Übernommen von Unsere Zeit:
Enttäuschung – das Wort fasst wohl am besten die Stimmung zusammen, die nach der ersten Runde von Betriebsversammlungen im VW-Reich von Wolfsburg bis Zwickau herrschte. Als Antwort auf die vagen Andeutungen des VW-Vorstandsvorsitzenden Oliver Blume, die bisher mit Betriebsrat und IG Metall vereinbarte Vernichtung von 50.000 Arbeitsplätzen zur Rettung des VW-Konzerns reiche nicht aus, hatte der Betriebsrat eine Serie von Betriebsversammlungen beschlossen und Vorstandsvertreter dazu eingeladen. Sie sollten gezwungen werden, Butter bei die Fische zu tun, wie man im Norden zu sagen pflegt. Der Versuch ist misslungen. Statt Klartext zu reden, wiederholten die Vorstandsvertreter ihr Mantra: Die Lage sei ernst, die bisherigen Maßnahmen würden angesichts der Absatzschwierigkeiten nicht reichen und alles Weitere sei noch nicht spruchreif.
Für Freitag, wenn diese Zeitung schon gedruckt ist, ist eine weitere VW-Aufsichtsratssitzung angesetzt. Die für ein solches Gremium ungewöhnlich enge Taktung hat ihren Grund darin, dass alle Versuche, in diesem Gremium zu einer gemeinsamen Strategie zu kommen, bisher gescheitert sind. Noch am Montag berichteten Medien, drei verschiedene Vorschläge lägen auf dem Tisch. Am Dienstag hieß es dann mit Verweis auf einen Bericht der „Wirtschaftswoche“, der VW-Vorstand habe – am Aufsichtsrat vorbei – bereits einstimmig beschlossen, vier Werke zu schließen, um Kapazitäten abzubauen. In einem internen Papier sei für die Werke in Emden und Zwickau ein Produktionsende im Jahr 2031 genannt, in Hannover sollen im Jahr 2032 die Lichter ausgehen, in Neckarsulm 2034.
Drei Zahlen, die Vorstand und einige Anteilseigner in den Vordergrund schieben, werden innerhalb des Konzerns mit seinen 600.000 Beschäftigten und gegenüber der Öffentlichkeit rauf und runter gegurgelt: Der Konzern hat Kapazitäten von 12 Millionen Fahrzeugen im Jahr, verkauft aber nur 9 Millionen und muss die überflüssigen Menschen und Maschinen abbauen, weil sie enorme Kosten verursachen. Schon jetzt – dritte Zahl – sei die Umsatzrendite auf 3,8 Prozent gesunken. Das reiche aber weder für die anstehenden Investitionen noch befriedige es die Aktionäre, die anderswo bis zu 7 oder gar 10 Prozent Rendite auf ihr Vermögen erzielen könnten.
Völlig in den Hintergrund gerückt sind dabei drei andere Zahlen, die dabei helfen könnten, ein wenig von der Dramatik herauszunehmen, die offenbar bewusst ins Spiel gebracht wird: Durch die guten Verkäufe der letzten Jahrzehnte hat VW nämlich inzwischen 160 Milliarden Euro Gewinnrücklagen in der Bilanz stehen, schüttete allein im letzten Jahrzehnt 40 Milliarden Euro an seine Aktionäre aus und im ersten Halbjahr 2026 blieben satte 3,1 Milliarden Euro als Gewinn in den Kassen übrig. Existenzbedrohung sieht anders aus.
Die Dramatik wird vor allem von denjenigen ins Spiel gebracht, denen die Grundstruktur des ganzen Konzerns – immerhin der erfolgreichste Autobauer in der Geschichte Europas – nicht passt. Das sind vor allem die tief in faschistischer Vergangenheit verwurzelten Anteilseigner-Familien Porsche und Piëch. Sie hadern seit dem Neustart des einst als „Kraft-durch-Freude“-Werk gegründeten Unternehmens im Jahr 1945 damit, dass der Belegschaftsvertretung sowie dem Land Niedersachsen als Ausgleich für die Errichtung mit geraubten Gewerkschaftsgeldern per Gesetz und Satzung eine für ein kapitalistisches Unternehmen ungewöhnlich starke Stellung gesichert wurde. Sind sich beide einig, kann gegen sie weder ein Werk in Niedersachsen geschlossen noch ein Stellenstreichungsprogramm des jetzt diskutierten Ausmaßes durchgeprügelt werden. Also wollen sie das VW-Gesetz mit Macht – das beinhaltet eine der erwähnten Vorlagen für die Aufsichtsratssitzung – auf die sogenannte „Kernmarke“, also VW selbst, beschränken. Alle anderen Marken – von Audi bis Škoda – sollen unbeschränkt den kapitalistischen Marktgesetzen zum Fraß vorgeworfen werden.
Für den 21. September mobilisiert die IG Metall zu einem bundesweiten Aktionstag in der Automobilindustrie. Klar ist, dass die Beschäftigten weder auf den Vorstand noch auf die im Aufsichtsrat vertretene niedersächsische Landesregierung vertrauen können. Sie müssen auf ihre eigene Kraft setzen – an ihrem Standort, im Konzern und über Volkswagen hinaus.
Quelle: Unsere Zeit

