Warum jetzt?

Übernommen von Unsere Zeit:

Eine Frau macht seit Jahren darauf aufmerksam, dass gefälschte Porno-Aufnahmen von ihr im Internet in den Umlauf gebracht werden. Dann beschuldigt sie ihren Ex-Mann, Urheber und Verbreiter dieser Bilder zu sein. „Du hast mich virtuell vergewaltigt“, schreit die Schlagzeile. Die Empörung ist groß, die mediale Welle auch, ebenso die Solidaritätserklärungen und die Aussagen aus der Politik, dass Frauen doch nun endlich besser geschützt gehören. Die Frau heißt Collien und der beschuldigte Mann Christian.

In der Bundestagsdebatte äußert sich dann selbst der Kanzler zu Gewalt gegen Frauen: „Ein beachtlicher Teil der Gewalt kommt aus der Gruppe der Zuwanderer.“ Nochmal: In dem Fall, an dem sich gerade alle abarbeiten, heißt der Beschuldigte Christian. Nicht Mustafa. Und die Aussage des Kanzlers (der als Abgeordneter dagegen gestimmt hat, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen) bedient sich der prinzipiellen Funktion des Rassismus: Finde einen Sündenbock, spalte, herrsche. Denn so lässt sich ablenken vom mangelnden Schutz von Frauen und Mädchen im digitalen wie im realen Raum. So fragt einen keiner, warum Geld da ist für Hochrüstung und Krieg, aber nicht für Frauenhäuser. Warum die Mieten so hoch sind, dass Frauen oft nur die Wahl zwischen dem Verbleiben in einer gewalttätigen Beziehung oder der Obdachlosigkeit bleibt. Das muss sich vor Augen führen, wer fragt, warum der Kanzler von Zuwanderern spricht, wenn ein Christian beschuldigt ist. Da hilft es auch nicht, dass Bundestagspräsidentin Klöckner ihrem Parteifreund zur Seite springt und meint, es müsse in Ordnung sein, alle Facetten von Gewalt gegen Frauen anzusprechen, „ohne dass man als rassistisch abgestempelt wird“. Ist ganz einfach, Julia: Redet halt drüber, ohne euch rassistisch zu äußern.

Leider hat aber auch die gesamte Aufregung um den Fall Fernandes/­Ulmen einen Beigeschmack. Zu günstig ist der Zeitpunkt der Enthüllung mitten in der Debatte über Klarnamenpflicht im Internet. Dass dabei niemand den Schutz von Frauen oder Kindern im Kopf hat, ist offensichtlich. Und natürlich ist es gut, wenn am Brandenburger Tor gegen Gewalt an Frauen protestiert wird. Wäre nur schön, wenn sich die gleichen Demonstranten aufraffen könnten, wenn den Frauen in Palästina Gewalt angetan wird oder den Frauen im Iran Bomben auf den Kopf geworfen werden.

Quelle: Unsere Zeit

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