Übernommen von Unsere Zeit:

Unsere Entschlossenheit ermöglicht uns, unsere Schwäche in Stärke zu verwandeln – Die SDAJ-Bundesvorsitzende Andrea Hornung machte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des sehr gut besuchten Verbandstreffens der SDAJ auf den UZ-Friedenstagen Mut: Mit konkreten Beispielen von Genossinnen und Genossen, die mit kleinen Schritten großes erreicht haben. Wir dokumentieren die Rede in voller Länge:
Fiete, 18 Jahre alt, aus Kiel, hat eine „Ladung zur Teilnahme an Assessment und Musterung“ bekommen – so steht es auf dem Brief der Bundeswehr. Dabei hatte er im Fragebogen zum Wehrdienst angegeben, dass er kein Interesse an der Bundeswehr hat: Auf der Skala von 0 bis 10 hat er eine 0 angegeben. Und trotzdem wurde er zur Musterung geladen. Also steht Fiete vor zwei Wochen um 7 Uhr morgens vor dem „Karrierecenter“ außerhalb von Kiel. Er wird gefragt, ob er Lust auf Kämpfen mit Waffen und auf Auslandseinsätze hat, und muss sich die Hoden abtasten lassen. Das „Assessment“ und die Musterung, wie es die Bundeswehr nennt, dauern ganze vier Stunden.
Liebe Genossinnen und Genossen,
Fiete aus Kiel ist einer der ersten von tausenden, von hunderttausenden, der zur Musterung geladen wird. Denn die Wehrpflicht soll wieder eingeführt werden. Dabei sind die Musterungen noch gar nicht verpflichtend. Doch das verschweigt die Bundeswehr. Stattdessen spricht sie von einer „Ladung zur Teilnahme an Assessment und Musterung“. Das klingt nicht nach Freiwilligkeit. Das ist der Ton einer verpflichtenden Veranstaltung wie einer Gerichtsvorladung. Die Bundeswehr versucht bewusst, die Schwäche, die Vereinzelung der 18-jährigen zu nutzen und sie trotzdem jetzt schon zur Musterung zu drängen. In Schleswig-Holstein soll getestet werden, was bald verpflichtend im ganzen Land durchgesetzt wird. Denn Deutschland soll bis 2029 „kriegstüchtig“ sein – und dafür braucht man Kanonenfutter, dafür soll die Jugend zu Drill und Gehorsam erzogen werden. Mit Fiete waren vor zwei Wochen viele andere 18-jährige junge Männer am „Karrierecenter“ Kiel, die teilweise Anfahrten von mehreren Stunden in Kauf nahmen. Alle hatten angegeben, dass sie kein Interesse an der Bundeswehr haben – und wurden trotzdem geladen. Doch Fiete bleibt damit nicht allein. Er war beim letzten Treffen des Schulstreikkomitees in Kiel und hat von seinen Erfahrungen erzählt. Bisher ist er noch nicht den Schritt gegangen, selbst zu streiken. Dazu hatte Fiete noch nicht die Kraft, noch nicht das Bewusstsein. Doch jetzt beginnt er, sich zu organisieren.
Die Schriftstellerin Anna Seghers hat einigen ihrer Erzählungen den Titel gegeben: „Die Kraft der Schwachen“. Sie sagt: Da geht es um „ganz unheroische Menschen, die vielleicht schwächlich wirken. Aber sie widersetzen sich, und ihre Weigerung übt dann große Kraft aus“. Fiete aus Kiel ist einer dieser ganz normalen, unheroischen Menschen. Und ein solcher ganz normaler, unheroischer Mensch ist auch Juliette.
