Start / Deutschland / Friedensbewegung / Andere Länder, andere Friedensdebatten

Andere Länder, andere Friedensdebatten

Übernommen von Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen:

Zwischen Militarisierung, Neutralität und friedenspolitischen Alternativen

Die Nachrichten sind seit Jahren geprägt von Bildern des Krieges. Gewalt, Zerstörung und Vertreibung scheinen für viele Staaten beinahe unausweichlich zum politischen Handeln zu gehören. Doch es gibt auch andere Beispiele. Einige Länder haben sich bewusst gegen den Aufbau einer Armee entschieden, andere setzen auf Neutralität oder auf die Rolle als Vermittler in regionalen Konflikten. Ein Blick auf diese Alternativen zeigt: Sicherheit ist möglich – auch jenseits militärischer Aufrüstung.

Finnland: Vom neutralen Staat zum NATO-Mitglied

Ein besonders aktuelles Beispiel liefert Finnland. Jahrzehntelang pflegte das Land eine Politik der militärischen Zurückhaltung. Im Kalten Krieg hielt es eine neutrale Position zwischen Ost und West, um nicht zum geopolitischen Spielball zu werden. Doch mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine änderte sich die sicherheitspolitische Grundhaltung. 2023 trat Finnland der NATO bei. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützte diesen Schritt aus Angst vor einer Bedrohung durch Russland.

Aus pazifistischer Sicht ist diese Entwicklung ambivalent. Einerseits ist die Sorge nachvollziehbar: Finnland teilt eine über 1300 Kilometer lange Grenze mit Russland. Andererseits wird durch die NATO-Mitgliedschaft ein Weg beschritten, der auf militärische Abschreckung und Rüstung setzt, anstatt auf Dialog, Entspannung und Vermittlung. Damit droht die Spirale der Aufrüstung weiter an Fahrt zu gewinnen – nicht nur in Finnland, sondern in ganz Nordeuropa, denn auch Schweden ist nun eines der jüngsten NATO-Mitglieder.

Neutralität und Vermittlung: Kasachstan zwischen Russland und China

Während europäische Länder wie Finnland oder Schweden zunehmend militärische Bündnisse suchen, versuchen andere Staaten, eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Ein Beispiel dafür ist Kasachstan. Eingeklemmt zwischen zwei Großmächten – Russland und China – verfolgt das zentralasiatische Land eine Politik, die man als „balancierte Neutralität“ bezeichnen könnte.

Kasachstan ist Mitglied in von Russland dominierten Strukturen wie der Eurasischen Wirtschaftsunion, hält sich aber in Bezug auf den Ukrainekrieg demonstrativ zurück. Gleichzeitig pflegt das Land enge wirtschaftliche Kontakte zu China und öffnet sich auch in Richtung EU. In Friedensgesprächen hat Kasachstan mehrfach eine Plattform angeboten, beispielsweise für Syrien-Verhandlungen. Zwar bleibt das autoritär regierte Land weit davon entfernt, ein Musterstaat für Demokratie oder Pazifismus zu sein. Aber seine Position im geopolitischen „Sandwich“ macht deutlich, dass es auch jenseits militärischer Frontstellungen Handlungsspielräume für Vermittlung gibt.

Costa Rica: Ein Land ohne Armee

Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel für eine konsequent pazifistische Politik bietet Costa Rica. Schon 1949, nach einem kurzen Bürgerkrieg, entschied sich das Land, seine Armee vollständig abzuschaffen. Stattdessen investierte es in Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung. Heute ist Costa Rica eine stabile Demokratie mit einem im regionalen Vergleich hohen Lebensstandard.

Natürlich wird auch Costa Rica nicht völlig ohne Sicherheitsstrukturen regiert – eine Polizei sorgt für innere Sicherheit. Doch das Land verzichtet seit über 70 Jahren auf militärische Gewaltapparate. Internationale Konflikte werden über Diplomatie, internationale Gerichte und Kooperation bearbeitet. Diese Strategie ist nicht nur symbolisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll: Schätzungen zufolge flossen Milliardenbeträge, die andernfalls in Panzer und Soldaten investiert worden wären, in Schulen und Krankenhäuser.

