Töne teilen

Zeitung der Arbeit

Übernommen von Zeitung der Arbeit:

Angine de Poitrine und die anderen

Was macht die Anziehung des ziemlich kunstaffinen kanadischen Rockduos Angine de Poitrine aus, das in seltsamen, gepunkteten Kostümen auftritt und mit einem noch viel seltsameren, ebenfalls gepunkteten, Instrument daherkommt? Gitarrist Khn verwendet eine Doppelhalsgitarre, die eine Kombination aus Bass und Gitarre ist. Die Hälse haben dabei eine mikrototale Bundierung, welche die Oktave statt in 12, in 24 Töne – mit gleichem Abstand – unterteilt. Zwischen den Halbtönen liegt dann jeweils ein Viertelton. Das erlaubt das Spielen von Basslinien und Melodien, die neu, faszinierend und unbekannt sind.

Handelt es sich dabei aber wirklich um eine musikalische Revolution? Das Konzept der Vierteltonmusik ist nicht neu und dennoch birgt es große Sprengkraft. Für die elektronische Musik liegt das ebenso nahe, wie für „Gitarrenmusik“. Synthesizer beherrschen schon lange die Mikrotonalität. Als Pionier auf dem Gebiet kann Jörg Mager angesehen werden. Der Schöpfer elektronischer Musikinstrumente war an der Revolution und der Räterepublik in München 1918/19 beteiligt. In seiner Schrift „Vierteltonmusik“, aus dem Jahr 1918, schildert er sein Instrument folgendermaßen: „Mein V.T.-Harmonium (…) ist zweimanualig; das Obermanual lässt seine Töne um einen Viertelton höher erklingen, man hätte sie natürlich auch um einen viertel Ton tiefer stimmen können, das Unter- oder Hauptmanual hat das herkömmliche Halbtonsystem.“

Der Viertelton geht auf die griechische Antike zurück, wo im enharmonischen Tongeschlecht, entgegen dem diatonischen und chromatischen Tongeschlecht, ein mittlerer Ton zwischen e und f ausgemacht wurde. In der Renaissance – das Feld erbitterter Klassenkämpfe zwischen Adel und aufstrebendem Bürgertum, sowie der abhängigen Bauernschaft – hat man den Viertelton wieder aufgegriffen und Instrumente gebaut, die – laut dem Vierteltonforscher Richard Stein – für fis und ges andere Tasten hatten.

Mit dem Durchsetzen der gleichstufigen Stimmung ab dem 18. Jahrhundert wurden die Wogen geglättet. Nach bisheriger reiner Stimmung waren die enharmonischen Töne voneinander unterschieden. Die Temperatur hat jedoch diese Töne in eins gesetzt, so dass der Unterschied von cis und des, dis und es usw. aufgehoben war. Aber nach reiner Stimmung beträgt das Verhältnis von cis und des ca. 88 : 89 und von dis und es, gis und as, ais und b ca. 125 : 128. Auch wenn diese Differenz nicht ganz unbedeutend ist, so konnten die zwei voneinander unterschiedenen Töne jetzt nicht mehr nebeneinander in Erscheinung treten, sondern nur der eine oder der andere.

Heute entsteht offensichtlich eine neue Vierteltonmusik, was hier nur kurz umrissen sein kann. Das Aufeinanderprallen zweier musikalischer Bezugssysteme – das eine aufwärts, das andere abwärts verlaufend – erzeugt eine solche Spannung, dass neue Töne notwendig werden, die sich voneinander unterscheiden. Beispielsweise fehlt ein Ton zwischen e und f, sowie einer zwischen h und c. Die neu einzuführenden Töne sprengen das chromatische System. Es drängen sich überall Vierteltöne zwischen den Halbtönen auf, sodass das vollständige Vierteltonsystem entsteht. Und obwohl das Bedürfnis nach Vierteltönen aus der sogenannten westlichen Musiktradition selbst entspringt, holen sich Musiker die Inspiration dafür aus den verschiedensten Gegenden der Welt. Wie Sänger und Gitarrist Stu Mackenzie von der australischen Psychedelic-Rockband King Gizzard & The Lizard Wizard, der über ein türkisches Zupfinstrument namens Baglama zur Vierteltonmusik fand.

Avantpop Künstlerin Maddie Ashman aus London erzählt kiyimuzik im Mai 2025 wie sie zur mikrotonalen Musik kam: „Eines Tages war ich bei einer Probe. Mein Part bestand nur aus Obertönen auf dem Cello. Mir fiel auf, dass die Obertöne nicht zum Klavier passten, und da machte es bei mir einfach „Klick“. Ich dachte mir: „Wow, warum?“ Ich tauchte tief in die Materie ein und las alles über die gleichstufige Stimmung und das Stimmen von Instrumenten. Ich hörte viel Musik von Michael Harrison und stieß dabei auf die Gitarrenmusik von Tolgahan Çoğulu.“

Und Angine de Poitrine äußern sich zur Mikrotonalität in einem Interview auf Youtube vom 26. Februar 2026 wie folgt: „Nun, eigentlich war es am Anfang, glaube ich, einfach eine Faszination für das, was man als östliche Musik bezeichnet. Und dann (…) mit der Zeit sieht man diese Musik, aber man will sie nicht wirklich kopieren, weil sie nicht zur eigenen Kultur gehört. Also nutzen wir sie auf eine Art und Weise, die eher unsere eigene ist (…). Wir nutzen es einfach dort, wo wir uns wohlfühlen, und so, wie es uns gefällt.“

Dass es mehr Vierteltonmusik in den verschiedensten Erscheinungsformen geben wird, ist so sicher, wie dass es zu vermehrten und verschärften Klassenkämpfen kommen wird. Denn letztlich ist das Aufeinanderprallen der musikalischen Bezugssysteme genau auf das zurückzuführen: Klassenkampf. Wo das Kleinbürgertum ins Proletariat stürzt, bzw. in dieses übergeht, dort macht es sich auch das Musizieren dieser Klasse zu eigen um es mit der eigenen Musik in Übereinstimmung zu bringen. Umgekehrt eignet sich das Proletariat auch die Spielweise des Kleinbürgertums an, aber nicht ohne die ganze Musik zu revolutionieren. Oder wie Björn Torwellen über Angine de Poitrine schreibt: „Vielleicht löst diese Band eine Welle aus, die Mikrotonalität aus dem Avantgarde-Reservat in die Popkultur trägt, und das wäre tatsächlich neu.“

 

Quelle: Zeitung der Arbeit

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