Faschismus und die Verteufelung der Sowjetunion und all dessen, was sie repräsentiert.

Die Verharmlosung des Faschismus beginnt mit der penetranten Verwendung des Begriffs »Nationalsozialismus«. Es ist wahr, daß die deutschen Hitlerfaschisten sich selbst und ihre »Ideen« so bezeichneten, aber jeder, der einige Seiten eines halbwegs ordentlichen Geschichtsbuches gelesen hat, weiß, daß die deutschen Faschisten weder national noch sozialistisch waren. In den deutschsprachigen TV-Sendern laufen vorwiegend solche Filme über den Zweiten Weltkrieg, in denen die große Mehrheit der dargestellten Soldaten und Offiziere keine fanatischen Nazi-Krieger waren, sondern »ehrbare Soldaten«, die »nur ihre Pflicht taten«.

Bekannt ist auch, daß die Zeit des Faschismus und die Verbrechen der Faschisten in Westdeutschland niemals aufgearbeitet wurden. Mit der Aburteilung einiger hoher Funktionsträger durch die Alliierten wurde der Anschein erweckt, man habe mit der unrühmlichen Vergangenheit Schluß gemacht. Gleichzeitig wurden Hunderte Nazi- und Kriegsverbrecher auf gut organisierten Wegen ins Ausland gebracht, und Zehntausende konnten sich mit »Persilscheinen« von ihrer Vergangenheit loskaufen.

Viele dieser Verbrecher, sowohl aus den Büros von Nazi-Ministerien, von den Blutgerichten wie auch aus den Stäben der Hitlerwehrmacht, wurden geradezu nahtlos in die neuen Verwaltungen der westdeutschen Länder und ab 1949 der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland befördert, zumeist mit ihren früheren Rängen. In den Büros der ersten Adenauer-Regierung saßen 1949 mehr Mitglieder der Hitlerpartei als 1933 in der ersten Hitler-Regierung. Die Bundeswehr, die Polizei, die Geheimdienste und die Gerichte wurden von »frisch gewendeten« Hitlerleuten aufgebaut. Deren Ideologie, die sie zwar zum Teil verbargen, aber nie ablegten, wirkt noch heute bei vielen ihrer Nachfolger.

Demgegenüber wird alles unternommen, um die Rolle der Sowjetunion und der Roten Armee bei der Befreiung Deutschlands und der meisten Staaten Europas herunterzuspielen oder gar zu verschweigen. In den Medien ist bei der Erwähnung des 8. Mai 1945 selbstverständlich nicht die Rede von einem »Tag der Befreiung«, sondern maximal vom »Tag der Kapitulation«. Offen wird auch die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt eine Befreiung war. »Wurden die Deutschen von sich selbst ‚befreit’?«, fragt zum Beispiel ein Beitrag der Deutschen Presseagentur vom Mittwoch vergangener Woche.

Nunja, Befreier sind, wenn überhaupt, »die Amerikaner«, vielleicht noch mit Erwähnung der britischen und französischen Truppen. Jene »Amerikaner«, denen die Eroberung pazifischer Inseln und die Besetzung italienischer Randgebiete wichtiger waren als die Eröffnung der zweiten Front in Europa – eine Verpflichtung, die sie gegenüber ihren sowjetischen Alliierten eingegangen waren. Zumal bekannt ist, daß viele ihrer politischen und militärischen Anführer eigentlich lieber gegen die Sowjetunion gekämpft hätten und schon kurz nach dem gemeinsamen Sieg ein neuer Krieg eröffnet wurde, den man »Kalter Krieg« nannte.

Es gibt viele Fakten, an die wir in diesen Tagen erinnern sollten. Vor allem daran, daß es ohne den Heldenmut und die Opfer von Millionen Rotarmisten und Sowjetbürgern keinen Sieg über den Faschismus gegeben hätte.

Uli Brockmeyer

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek