Start / Deutschland / Friedensbewegung / 5 Fragen an Prof. Dr. Terumi Tanaka (Nihon Hidankyō)

5 Fragen an Prof. Dr. Terumi Tanaka (Nihon Hidankyō)

Übernommen von Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen:

Welche Rolle spielt die Erinnerung an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki heute in der japanischen Gesellschaft? Sehen viele Japaner ihr Land immer noch hauptsächlich als Opfer? Hat sich das gesellschaftliche Gedächtnis im Laufe der Zeit verändert?

Obwohl sich die japanische Gesellschaft bewusst ist, dass sie das einzige Land der Welt ist, in dem Atombomben auf die eigenen Städte Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, ist das Interesse an diesem historischen Ereignis, an den eigenen Kriegen oder an den tatsächlichen, unmenschlichen Aspekten der durch die Waffen verursachten Schäden gering, abgesehen von einigen wenigen, die sich für die Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen interessieren und engagieren.

Viele Bürger sind sich kaum bewusst, dass sie potentielle Opfer sind. Man hat den Eindruck, dass das systematische Lernen über vergangene Kriege mit der rasanten Verbreitung der globalen digitalen Kultur rapide abnimmt.

Wie sehen die Aktivitäten von Nihon Hidankyō konkret aus? Gibt es neben dem Hauptziel der Abschaffung aller Atomwaffen weitere konkrete (Zwischen)Ziele?

Der Japanische Verband der Organisationen von Opfern der Atom- und Wasserstoffbomben (Nihon Hidankyō) ist ein beratendes Gremium der Organisationen der Überlebenden der Atombombe in allen 47 Präfekturen Japans.  Die beiden Hauptziele, die bei der Gründung festgelegt wurden, und die darauf basierende Kampagne haben sich in den fast 70 Jahren seither nicht geändert, obwohl ich einräume, dass der Umfang und die Qualität der Bewegung aufgrund der Alterung und des Rückgangs der Zahl der Atombombenüberlebenden abgenommen haben. Einige der Regionalverbände mussten ihre Aktivitäten deshalb einstellen.

Nihon Hidankyō verfolgt eine Politik des Verbots und der Abschaffung von Atomwaffen. Da der Vertrag über das Verbot von Atomwaffen (TPNW) 2017 verabschiedet wurde und 2021 in Kraft trat, ist der neue Vertrag, der verabschiedet werden sollte, ein Vertrag zur Abschaffung von Atomwaffen. Die Modell-Atomwaffenkonvention, die bereits im Entwurf vorliegt, ist ein solcher Vertrag.

Daher fordern wir vorrangig die japanische Regierung, die sich selbst als einziges Land bezeichnet, auf das im Krieg Atombomben abgeworfen wurden, auf, dem TPNW umgehend beizutreten, und die Atomwaffenmächte und ihre Verbündeten, von denen noch keine dem TPNW beigetreten ist, auf, sich gegen den Einsatz von Atomwaffen auszusprechen und dem TPNW unverzüglich beizutreten. In Bezug auf andere Kampagnen, an denen Nihon Hidankyō in Solidarität mit anderen Organisationen in Japan arbeitet, setzen wir uns für ein atomwaffenfreies Nordostasien oder, in einer weiteren Perspektive, ein atomwaffenfreies Ostasien ein.

Wie nehmen junge Menschen in Japan Ihre Botschaft heute auf? Gibt es neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den Hibakusha und der jüngeren Generation?

Junge Menschen, die im globalisierten digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, scheinen nicht in der Lage zu sein, sich einen Krieg realistisch vorzustellen. Daher scheint ihr sensorisches Verständnis für den Krieg vor 80 Jahren und die in seiner Endphase eingesetzten Atomwaffen äußerst begrenzt zu sein. Wir müssen an ihre Sensibilität in Bezug auf die unmenschlichen Folgen von Atomwaffen appellieren, obwohl wir bisher nicht viel Erfolg gehabt zu haben scheinen. Die Möglichkeit eines künftigen Atomkriegs wird nicht als persönliche Angelegenheit betrachtet. Das Verständnis der jungen Menschen für die gefährliche Realität der Koexistenz mit Atomwaffen als ihr eigenes Problem kann nicht allein durch die Bemühungen von Nihon Hidankyō erreicht werden.

Welche Bedeutung messen Sie dem UN-Vertrag über das Verbot von Nuklearwaffen (TPNW) bei – und wie beurteilen Sie die Haltung Japans, diesem Vertrag bisher nicht beizutreten?

Artikel 1 des Vertrags über das Verbot von Kernwaffen ist inhaltlich äußerst wichtig. Wir möchten unsere konkreten Forderungen zur Verwirklichung dieses und anderer Artikel unterstreichen. Der Vertrag bezieht sich nicht nur auf den Einsatz von Atomwaffen, sondern auch auf die Entschädigung der Opfer des tatsächlichen Einsatzes und aller anderen Prozesse der Atomwaffenproduktion. Wir betonen, dass sowohl die Regierungen als auch die Zivilgesellschaft aufgefordert sind, zur Verwirklichung dieser Artikel beizutragen.

Wir fordern ein Ende der unterwürfigen Außenpolitik Japans im Vertrauen auf die erweiterte Abschreckung durch US-Atomwaffen. Wenn die nukleare Abschreckung aufgegeben wird, gibt es keine andere Wahl, als Sicherheitsdiplomatie im Geiste von Artikel 9 der japanischen Verfassung (Verzicht auf Krieg und die Anwendung oder Androhung von Gewalt als Mittel zur Regelung internationaler Streitigkeiten, GG) zu betreiben.

Was können europäische Friedensorganisationen – wie die DFG-VK – aus Ihrer jahrzehntelangen Arbeit lernen?

Es könnte hilfreich sein, zu erkennen, dass die Menschheit aus der 70jährigen Geschichte der Hidankyō-Bewegung lernen sollte. Wir müssen Wege finden, es leicht zu machen, aus den Berichten der Überlebenden zu lernen. Das sollte, so hoffe ich, mit der Einsicht beginnen, dass es ein Wunder ist, dass in den letzten 80 Jahren keine weiteren Atomwaffen in anderen Städten eingesetzt wurden.

Prof. Dr. Terumi Tanaka, Co-Vorsitzender von Nihon Hidankyō, überlebte als 13jähriger den Atombombenabwurf auf Nagasaki, bei dem 5 Familienmitglieder starben.

Die Fragen stellte Guido Grünewald

Quelle: Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

Markiert: