Übernommen von Unsere Zeit:

Clemens Messerschmid war eine Ausnahmeerscheinung: ein hoch qualifizierter Experte, der eine exakte wissenschaftliche Expertise mit einerpolitischen Analyse verband. Dazu war er ein Aktivist, der sich unermüdlich für die Sache der Palästinenser einsetzte, was er mit der Tätigkeit als Journalist, Publizist und Vortragsredner verband. Entsprechend aggressiv wurde er von zionistischer Seite und Israel-Verteidigern angegriffen.
„Mein Thema ist das Wasser. Und das ist in Palästina von A bis Z ein Politikum“, hat der studierte Hydrologe einmal geschrieben. In der Tat: Der Zugang zu Wasser ist ein unveräußerliches Menschenrecht, aber eben nicht in Palästina, wo die Besatzungsmacht die wichtigsten Wasserressourcen annektiert hat und bestimmt, wer wie viel bekommt – oder auch gar nichts wie jetzt im Gazastreifen. Das ist Teil der genozidalen Kriegsstrategie.
Gegen diese völker- und menschenrechtswidrige Politik hat Messerschmid mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, gekämpft. Er starb viel zu früh im Alter von 58 Jahren am 8. Februar 2023 in Ramallah, der Stadt, die er nach langem dortigen Aufenthalt als seine Heimat bezeichnete.
Aber nicht um das Wasser in Palästina geht es in dem Buch mit Texten von ihm und engen Weggefährten, sondern vorrangig um die deutsche Staatsräson als eine Konstante der deutschen Politik im Zusammenhang mit Juden, Zionismus und später auch Israel. Und deutsche Staatsräson in diesem Zusammenhang bedeutete stets – aus was für Motiven auch immer – Wohlwollen für den Zionismus. Diese Konstante reicht vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Messerschmid untersuchte neben der Geschichte der deutschen Staatsräson auch die ideologische Nähe von deutsch-völkischem Nationalismus und Zionismus.
Aus Staatsräson hatte Kaiser Wilhelm II. schon Kriegsschiffe vor die Küste Palästinas geschickt, die dort die Ansiedlungen der deutschen Templer schützen sollten. Preußen war Vorbild für den damals entstehenden Zionismus. Denn das preußische Militär setzte unter der Parole „gen Osten“ auf Expansion und Kolonisation, was natürlich ohne Krieg, Raub, Annexion und ethnische Säuberung gar nicht möglich war. Im Osten sollte gewaltsam neuer „Lebensraum“ für die Deutschen geschaffen werden. Der Eroberung sollte die „Germanisierung“ folgen. Als Muster diente die Provinz Posen, die in Etappen erobert und annektiert wurde.
Der zionistische Funktionär Arthur Ruppin sah in diesem Vorgang ein nachahmenswertes Vorbild für den Zionismus: „Ich betrachte die Arbeit des Jüdischen Nationalfonds (JNF) als ähnlich wie die der Kolonisierungskommission in Posen und Westpreußen. Der JNF wird Land kaufen, wenn es von Nichtjuden angeboten wird, und es entweder ganz oder teilweise an Juden weiterverkaufen.“ Und der zionistische Raumplaner Otto Warburg fügte über die Vorhaben des Zionismus in Palästina hinzu: „Wir gehen von der preußischen Kolonisationsmethode aus, wie sie in den letzten zehn Jahren von der Ansiedlungskommission praktiziert wurde.“ Und dazu gehörte dann entsprechend der deutschen „Germanisierung“ im Osten die zionistische „Judaisierung“ in Palästina.
Messerschmid beschrieb die Beziehung zwischen deutschem Nationalismus und Zionismus so: „Der Zionismus war demnach eine Reaktion auf den völkischen und zunehmend auch rabiat antisemitischen deutschen Nationalismus – jedoch in Form einer Spiegelung, nicht einer Negation oder Aufhebung dessen völkischen Charakters; in ihm erblickt der deutsche Chauvinismus und Nationalismus sein Spiegelbild. An die Stelle der ethnisch homogenen deutschen Volksgemeinschaft setzte er eine eigene jüdische Volksgemeinschaft. Er ‚erfand‘ – wie es Shlomo Sand ausdrückt – das jüdische Volk und behauptete dessen Existenz als Nation, in scharfer Abkehr vom modernen demokratischen Nationenbegriff. Wie der deutsche völkische Nationalismus beinhaltet der Zionismus als sein grundlegendes Element die Eigenschaft, sich über eine aggressive Abgrenzung nach außen gegenüber anderen Völkern, Nationen und Ethnien zu definieren. Dieser prinzipiell negative Nationenbegriff findet bis heute seine aggressive Anwendung gegenüber den Palästinensern, deren schiere Existenz und Anwesenheit als störend, ja als Bedrohung begriffen wird.“
Messerschmids Buch ist äußerst lesenswert. Wobei die übrigen Texte des Bandes nicht vernachlässigt werden sollen: Hannes Wandts Ausführungen über die Groß-Israel-Strategie; Helga Baumgartens Darstellung des zionistischen Siedlerkolonialismus mit seiner immanenten Gewalt sowie Kerstin Cademartoris sehr persönlicher Blick auf den Menschen Clemens Messerschmid. Das Buch ist nicht nur eine Erinnerung an eine außergewöhnliche Persönlichkeit, sondern vermittelt wichtige Erkenntnisse zum Verständnis dessen, was seit Jahrzehnten im Nahen Osten geschieht und was die deutsche Politik damit zu tun hat.
Clemens Messerschmid
Die deutschen Wurzeln des Zionismus
Zur Entwicklung des Siedlerkolonialismus in Palästina. Mit einem Beitrag von Helga Baumgarten, Palmyra Verlag Heidelberg, 112 Seiten, 18 Euro
Erhältlich unter uzshop.de
Quelle: Unsere Zeit

