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Wie der Krieg hierzulande vorbereitet wird.

Übernommen von Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen:

Krieg beginnt nicht erst mit dem ersten Schuss. Er beginnt leise: in Kabinettsbeschlüssen, Bebauungsplänen, Investitionsprogrammen. Er beginnt dort, wo Produktionskapazitäten geschaffen, Infrastrukturen umgewidmet und historische Erinnerungsorte ihrer Bedeutung beraubt werden. Zwei aktuelle Entwicklungen zeigen das in bedrückender Klarheit: eine neue Produktionsstätte für schwere Bomben von Rheinmetall in Berlin-Wedding – und ein Infrastrukturgesetz, das Deutschland zur militärischen Drehscheibe Europas machen soll.

Bombenproduktion am Ort des Luftschutzes

In Berlin-Wedding, unweit des Flakturm Humboldthain, entsteht eine neue Produktionsstätte für schwere Bomben. Der Ort könnte zynischer kaum gewählt sein. Direkt neben einem Bauwerk, in dem während des Zweiten Weltkriegs bis zu 40 000 Menschen Schutz vor Bombenangriffen suchten, sollen nun erneut Waffen produziert werden, die Tod und Zerstörung bringen.

Der Flakturm im Humboldthain ist nicht irgendein Relikt. Er steht für den industrialisierten Luftkrieg, für die totale Mobilmachung, für eine Gesellschaft, die sich bis in ihre Städte hinein auf Vernichtung eingestellt hatte. Dass ausgerechnet hier – an einem Ort, der Mahnung und Erinnerung zugleich ist – heute wieder Kriegsproduktion angesiedelt wird, zeigt, wie brüchig das vielbeschworene „Nie wieder“ geworden ist. Erinnerung wird museal verwaltet, während nebenan die nächste Eskalationsstufe vorbereitet wird.

Rheinmetall steht exemplarisch für diese neue Normalität. Der Konzern profitiert massiv von Aufrüstung und Kriegsangst. Die Produktion wird ausgeweitet, Standorte werden gesichert, neue geschaffen. Dass dies mitten in einer Großstadt geschieht, wird dabei kaum noch als Skandal wahrgenommen. Krieg rückt näher – nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich.

Autobahnen für Panzer statt für Menschen

Parallel dazu treibt die Bundesregierung mit dem sogenannten Infrastruktur-Zukunftsgesetz einen grundlegenden Umbau voran. Öffentlich verkauft als Modernisierung von Straßen, Schienen und Brücken, dient das Gesetz zunehmend einem anderen Zweck: Deutschland soll zur militärischen Drehscheibe in Europa werden. Schweres Kriegsgerät soll künftig möglichst schnell und reibungslos über Autobahnen und Schienenwege an die Ostflanke der NATO verlegt werden können.

Was technisch als „Resilienz“ und „Ertüchtigung“ beschrieben wird, ist politisch eine klare Weichenstellung. Brücken werden auf höhere Lasten ausgelegt, Verkehrswege priorisiert, Genehmigungsverfahren verkürzt. Umwelt- und Klimaschutz geraten dabei unter die Räder. Die Deutsche Umwelthilfe spricht von einem „Generalangriff auf den Klimaschutz“ – und trifft damit einen wunden Punkt. Während Milliarden für militärisch nutzbare Infrastruktur bereitgestellt werden, fehlen sie bei sozialer Daseinsvorsorge, bei zivilem Katastrophenschutz, bei der dringend notwendigen Verkehrswende.

Deutschland wird so nicht nur logistischer Knotenpunkt, sondern Teil der operativen Kriegsplanung. Autobahnen werden zu Aufmarschachsen, Bahnhöfe zu Umschlagplätzen für Panzer und Munition. Die Grenze zwischen ziviler und militärischer Nutzung verschwimmt – mit allen Risiken, die das im Ernstfall für die Bevölkerung bedeutet.

Normalisierung der Vorbereitung

Beide Entwicklungen folgen derselben Logik: Krieg wird nicht mehr als Ausnahme, sondern als Planungsgrundlage behandelt. Produktionsstätten für Bomben gelten als „Industriearbeitsplätze“, militärische Infrastruktur als „Zukunftsinvestition“. Die gesellschaftliche Debatte hinkt hinterher, kritische Stimmen werden marginalisiert oder als naiv abgetan.

Doch wer hinschaut, erkennt das Muster. Kriegsvorbereitung heißt heute: industrielle Kapazitäten schaffen, Transportwege sichern, rechtliche Hürden abbauen. Es heißt auch, historische Erfahrungen zu entkoppeln von aktuellem Handeln. Der Flakturm im Humboldthain wird zum stillen Zeugen einer bitteren Ironie: Schutzräume von gestern stehen neben den Waffen von morgen.

Widerstand bleibt notwendig

Gerade deshalb braucht es Widerspruch. Die Frage, wie Sicherheit definiert wird, darf nicht allein Militärs, Rüstungskonzernen und sicherheitspolitischen Thinktanks überlassen werden. Sicherheit entsteht nicht durch immer mehr Bomben und immer schnellere Truppenverlegungen, sondern durch Diplomatie, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und zivile Konfliktbearbeitung.

Die Vorbereitung auf Krieg ist kein Naturgesetz. Sie ist Ergebnis politischer Entscheidungen – und damit auch politisch angreifbar. Orte wie der Humboldthain erinnern daran, wohin Militarisierung führt. Es liegt an uns, ob diese Erinnerung handlungsleitend bleibt oder endgültig von Beton, Stahl und Bomben überdeckt wird.

Yannick Kiesel

Quelle: Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

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