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Kritischer Psychologe

Übernommen von Unsere Zeit:

Am 17. Juli starb Klaus-Jürgen Bruder im Alter von 84 Jahren. Er war einer der Psychologen, die den Menschen in seiner gesellschaftlichen Bestimmtheit verstanden haben wollten. Wesentlich mehr als heute sahen wir Psychologinnen und Psychologen der demokratischen Studentenbewegung in den 1968-er und Folgejahren die einzelne Seele, so verloren und verletzt sie auch immer sein kann, nicht als isoliertes Individuum, sondern in Werden, Reifen, Sein und Vergehen eingebettet in das kapitalistische System, das potentiell die Menschen psychisch und physisch krank macht. Humanismus, politische Weitsicht, fundierte Systemanalyse prägten Lehre, Forschung und Engagement von Klaus-Jürgen Bruder. Viel Kraft widmete er der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP), die sich in bewusster Abgrenzung von berufsständischen Vertretungen der Zunft der Gesellschaftswissenschaftler engagiert und mutig in gesellschaftliche Debatten einbringt, unter anderem durch jährliche Kongresse, die immer heiße Eisen anfassten. In diesem Jahr war das Thema des Kongresses „Rasende Zerstörung – Ursachen und ökonomische, politische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung“. Klaus-Jürgen Bruder griff mit seinem Vortrag „Strategien der Entpolitisierung“ ein sowohl theoretisch als auch praktisch relevantes Thema auf.

Allen jungen Kolleginnen und Kollegen, die gerade jetzt gezwungen sind, sich gegen Angriffe auf ihre Tätigkeit durch die menschenfeindlichen Beschlüsse der Regierung zur Wehr zu setzen, wünschen wir den Mut, die Klugheit und den Kampfgeist von Klaus-Jürgen Bruder.

Mit freundlicher Genehmigung der NGfP drucken wir den Nachruf des Vorstands ab:

Ein Leben im Dienst von Psychologie und radikaler Gesellschaftskritik

Wir nehmen Abschied von einer prägenden Stimme der kritischen Psychologie und Psychoanalyse. Mit Prof. Klaus-Jürgen Bruder verliert die akademische Welt sowie die Zivilgesellschaft einen engagierten Wissenschaftler, einen mutigen Streiter für die Freiheit des Geistes und einen unbestechlichen Denker.

Als langjähriger Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) und Professor an der Freien Universität Berlin prägte er Generationen von Studentinnen und Studenten und beeinflusste die Psychologie in Theorie und Praxis in Deutschland nachhaltig. Klaus-Jürgen Bruder verstand die Psychologie nie als bloße Anpassungswissenschaft, sondern stets als Werkzeug der Aufklärung und der Gesellschaftskritik. In der Tradition Peter Brückners verband er kritische Sozialwissenschaft mit psychoanalytischer Theorie. Damit legte er das Fundament für eine politische Psychologie, die die Verstrickungen von Subjektivität, Macht und Herrschaft radikal in den Blick nimmt.

Der „Diskurs der Macht“ als analytisches Werkzeug

Sein wichtigstes analytisches Konzept war der „Diskurs der Macht“, den er im Anschluss an Jacques Lacan, Michel Foucault und Pierre Bourdieu entwickelte. Er beschrieb präzise, wie mächtige Akteure und Institutionen über Sprache, mediale Bilder und scheinbare „Begründungen“ einen gesellschaftlichen Konsens herstellen, der Herrschaft legitimiert – während die eigentlichen Ursachen wie strukturelle Unterdrückung, fortwährende Ausbeutung und Profitinteressen, systematisch unsichtbar oder „unbewusst“ gemacht werden.

