Übernommen von Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen:
Was für eine wunderbare Idee, eine Friedensbibliothek mit Werken von und über Tolstoi einzurichten! Unser Mitglied Peter Bürger hat sie zusammen mit Mitstreiter*innen im Internet verwirklicht.
Wer Lew (Leo) Tolstoi (1828 – 1910) Mitte des 19. Jahrhunderts kennengelernt hätte, hätte wahrscheinlich nichts Besonderes an ihm gefunden. Ein junger russischer Adliger, Graf, einer, der zu der „jeunesse dorée“ zählte, deren Vertreter er in Wronski aus „Anna Karenina“ und mehreren Figuren aus „Krieg und Frieden“ selbst porträtiert hat. Der zum Militär ging, weil es sich so gehörte. Dort allerdings, im Krimkrieg (Segelschiffe aus Holz gegen Dampfschiffe aus Eisen, der erste große Krieg, von dem es Fotos gibt, und Auslöser einer Krise der russischen Monarchie), machte er mit den „Sewastopoler Erzählungen“ zum ersten Mal als Schriftsteller auf sich aufmerksam. Kriegserfahrungen aus dem Kaukasus verarbeitete er in einem seiner letzten Werke, „Hadschi Murat“, hier sehr deutlich auch kritisch gegenüber dem russischen Eroberungskrieg und empathisch gegenüber den Konflikten unter den Angegriffenen und dem Leid der kaukasischen Zivilbevölkerung.

Bei seinem Gut richtete er mehrmals eine Dorfschule ein. Die Perspektivlosigkeit vieler Kinder der russischen Landbevölkerung, die zum Teil noch in Leibeigenschaft lebte, veranlasste ihn zum Handeln. Er schrieb Lehrbücher für diese Schulen und pädagogische Aufsätze; wie er allgemein zunehmend in publizistischer Form seine Meinung zu Staat, Gesellschaft und Kirche äußerte, nicht, ohne sein eigenes privilegiertes Leben zu hinterfragen – gut nachzuvollziehen in der Tolstoi-Friedensbibliothek.
Noch zu Lebzeiten wurde Tolstoi damit zu einer international anerkannten moralischen Instanz. Um das kurz anzumerken: Thomas Mann, der diesjährige literarische Jubilar, betrachtete Tolstoi als sehr prägend für seine Entwicklung und schrieb mehrmals über ihn. Die Weltgeltung der russischen Literatur beruht auf dem Schaffen vieler hellsichtiger gesellschaftskritischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, aber beileibe nicht zuletzt auf dem Tolstois. Mit seinem Engagement erwarb er sich Bewunderung und – wie man heute sagen würde – Follower, die sich sogar zu Bewegungen zusammenschlossen; siehe die (von Tolstoi selbst mit Misstrauen betrachteten) Tolstoianer.
In dem repressiven Klima des zaristischen Russland bedeutete ein solches Engagement allerdings Diskriminierung und Verfolgung. Nur ein Beispiel: Tolstois Sympathien für die damals gerade frisch entwickelte internationale Sprache Esperanto hätten diese schon auf den ersten Metern fast die Existenz gekostet. Die Zeitschrift „La Esperantisto“ hatte 1895 einen Artikel von Tolstoi veröffentlicht. Daraufhin wurde die Einfuhr der Zeitschrift nach Russland verboten, wodurch 75 Prozent ihrer Abonnent*innen wegbrachen und die Zeitschrift eingestellt werden musste. 1901 exkommunizierte ihn die Kirche; eine Wandmalerei in der Dorfkirche von Tasowo, Gouvernement Kursk, zeigte bereits 1883 „Lew Tolstoi in der Hölle“. Tolstoi ließ sich davon offenbar nicht von seinem Weg abbringen. Noch 1908 erschien seine Schrift „Ich kann nicht schweigen“ gegen die Hinrichtungen politischer Gegner und die Todesstrafe allgemein in Russland. Der Theaterkritiker Alfred Kerr schrieb noch Jahrzehnte später angesichts der Annäherung eines großen deutschen Schriftstellers an die Faschisten: „Der alte Russe rief noch an der Schwelle des Grabes: ‚Ich kann nicht schweigen!‘ – H(…) … konnte.“
Tolstoi starb 1910 während einer Reise, eher einer Flucht, auf einer Bahnstation in der heutigen Oblast Lipezk. Zeitungen in der ganzen Welt brachten ein Foto, auf dem seine Frau in die Fenster des Bahnwärterhäuschens lugte (sie durfte zunächst nicht hinein).
Tolstoi ist aber nicht tot. Pazifist*innen dürften sich seinem Grundsatz anschließen, dem Bösen nicht mit Gewalt zu widerstehen (Slawist*innen lernen dazu den Ausdruck „neprotiwlenije slu nassilijem“). Anarchist*innen sehen in ihm einen Klassiker libertärer Pädagogik. Und „einfache“ Leser*innen? Sie können es sich zum Beispiel im virtuellen „Lesesaal“ der Friedensbibliothek gemütlich machen. Dort können sie sich belesen zu Themen wie „Patriotismus oder Frieden?“, „Militarismus und Religion“ und natürlich „Ob man den Militärdienst verweigern muss? Ich antworte mit einem kategorischen ‚Ja‘!“. In Zeiten, in denen russische Literatur in öffentlichen Bibliotheken rar ist (wenn sich auch der eine oder andere Klassiker dort noch findet, aber eher nicht mit Werken dieses Profils), ist das kein schlechter Ort. Außerdem sind auf dem Portal Einzelwerke wie Romane und Erzählungen sowie in großer Zahl religions- und gesellschaftskritische Schriften von Tolstoi digital verfügbar. Auch preiswerte Druckausgaben werden angeboten, und wer Literatur über Tolstoi sucht, bekommt wichtige Titel genannt. Immer wieder einmal publiziert die Friedensbibliothek auch Sammelbände; dazu bei anderer Gelegenheit mehr.
Die Friedensbibliothek ist auch noch „work in progress“. Daher gern öfter hier klicken: www.tolstoi-friedensbibliothek.de.
Cornelia Mannewitz ist Slawistin, Mitglied des BundessprecherInnenkreises und aktiv lokal sowie in mehreren Arbeitsgruppen der DFG-VK, unter anderem der AG Antifaschismus.
Dieser Artikel erscheint in der ZivilCourage Ausgabe 4/2025.
Quelle: Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