Juliette, 23 Jahre alt und aus Frankfurt am Main, hat gerade ihr duales Studium bei der Deutschen Bahn abgeschlossen und arbeitet jetzt bei einem Tochterunternehmen der Bahn, bei DB Systel. Dann kommt die Nachricht: DB Systel soll zerschlagen werden. Wie zehntausende Stellen bei VW, Commerzbank, ThyssenKrupp, Bosch und Mercedes-Benz soll auch ihre Stelle gestrichen werden. Denn die Konzerne wollen ihre Profite erhöhen. Dafür werden Stellen abgebaut, während diejenigen, die Arbeit haben, mehr als acht Stunden am Tag arbeiten und noch später in Rente gehen sollen. Für Juliette heißt das: Unsicherheit, Angst, vielleicht Arbeitslosigkeit. Aber Juliette ist mit dieser Angst nicht allein geblieben. Sie hat sich mit Kolleginnen und Kollegen zusammengeschlossen, hat eine Betriebsjugendgruppe der EVG aufgebaut, und Widerstand organisiert. In Frankfurt sind mehr als 600 Kolleginnen und Kollegen in ihrer Arbeitszeit gegen die Zerschlagung auf die Straße gegangen. Auf einem der Schilder stand: „Das Einzige, was man zerschlagen sollte, sind die Rüstungsgüter auf der Schiene“. Und ihr Protest hat Wirkung gezeigt. Zwei Wochen später erklärt der Vorstand: Die Zerschlagung ist erst mal vom Tisch. Denn die Kolleginnen und Kollegen, die die Zerschlagung allein nicht verhindern konnten, haben sich zusammengeschlossen. Gegen den Stellenabbau muss weitergekämpft werden – aber ein erster Sieg ist errungen. Ja, Juliette ist ein ganz normaler, unheroischer Mensch. Aber sie und ihre Kolleginnen haben sich widersetzt, sie haben die Zerschlagung der DB Systel verhindert, sie haben große Kraft ausgeübt. Das ist es, was Anna Seghers die Kraft der Schwachen nennt – die Kraft der Arbeiterklasse. Als SDAJ und DKP Frankfurt am Main waren wir ein kleiner, aber nicht unerheblicher Teil davon.
Hannes, 29 Jahre alt, aus Bochum, ist Sozialarbeiter. Er hat seine Arbeit pausiert, um sich an der Global Sumud Flotilla zu beteiligen. Vor fünf Monaten ist er an Bord der „Gotico“ gegangen, mit Kurs auf Gaza. An Bord befanden sich lebensrettende Hilfsgüter. Denn die angebliche Waffenruhe besteht nur auf dem Papier. Israel setzt den Krieg, die Besatzung, den Genozid jeden einzelnen Tag fort, mit Unterstützung der USA und Deutschlands. Hannes hat sich entschieden, an der Global Sumud Flotilla teilzunehmen, obwohl er wusste, dass er von der israelischen Armee angegriffen werden könnte, dass ihm Folter droht. Und trotzdem entschied er sich, an Bord der „Gotico“ zu gehen. Es kam schlimmer als befürchtet: Mehr als 1.100 Kilometer vor Gaza, eindeutig in internationalen Gewässern, überfiel die israelische Armee die mehr als 40 Boote.
Diese vorsätzliche Behinderung von Hilfslieferungen ist ein Kriegsverbrechen. Die Besatzungen der Global Sumud Flotilla wurden gekidnappt und verschleppt, unter ihnen auch Hannes. Durch die israelische Armee erfahren sie Schläge, Tritte, werden mit Tasern angegriffen, manche erfahren sexualisierte Gewalt, andere verlieren das Bewusstsein. Das Ziel der israelischen Armee: Den ganz normalen, unheroischen Menschen, die an Bord der Global Sumud Flotilla waren, soll ihre Kraft genommen werden, sie sollen mundtot gemacht werden. Aber es gelingt Israel nicht, und es gelingt auch nicht den deutschen Medien, die kein Wort über die Kriegsverbrechen Israels, über den Genozid verlieren. Der Global Sumud Flotilla ist es nicht gelungen, bis nach Gaza zu kommen. Und dennoch haben sie die Blockade gegen Gaza gebrochen. Weil sich mehrere hundert einfache Menschen – Sozialarbeiter, Ärzte, Journalisten – entschieden haben, den Kurs Richtung Gaza aufzunehmen. Weil Hannes, weil die Global Sumud Flotilla das Schweigen ein weiteres Mal gebrochen hat. Sie haben sich nicht davon einschüchtern lassen, was ihnen droht – denn sie wussten, dass das nichts ist im Vergleich zu dem, was den Palästinenserinnen und Palästinensern jeden einzelnen Tag angetan wird. Sie haben einmal mehr gezeigt, dass die Völker der Welt an der Seite Palästinas stehen. Sie haben ihrem Namen, Sumud, also Standhaftigkeit, alle Ehre gemacht, sie sind standhaft geblieben. Sie haben gezeigt, welche Kraft die Schwachen haben, wenn sie sich vereinen. Viva Palästina!
Liebe Genossinnen und Genossen, bis vor zwei Wochen waren wir noch mit einer Solidaritätsbrigade mit fast 30 Jugendlichen in Havanna, Kuba. Wir waren in einem Land, in dem gerade 7.000 bezahlte Container mit Medikamenten und Lebensmitteln wegen der US-Blockade nicht ankommen. Wir waren in einem Land, in das seit April kein Tropfen Öl mehr gelangt ist. Deshalb ist das Transportsystem auf Kuba zusammengebrochen. Deshalb gibt es gerade mal zwei bis drei Stunden Strom am Tag. Deshalb kann die Kühlung von Lebensmitteln nicht mehr garantiert werden. Und deshalb hat sich die Kindersterblichkeit verdoppelt, sie liegt heute fast auf dem Niveau der USA. Die USA versuchen, Kuba auszuhungern. Seit mehr als 60 Jahren versuchen sie, eine Konterrevolution zu organisieren. Der Krieg, den die USA seit mehr als 60 Jahren gegen Kuba führen, hat allein durch Attentate und Anschläge mindestens 3.478 Leben gekostet – durch die Blockade noch viele, viele mehr. Was die USA auch mit Unterstützung Deutschlands tun, das ist nichts anderes als organisierter Mord, organisiertes Verbrechen im Sinne des Kapitals, gegen eine schwache, kleine Insel mit gerade mal 10 Millionen Einwohnern. Doch Kuba widersteht jeden einzelnen Tag. Die 10 Millionen Einwohner Kubas mögen schwach erscheinen, ihnen hat die Revolution keinen Reichtum gegeben. Aber: Die Revolution hat ihnen Bildung, Menschlichkeit und Würde gegeben. Die Revolution hat die kapitalistischen Verhältnisse über Bord geworfen und dem Volk die Produktionsmittel gegeben. Die Revolution, der Sozialismus hat einfache Menschen, die aus armen Bauernfamilien kamen, zu Heldinnen und Helden gemacht. Heldinnen und Helden, die an Seite der unterdrückten Völker für ihre Befreiung gekämpft haben. Heldinnen und Helden, die das Land alphabetisiert haben, die heute Ärzte in alle Welt schicken und dafür keinerlei Gegenleistung erwarten, die Impfstoffe gegen Krebs und Corona entwickeln und medizinischen Therapien zum Beispiel für Augenkrankheiten anbieten, die es in Deutschland gar nicht gibt, weil sie nicht profitabel sind. Es sind ganz normale, unheroische Menschen, aber es sind gleichzeitig Heldinnen und Helden, die die kubanische Revolution jeden einzelnen Tag verteidigen. Die trotz der schwierigen Situation jeden Tag die Krankenhäuser und Schulen öffnen, das Leben organisieren, die erklären, ihr Land zu verteidigen, und die jeden einzelnen Tag gegen einen übermächtigen Gegner siegen. Ja, Kuba zeigt die Kraft der Schwachen, wenn sie vereint handeln. Kuba zeigt, dass die Schwachen stark werden können. Und ja, mit der Brigade haben auch wir die Blockade gebrochen und haben gezeigt: Auch wenn die Regierungen gegen Kuba sind – die Völker stehen an der Seite Kubas und sagen gemeinsam: Viva Cuba socialista!
Liebe Genossinnen und Genossen, über die Schwachen hat Anna Seghers gesagt: „Es hat solche Zeiten gegeben in ihrem Leben, in denen sie ruhelos unterwegs waren, dann wieder Zeiten, in denen sie offen im Kampf standen“. Fiete, Juliette, Hannes: Sie stehen alle an unterschiedlichen Stellen im Kampf, aber es ist ein gemeinsamer Kampf, der Kampf der Arbeiterklasse und der unterdrückten Völker für ihre Rechte, für den Frieden, für den Internationalismus und gegen den Kapitalismus unserer Zeit. Fiete, Juliette, Hannes, sie zeigen die Kraft der Schwachen. Aber ihre Namen sind auswechselbar. Ich könnte jeden von euch hier nennen: Josy, Golo, Vincent, Mascha, Justus. Wir sind alle schwach, auch ich. Wir sind schwach, unterdrückt, ausgebeutet, erniedrigt. Was uns stark macht, das ist die Organisation, das ist das Klassenbewusstsein, das ist der gemeinsame Kampf. Ja, wir alle sind schwach, aber wir sind entschlossen im Kampf, diese Verhältnisse umzustürzen.
