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„Operation Ausrottung“ – die systematische, buchstäbliche Vernichtung der Kommunistischen Partei Indonesiens vor 60 Jahren (Teil I)

Kommunistische Gewerkschaftsinitiative - International

Übernommen von KOMintern:

In wenigen Tagen, dem 11. März, jährt sich zum 60. Mal die am Höhepunkt eines der größten Massenmorde nach dem Zweiten Weltkrieg – der systematischen Vernichtung der Kommunistischen Partei Indonesiens und ihrer SympathisantInnen – im antikommunistischen Blutrausch verkündete „neue Ordnung“ in Indonesien. Eine „Säuberung“ genozidalem Ausmaßes. Binnen nicht einmal eines Jahres, mit zeitlichem Schwerpunkt von Oktober 1965 bis Februar 1966,  wurden in Indonesien seinerzeit im Zuge der von der „westlichen Wertegemeinschaft“ tatkräftig (mit)orchestrierten und vorangepeitschten Machtübernahme General Suhartos 1965/66 zwischen 500.000 bis 1 oder 2 Millionen (manche Quellen sprechen gar von 3 Millionen) KommunistInnen, oder was man dafür hielt, in einer an „Hitlers Verbrechen“ gemahnenden „Schlächterei“ (wie die CIA in Dokumenten für den internen Dienstgebrauch formulierte) dahinmetzelte.

Da diese buchstäbliche Vernichtung der seinerzeit drittgrößten kommunistischen Partei der Welt auch heute noch eine „riesige Blackbox“ im kollektiven Gedächtnis, auch der Linken, darstellt, gehen wir aus gegebenem Anlass in einem 2-teiligen Beitrag noch einmal und nochmals ausführlicher als bereits letztes Jahr auf das indonesische Massaker ein, zudem wir diesen Freitag, 27.3., 18.30 Uhr auch einen Themen- und Filmabend veranstalten.

„Die Vereinigten Staaten“, so der US-amerikanische Historiker Bradley Simpson, „zeigten sich über die Massenmorde in Indonesien geradezu begeistert.“ Australiens Premier Harold Holt erklärte seinerseits überhaupt öffentlich: „Nach der Tötung von 500.000 bis eine Million kommunistischer Sympathisanten kann ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass eine Neuorientierung stattgefunden hat.“ Und Deutschlands Botschafter in Jakarta, Kurt Luedde-Neurath, dozierte ohne sich groß ein Blatt vor den Mund zu nehmen in Rahmen eines Vortrags: „Eines können wir von diesem Einschnitt im staatlichen Leben Indonesiens mit Sicherheit sagen: Es war nicht gegen uns und gegen die freie Welt gerichtet. Die Hunderttausenden umgebrachten Kommunisten … hat … die marxistische Linke ausgeschaltet und neue Kräfte freigesetzt. … Die ideologische Offenheit gegenüber dem Westen ist groß.“

„Keinen kümmert das, solange es sich bei den Abgeschlachteten um Kommunisten handelt“

In dieser unsäglichen Traditionslinie rühmten sich noch Jahrzehnte später Staatsmänner von Ronald Reagan bis Helmut Kohlstolz ihrer „Männerfreundschaft“ mit General Suharto, dem Despoten und ‚Garant‘ des festen Bündnisses Indonesiens mit der „freien Welt“. Freilich, das war auch den Verantwortlichen in den Hauptstädten der „westlichen Wertegemeinschaft“ klar, handelte es sich um ein apokalyptisches Massaker. Aber, so ein Indonesien-Experte des State Department in einem Interview trocken: „Keinen [in der westlichen Welt, Anm.] kümmerte das, solange es sich um Kommunisten handelte, die abgeschlachtet wurden.“

Die beispiellose Ausmoderung als „A Gleam of Light in Asia“ (New York Times)

Entsprechend titelte die New York Times nach Ende des „großen Schlachtens“ mit der unverhohlenen Schlagzeile „Ein Lichtschimmer in Asien“ („A Gleam of Light in Asia“). Die „brutale Umgestaltung Indonesiens“zu „einer herausfordernden antikommunistischen Politik unter Suharto“ sei, so die NYT weiter, „gewiss die wichtigste“ in einer Reihe „hoffnungsvoller politischer Entwicklungen in Asien“. Denn, wie der US-Historiker John Roosa den bluttriefenden geopolitischen „Erfolg“ Washingtons auf den Punkt brachte: „Fast über Nacht verkam die indonesische Regierung von einer leidenschaftlichen Stimme gegen Imperialismus und für Neutralität im Kalten Krieg [unter dem in eins mit dem Massenmord an den KommunistInnen gestürzten Präsident Sukarno, Anm.] zu einem stillen, gefügigen Partner der US-Weltordnung.“

Das himmelschreiende Desinteresse der Weltöffentlichkeit an der in der Nachkriegsgeschichte keine Parallelen findenden Schlächterei

Gleichzeitig wunderten sich Journalisten und Amtsträger über das mangelnde Interesse der Weltöffentlichkeit am indonesischen Gemetzel. So etwa staunte der – mit der Schlächterei sympathisierende – australische Indonesien-Experte Robert Elegant noch fast ein Jahr nach dem in der Nachkriegsgeschichte keine Parallele findenden Massakers über „das mangelnde Interesse der Außenwelt am größten Massenmord seit dem nationalsozialistischen Völkermord in Europa und den gegenseitigen Morden, die die Teilung Indiens und Pakistans begleiteten“. Bereits inmitten des Gemetzels hatte sich darob ebenso bereits der deutsche Botschafter Luitpold Werz in Jakarta überrascht gezeigt: „Wenn man sich vergegenwärtigt, dass 86 100 in Hiroshima starben, kann man nur überrascht sein, wie wenig die höhere Zahl der Opfer indonesischer Säuberung hiernach in der Weltöffentlichkeit beachtet wurde“, kabelte er nach Bonn. Und noch heute, so Vincent Bevins in seinem Buch „Die Jakarta-Methode“, stellt die Ausmordung der indonesischen KommunistInnen und ihrer SympathisantInnen weitestgehend eine „riesige Blackbox in unserem kollektiven Wissen“ dar.

Die PKI – die einst größte Kommunistische Partei außerhalb der Sowjetunion und Chinas

Die Kommunistische Partei Indonesiens, PKI, nun – die als integraler Bestandteil des politischen Lebens und des antikolonialen Kurses den links-nationalen Präsident Sukarno unterstützte, von ihm umgekehrt wohlwollend geduldet war und die beide punktuell auch zusammenarbeiteten – war davor mit 3,5 Millionen Parteimitgliedern und 20 Millionen Mitgliedern in den parteinahen Verbänden (darunter der Gewerkschaft SOBSI, der Volksjugend Pemuda Rakyat, der Frauenbewegung Gerwani sowie der Bauernfront BTI, aber etwa auch der Kulturorganisation LEKRA sowie Organisationen der KünstlerInnen und Intellektuellen) die nach der KPdSU und der KP Chinas weltweit drittgrößte kommunistische Partei. Nach Ende der unter maßgeblicher Involvierung Washingtons, Londons, Canberras, aber auch Bonns und anderer geführten „Operasi Penumpasan“ – „Operation Ausrottung“, wie sie das indonesische Militär intern nannte – war sie allerdings nicht nur brachial zerschlagen, sondern ihre Kader und maßgeblichen AktivistInnen betreffend wortwörtlich weitestgehend ausgelöscht.