In diesem offiziell-öffentlichen Sprechraum, der unser aller Leben formt, setzen die Herrschenden ihre Deutungen als „vernünftig“, „notwendig“, „wissenschaftlich bestätigt“ oder „zum Schutz aller“ durch. Dieser Diskurs wirkt nicht primär durch Befehl und Zwang, sondern durch Überzeugung, Belehrung, Veranschaulichung und vor allem durch gezieltes Verschweigen und Umdeuten. So übernehmen in der kapitalistischen Klassengesellschaft viele Menschen Parolen, die ihren eigenen Interessen widersprechen, und erleben diese zugleich als „eigene Meinung“.

Narrative wie der „menschengemachte Klimawandel“, das „weltweit gefährliche Virus“, der „russische Angriffskrieg“, „die Befreiung der Palästinenser von der Hamas“ oder die „Befreiung der Frauen im Iran“ sah er dabei nicht als bloße sachliche Begründungen, sondern als ideologische Rechtfertigungsangebote. Sie dienen im Diskurs dazu, den Verrat an den eigenen Interessen vor sich selbst und anderen zu vertuschen.

Unbeugsamkeit und intellektuelles Fundament

Mit diesem scharfsinnigen Analysewerkzeug ausgestattet, scheute Klaus-Jürgen Bruder keine Kontroverse. Wo andere schwiegen oder sich anpassten, erhob er seine Stimme – fundiert, unbeugsam und stets kritisch gegenüber den blinden Flecken der bürgerlichen Diskurstheorie à la Jürgen Habermas. Sein Engagement galt dem Aufdecken gesellschaftlicher Verleugnungsmechanismen und der Verteidigung demokratischer Grundrechte.

Gemeinsam mit seiner im letzten Jahr verstorbenen Ehefrau, der Psychoanalytikerin Almuth Bruder-Bezzel, bildete er über Jahrzehnte ein intellektuelles und persönliches Fundament, das weit über den universitären Rahmen hinaus strahlte. Durch die Organisation von Kongressen, die Herausgabe von Publikationen und seine unermüdliche Vortragstätigkeit – seinen letzten Vortrag hielt er zur grassierenden „Entpolitisierung“ auf dem diesjährigen Kongress der NGfP – schuf er Räume für den freien politischen und interdisziplinären Austausch. Dabei erinnerte er immer wieder an die Worte Peter Brückners: „Nicht zum Frieden, man muss zum Krieg planvoll erziehen.“

Radikale Gesellschaftskritik bis zuletzt

In seinen letzten Lebenswochen trieb ihn die aus seiner Sicht zunehmende „Faschisierung“ in Deutschland um. Dabei sah er nicht die AfD als maßgebliche Triebfeder, sondern einen „imperialistischen Antifaschismus“, der vom NATO-affinen Establishment getragen und befeuert werde – von der CDU bis zur Linkspartei, von den Gewerkschaften über Nichtregierungsorganisationen bis hin zu den Leitmedien. Für ihn galt daher unverändert das Diktum: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.

Mit seinem Tod verlieren wir einen öffentlichen Intellektuellen, der seine Verantwortung für die Aufklärung ernst nahm und sich nie scheute, Haltung zu zeigen. Das kostete ihn bereits in den 1970er-Jahren eine Berufung an die Universität Augsburg, als die bayerische Landesregierung politisch in das Verfahren eingriff.

Seine Arbeiten zur Postmoderne, zur politischen Psychologie und zur Funktion von Ideologien in westlich-kapitalistischen Gesellschaften sind von bleibendem Wert. Er hinterlässt uns die Gewissheit: Eine Psychologie ohne Gesellschaftstheorie ist eine Psychologie ohne historisches und politisches Bewusstsein – sie verkommt zu einer bloß behavioristischen Sozialtechnologie.

Unser tiefes Mitgefühl gilt seinen wissenschaftlichen und politischen Weggefährten sowie allen Angehörigen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber ein richtigeres. Dieses hat Klaus-Jürgen Bruder geführt. Wir werden sein geistiges Erbe bewahren und sein Werk weiterführen. Eine andere Welt ist möglich.

Benjamin Lemke, Conny Stahmer-Weinandy und René Kirschey
Vorstand der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP)

Quelle: Unsere Zeit

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