Denn wenn die Schwachen, wenn die Arbeiterklasse ihre Kraft erkennt, dann kann sie die Herrschenden zwingen. Dann können wir, wie bei DB Systel, die Zerschlagung von Betrieben verhindern, dann können wir die Wehrpflicht verhindern, dann können wir die Waffenlieferungen an Israel stoppen. In all diesen Kämpfen entwickeln wir Schwachen unsere Kraft.
Kraft entwickeln, das heißt jetzt: Die Streikkomitees in den Schulen aufbauen, die Streikkomitees in den Städten reaktivieren, mit Schulverteilungen und Umfragen für den nächsten Streik mobilisieren und alles geben, damit der Streik so groß wie möglich wird. Denn es streikt nur ein kleiner Bruchteil derer, die gegen die Wehrpflicht sind. Wir nutzen unsere Kraft nicht aus. Kraft entwickeln, das heißt aber auch: Gegen opportunistische und falsche Vorstellungen in der Bewegung zu kämpfen – also zum Beispiel gegen die Vorstellung, dass wir uns auf eine Regierung verlassen könnten, dass die Politiker das schon für uns regeln würden, und stattdessen deutlich machen, dass wir selbst aktiv werden müssen. Das heißt, gegen die Vorstellung vorzugehen, dass nur sozialistische Kräfte bei den Streiks mitmachen dürften. Kraft entwickeln, das heißt, bei den Sozialprotesten am Tag nach den Schulstreiks deutlich zu machen, dass gegen die Kürzungen zu kämpfen auch heißt, gegen die Aufrüstung zu kämpfen. Kraft entwickeln, das heißt, zum 2. Oktober und 3. Oktober nach Berlin und Stuttgart zu mobilisieren und damit gemeinsam mit der DKP ganz praktisch zu zeigen: Wehrpflicht und Kriegsvorbereitung, das ist keine Generationenfrage. Die Kraft der Schwachen zu entwickeln, heißt, Klassenbewusstsein und Klassenorganisation zu stärken. Das ist unser „Fitnessstudio“.
Fiete, Juliette, Hannes und jeder von uns hier im Raum können unsere Schwäche überwinden, können unsere Kraft spüren, können im gemeinsamen Kampf stark werden. Wenn wir Schwachen unsere Kraft entwickeln, trainieren, dann bilden wir gerade damit den Kern eines antimonopolistischen Bündnisses heraus. Kraft meint dabei: Zusammenlegung der Kräfte, aber auch uns und anderen bewusst machen, gegen wen wir uns in diesem Kampf richten müssen, und wie wir uns dafür organisieren müssen. Dass es die kapitalistischen Verhältnisse sind, die für unsere Lage verantwortlich sind. Im Kampf gegen diese Verhältnisse können wir lernen, dass wir nicht allein sind, und welche Kraft wir haben, wenn wir unsere Lage erkennen und uns vereinen.
Dann können diejenigen, die nicht in Luxusvillen leben, die nicht in Talkshows sitzen, die zwar alle vier Jahre ein Kreuz machen dürfen, aber dennoch nicht entscheiden, was und wie hier produziert wird, die dazu gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um zu überleben, ihre Schwäche überwinden. Dann sind die Schwachen nicht mehr schwach. Das ist die Kraft der Arbeiterklasse, die Kraft von uns. Eine Kraft, die so viel mächtiger ist als ihr Profitstreben, ihre Gesetze und Befehle. Eine Kraft, die hier alles aus den Angeln heben kann. Und zwar die Kraft, mit der wir den Sozialismus erkämpfen werden. In diesem Sinne beginnen wir in den Kämpfen von heute mit der sozialistischen Revolution von morgen.
Quelle: Unsere Zeit