Indonesien als einst „vordringlichster geostrategischer Planungsschwerpunkt“ Washingtons

Indonesien – was heute nicht minder in Vergessenheit geraten ist – galt maßgeblichen Stimmen der Kennedy- und Johnson-Administration damals wichtiger als Vietnam. Der „Verlust Indonesiens“ (nach dem im Imperialismus-Speak „Verlust Chinas“ 1949), würde selbst einen Sieg in Vietnam entwerten – ja, wie der Nationale Sicherheitsrat in einem internen Memorandum pointierte, als „größter Schlag seit dem Fall Chinas“ gar „einen Sieg in Vietnam bedeutungslos machen“. Entsprechend markierte schon im Jahr der Kuba-Krise, 1962, (und erstem Jahr nach Beginn des Einsatzes des Giftgases „Agent Orange“ in Vietnam) Indonesien den „vordringlichsten Planungsschwerpunkt“ des Nationalen Sicherheitsrats der USA. Und demgemäß war denn auch US-Präsident Lyndon B. Johnson nach den Worten von US-Außenminister Dean Rusk seinerzeit bereits zur „Überzeugung gelangt, dass er am Ende des Tages zu einem größeren Krieg gegen Indonesien bereit wäre“.

Die PKI – Sukarnos „neues Indonesien“ – und die Bandung-Konferenz

Denn die PKI(obgleich nicht an der Regierung beteiligt)war nicht nur integraler Bestandteil der antikolonialen Umwälzung und sozialen Reformen in „Sukarnos neuem Indonesien“ („Nasakom-Bündnis“), sondern auch bei Wahlen immer erfolgreicher. So errang die PKI etwa bereits bei den Regionalwahlen auf Java 1957 fast ein Viertel der Stimmen. Zudem rückte das Land politisch erkennbar insgesamt nach links und war bekanntlich Gastgeber der geschichtsträchtigen Bandung-Konferenz 1955, die mit Recht als Geburtsstunde der „Bewegung der blockfreien Staaten“ gilt. Entsprechend hielt Präsident Sukarno auch deren Eröffnungsrede. Eine eindringliche Rede gegen Kolonialismus, Neo-Kolonialismus, die Rechte der Dritten Welt und Frieden. „Uns eint“, so Indonesiens Staatsoberhaupt, „die gemeinsame Verabscheuung des Kolonialismus, in welcher Form er auch immer auftritt. Uns eint zudem die gemeinsame Verabscheuung des Rassismus. Und uns eint die gemeinsame Entschlossenheit, den Frieden in der Welt zu erhalten und zu sichern.“ Gleichzeitig mahnte er bereits damals die jungen, gerade erstunabhängigen Länder mit klarem Blick und allem Nachdruck: „Und ich bitte Sie eindringlich, denken sie beim Kolonialismus nicht bloß an dessen klassische Form … Der Kolonialismus tritt auch in modernem Gewand auf, in Form von wirtschaftlicher Kontrolle, von geistiger Kontrolle und konkreter physischer Kontrolle durch kleine, aber von außen bestimmte Kreise innerhalb eines Landes. Er ist ein geschickter Feind, der vielerlei Gestalt annimmt. … Wo, wann und wie auch immer er auftritt, der Kolonialismus ist ein Übel, dem ein Ende gesetzt werden muss.“ Im Anschluss an Sukarno brachten dann unter anderem Zhou Enlai, Nehru, Gamal Abdel Nasser und Tito ihrerseits den „Geist von Bandung“ zur Rede.