Das Beispiel Costa Ricas widerlegt das oft gehörte Argument, ein Staat könne ohne Militär nicht existieren. Es zeigt, dass kollektive Sicherheit durch zivile Mittel aufgebaut werden kann – vorausgesetzt, der politische Wille ist vorhanden und internationale Partner respektieren diesen Weg.

Kleine Staaten mit friedlichen Traditionen

Costa Rica ist nicht allein. Auch Länder wie Island oder Liechtenstein verfügen über kein stehendes Heer. Island etwa verlässt sich auf seine Mitgliedschaft in der NATO, während Liechtenstein eine konsequente Neutralität verfolgt und seine Sicherheit über internationale Vereinbarungen absichert. In beiden Fällen zeigt sich: Die Existenz eines souveränen Staates ist nicht zwingend an eine Armee gebunden.

Besonders interessant sind auch Länder, die ihre Neutralität historisch verankert haben – etwa die Schweiz. Zwar verfügt sie über ein starkes Militär, doch die Tradition der Neutralität ermöglicht es, dass internationale Friedensverhandlungen in Genf stattfinden können. Der pazifistische Anspruch wird hier allerdings durch die starke Rüstungsindustrie konterkariert, die die Schweiz zu einem der größten Waffenexporteure Europas macht.

Militarisierung als globale Realität – und die Gegenbeispiele

Die überwältigende Mehrheit der Staaten setzt weiterhin auf Militär, Aufrüstung und Bündnisse. Der weltweite Rüstungshaushalt erreichte 2023 einen neuen Höchststand. In Europa wird angesichts des Krieges in der Ukraine beinahe reflexhaft auf militärische Sicherheit gesetzt. Deutschland will dauerhaft das Zwei-Prozent-Ziel der NATO erfüllen, Polen rüstet so stark auf wie nie zuvor.

Doch die Existenz von Staaten wie Costa Rica, Island oder Liechtenstein erinnert daran, dass Alternativen existieren. Selbst in unsicheren geopolitischen Lagen können Länder Strategien finden, die ohne Armee auskommen oder zumindest auf Neutralität und Vermittlung setzen. Diese Beispiele verdienen Beachtung und Unterstützung – gerade jetzt, wo militärische Lösungen als „alternativlos“ präsentiert werden.

Pazifistische Perspektive: Sicherheit neu denken

Die pazifistische Bewegung tritt seit jeher für eine grundsätzliche Neubewertung von Sicherheit ein. Militärische Aufrüstung schafft keine nachhaltige Sicherheit, sondern vergrößert das Risiko von Eskalation. Wahre Sicherheit entsteht durch soziale Gerechtigkeit, internationale Zusammenarbeit, Klimaschutz und die Stärkung von Menschenrechten.

Die Länder ohne Armee oder mit neutraler Rolle zeigen, dass solche Ansätze keine Utopie sind. Sie erfordern Mut und politische Konsequenz, aber sie sind möglich. Statt die Spirale der Militarisierung weiterzutreiben, könnte die internationale Gemeinschaft diese Beispiele stärker fördern. Costa Rica könnte ein Partner für friedenspolitische Initiativen sein, Kasachstan ein Ort für Dialogformate, Finnland ein Brückenbauer – wenn es sich nicht vollends der Logik der Abschreckung unterwirft.

Schluss: Hoffnung trotz Krieg

Es wäre naiv, zu behaupten, dass eine Welt ohne Armeen von heute auf morgen realisierbar ist. Doch das Beispiel Costa Ricas beweist, dass es Alternativen gibt. Es lohnt sich, diese ernsthaft in Betracht zu ziehen und zum Vorbild zu nehmen.

Gerade in Zeiten, in denen das „Recht des Stärkeren“ wieder offen propagiert wird, ist es Aufgabe der Friedensbewegung, diese Gegenbeispiele sichtbar zu machen: Länder ohne Armee, Staaten, die auf Diplomatie statt Panzer setzen, Gesellschaften, die Sicherheit nicht im Militarismus, sondern im Frieden suchen.

Yannick Kiesel

Quelle: Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

Markiert: