Übernommen von Unsere Zeit:

Kleine Gesten erhalten die Feindschaft. In einem Berliner Waldstück soll jemand zwei Pistolen versteckt haben. Eine Weile lang observierten „Sicherheitsbehörden“ das „geheime Lager“. Aber niemand kam vorbei, um die Knarren zu holen. Damit wäre die belegbare Geschichte auch schon auserzählt. Doch der Vorfall, der es in einer halbwegs sortierten Medienlandschaft allenfalls in die Meldungsspalte der Lokalzeitung geschafft hätte, wurde im „Zeitenwende“-Deutschland zur Top-Story. Und natürlich wusste das journalistische Spitzenteam von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ auch ganz genau, wer dahintersteckt: Der Russe.
Wer auch sonst? Der Russe ist schließlich gerissen. Anstatt sein Kriegsgerät mit Eisenbahnen, Lastwagen und Flugzeugen durch Europa zu karren, wie es anständige Kriegsvorbereiter machen, verbuddelt er es Stück für Stück im Wald. Und ist es nicht auch der Russe, der schon seit Jahren für schlechte Stimmung und allerlei Drohnen im Land sorgt? Wer braucht noch mehr Beweise?
Aber vielen Unbelehrbaren reicht das nicht. Eine ganze Generation hat keinen Bock aufs Soldatenleben und aufs Sterben schon mal gar nicht, deshalb demonstriert sie zu Zehntausenden gegen die Wehrpflicht. Millionen Deutsche halten nichts von der deutschen „Staatsräson“ und kritisieren Israels Völkermord in Palästina. Und auch die Vorschläge, die Sozialsysteme zu zerschlagen, Krankenhäuser zu schließen und die Renten zu kürzen, um die Hochrüstung Deutschlands zu bezahlen, treffen auf wachsenden Widerstand.
Millionenschwere Werbekampagnen haben es nicht vermocht, die Volksverblödung auf das für die Kriegsbegeisterung notwendige Niveau zu heben. Die Sinnkrise der deutschen Propaganda zeigt sich im unsicheren Lavieren um Begriffe, die ihre Überzeugungskraft längst verloren haben. Übers „Völkerrecht“ spricht man noch ab und zu, aber nicht mehr so gerne, seit die Bundesregierung den Genozid in Gaza und den Krieg gegen Iran unterstützt. Mit der „Demokratie“ und den vielgelobten „Freiheiten“ – etwa der Rede, der Meinung oder der öffentlichen Versammlung – nimmt man es auch nicht mehr so genau. Dass die vielzitierte „historische Verantwortung“ bei den ukrainischen Freunden längst in offene Faschistenverehrung umgeschlagen ist, ist auch nicht hilfreich. Und dann gibt es auch noch den schwierigen großen Bruder jenseits des Atlantiks. Besser man schleimt hinter vorgehaltener Hand.
Und wofür sollen wir jetzt kämpfen? Für einen Krieg, der angeblich den Frieden vorbereiten soll? Dann doch lieber gleich für Frieden mit Russland und China, für Freiheit für Palästina, für gute Löhne und Renten, sichere Jobs und die Verteidigung der demokratischen Rechte. Dass das machbar ist, zeigen die kommenden Aktionstage der Friedensbewegung und der Gewerkschaften ebenso wie die wachsende Zahl der Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die wir an diesem Wochenende auf den UZ-Friedenstagen in Berlin begrüßen. Ganz ohne Räuberpistolen, aber mit vielen Analysen gegen die Märchen, die sich Merz und Pistorius bald nur noch gegenseitig glauben.
Quelle: Unsere Zeit