Im Fadenkreuz Washingtons

Während man mit den Namen Letzterer meist noch breit was verbindet, ist der Sukarnos, obschon eigentlicher Hauptinitiator der Bandung-Konferenz 1955 und „große Figur des Antiimperialismus der Dritten Welt“ (John Roosa) sowie Galionsfigur des „neuen Indonesien“, heute aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend getilgt. Dabei führten die USA den „Kalten Krieg“ in Indonesien seit 1957 zunehmend als „heißen“, päppelte zwei „Rebellen“gruppen für Terroraktionen und Vorstöße auf und flog in CIA-Operationen Bombenangriffe auf das Land, um einen Putsch gegen die in Washingtons Augen zu sehr nach links driftenden Präsidenten auszulösen bzw. das Land gegebenenfalls in seine hunderten Nationalitäten und über 700 Sprachen zu filetieren. Die verdeckten Operationen gerieten jedoch zum Debakel nachdem es Jakarta gelang einen der US-B-26 Bomber abzuschießen und den Piloten und CIA-Agenten Allen Lawrence Pope festzunehmen. Nachdem die USA 1964 per Lügengespinst des sogenannten „Zwischenfalls von Tongking“ den Bombenkrieg auf Nordvietnam ausdehnte, brach Indonesien zudem seine diplomatischen Beziehungen mit Saigon ab und erkannte nunmehr formell einzig mehr die Regierung Ho Chi Minhs in Hanoi an. Hand in Hand mit den Entwicklungen verschärfte Washington – mit Rückenwind seines erfolgreichen Coups des Militärputsches in Brasilien im März 1964 – daraufhin in den Jahren 1964 und 1965 seine Gangart gegen Indonesien (und dessen innenpolitische Balance zwischen zwischen ­„Nationalismus, Religion und Kommunismus“ und außenpolitische Blockfreiheit) weiter. Die CIA erwog seinerzeit unter anderem ebenso, Sukarno in einer Spezial-Operation zu ermorden und erörterte schon „Aktivposten“ für das Attentat.

Der 1. Oktober 1965 – des Westens „Männerfreund“ General Haji Mohammed Suharto übernimmt die Macht

Den sozusagen Casus Belli zum schließlichen Sturz Sukarnos und der Einleitung der „Operation Ausrottung“ („Operasi Penumpasan“), durch die Machtübernahme des militant antikommunistischen, pro-westlichen Despoten General Suharto und dessen buchstäblichem „Liquidierungsprogramm“, gaben dann die bis heute unklaren Geschehnisse in der Nacht vom 30. September zum 1. Oktober 1965 gegen die Befürchtung eines Obristen-Putsches mit Schützenhilfe der CIA gegen Sukarno, dem eine Gruppe junger Offiziere und der Chef der Leibgarde des Präsidenten Oberstleutnant Untung unter dem großspurigen Namen „Bewegung 30. September“ mit der Festnahme ranghoher Generäle zuvorkommen, sprich: ein rechtes Komplott vereiteln wollten. Sechs ranghohe Generäle und ein Leutnant wurden dabei gefangengenommen und aus bis heute undurchsichtigen Gründen getötet. So nebulos, undurchsichtig und dilettantisch die ganze Aktion, so diffus die war auch die Zusammensetzung der „Gerakan September Tiga Puluh“ („Bewegung 30. September“) – unter denen eine Reihe Akteure gerade General Suharto nahestanden. Im Grunde lässt sich seriöser Weise bis auf den heutigen Tag nur in Vincent Bevins Worten konstatieren: „Mehr als fünfzig Jahre später wissen wir immer noch nicht, wer genau die Gerakan 30. September geplant hatte oder was der wahre Zweck des nächtlichen Überfalls war. Was uns vorliegt, ist eine Reihe ernst zu nehmender Theorien“ – die Bevin in seinem vor zwei Jahren auch auf Deutsch erschienen Buch „Die Jakarta Methode. Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt“ denn auch kompakt resümiert und auf ihr Für und Wider erörtert. Außer Zweifel steht indes, so nochmals Bevin, der nächste Teil der Geschichte: „Nach den Ereignissen vom 1. Oktober übernahm Generals Suharto die Kontrolle über das Land und tischte eine Reihe von vorsätzlich, sorgfältig vorbereiteten Lügen auf.“ Unter diesen nicht zuletzt die Mär, die getöteten Generäle seien von Frauen der Gerwani – die aufgrund ihrer Infragestellung der traditionellen Rollen und Stellung der Frauen ein bevorzugtes Hassobjekt der Gegner des „neue Indonesien“ markierten – gefoltert und ihre Genitalien verstümmelt worden. Eine dreiste Propagandalüge, die aus Suhartos überall im Land verbreiteter Rundfunkansprache nicht nur von den noch existierenden Medien des Landes übernommen wurde, sondern auch von westlichen Radio- und Fernsehsendern wild über den Nachrichtenäther verbreitet wurde. 

Quelle: KOMintern

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