Übernommen von Unsere Zeit:
„Wehret den Anfängen eines reaktionären Staats- und Gesellschaftsumbaus, auf dass sie nicht unumkehrbar werden“, könnte als Leitgedanke von Rudolph Bauer gelten. In UZ vom 25. Oktober 2024 habe ich die ersten Hefte des „Kritischen Wörterbuchs des bunten Totalitarismus“ von Bauer vorgestellt. Nunmehr ist das Heft 4 – Buchstabe T–Z im pad-verlag erschienen.
Mit ziemlich ausdrucksstarken Mitteln stellt Bauer Begriffe vor. Er prüft sie auf ihren aktuellen Gehalt sowie ihre soziale Funktion, die selbst bei unbedenklicher – weil positiv überlieferter – Bedeutung Teil des Verwirrspiels sind, mit dem massenhaft individuelles Bewusstsein im „Land, wo die Kanonen blühn“ (Erich Kästner) desorientiert werden soll. Der Autor will sich nicht mit der Verdrängung der Vernunft der Geschichte abfinden.
Bauer behandelt zwar den einen oder anderen Begriff als Ausfluss eines politischen Systems, das der Aufklärung immer feindlicher gesinnt ist, bleibt aber nicht beim Ursprung des Begriffs oder der Erscheinung stehen. Er fragt danach, was aus der Sache geworden ist und wie man sie heute klassenmäßig charakterisieren muss. Eigentlich will der Autor nur sagen, was ist. Mag sein, dass er dabei manchmal „überspitzt“, doch das schärft den Blick für so manchen höheren Blödsinn, der heute als Sophismus die Runde macht. Das alles wurde mit wissenschaftlichem Sinn zusammengetragen und ist keinesfalls als außerhalb der Wissenschaft stehend zu betrachten, obwohl es nicht selten satirisch dargeboten wird. Etwa die Stichworte „Terrorist“: „Beispiel für die Personalisierung gesellschaftlicher oder politischer Widersprüche und Konflikte“ oder „Unternehmensverantwortung“: „Der Begriff verschleiert die dem Gewinnstreben geschuldete Verantwortungslosigkeit von Wirtschaftsunternehmen, indem sie deren ‚Verantwortung‘ gegenüber der Gruppe der Shareholder und Stakeholder betont.“ Das letzte Stichwort lautet „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“. Verwiesen wird auf „Völkerverständigung“. Dort wird der Bundesregierung aufgrund gezielter Feindbildproduktion eher das Gegenteil bescheinigt. Ein häufig gebrauchtes Wort in der Politik ist das Wort „Wir“. Bauer schreibt dazu: „fester Bestandteil des demagogischen Wortdings und wirkt wie ein ‚Zauberwort‘.“
Es macht Spaß, in dem Wörterbuch zu stöbern. Und nicht selten sagt man sich: Das wolltest du schon lange einmal sagen.
Rudolph Bauer
Kritisches Wörterbuch des Bunten Totalitarismus
Heft 4: T–Z
pad-verlag, 110 Seiten, 7 Euro, pad-verlag@gmx.net
Quelle: Unsere Zeit

