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Von oben herab, lustlos, verschnarcht

Übernommen von Unsere Zeit:

1842 schrieb Karl Marx in die „Rheinische Zeitung“: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.“ Im Imperialismus mit seinen Medienmonopolen geht es nicht mehr um Freiheit, sondern um Herrschaft. Gegen unbotmäßige Staaten, zumal China, ist alles erlaubt. Das Publikum darf nicht mitbekommen, dass eine Planwirtschaft die Bundesrepublik locker als Industriemuseum dastehen lässt. Auch wenn der Kanzler dort gerade den Charmeur machte und von „Wandel durch Handel“, wie zu Merkels Zeiten, keine Rede mehr ist, aber auch nicht vom Gepöbel der Baer­bock bis Wadephul. Da ist eine Weltmacht entstanden, und das wurde hierzulande verschlafen.

Dieser Vorspann war nötig, um schildern zu können, wie die hiesigen Staats- und Konzernmedien auf den jüngsten Volkskongress Chinas reagierten, dessen rund 2.900 Delegierte (darunter einige aus Hongkong, Macau und Taiwan) in Peking am 12. März den 15. Fünfjahresplan der Volksrepublik verabschiedeten. Wie immer: Fast alle von oben herab, lustlos, halbgewalkt, verschnarcht.

Arnold Schoelzel 1 - Von oben herab, lustlos, verschnarcht - Fünfjahresplan, Medienkritik, VR China, Weltmacht - Positionen
Arnold Schölzel

Beispiel Schlagzeilen. Um ganz unten anzufangen: „Frankfurter Rundschau“, 5. März: „China rüstet auf, Trump schaut weg: Taiwan droht im Schatten von Iran und Ukraine die Katastrophe“. Gleichauf „Die Zeit“: „China erhebt neue Drohungen gegen Taiwan“. Im Text heißt es: „In den vergangenen Tagen hat die Militäraktivität Chinas in dem Gebiet jedoch abgenommen.“ Schön auch die „Deutsche Welle“: „China rechnet mit weniger Wachstum – Militäretat steigt aber“. Identisch das „Manager-Magazin“: „China erwartet weniger Wachstum und erhöht Militärausgaben“. Einen Sorgfaltsgrad höher die „Wirtschaftswoche“: „Chinas Wachstumsziel sinkt – der Technologiekurs bleibt“.

Es gibt Ausnahmen. Das „Handelsblatt“ analysierte am 4. März: „China will unter verschärften Bedingungen strategisch handlungsfähig bleiben.“ Der „Spiegel“ am 11. März: „Innovation statt Massenproduktion, Milliarden für Halbleiter und KI: Chinas Führung verabschiedet den neuen Fünfjahresplan.“ Und dann veröffentlicht Springers „Welt“ am 12. März ein Interview mit dem Sinologen Markus Taube von der Universität Duisburg-Essen, in dem das bisher Zitierte ziemlich über den Haufen geworfen wird. Kernsätze: „Wir haben oft nicht geglaubt, dass Chinas Ambitionen realistisch sind. Wir haben nur wahrgenommen, dass China ein starker Standort ist, mit niedrigen Arbeitskosten und extrem effizienten Industrieclustern. Aber wir haben nicht geglaubt, dass das Land den Sprung schaffen kann in eine hochgradig innovative Volkswirtschaft.“ Und: „Wir glaubten, dass wir bei der Innovation immer etwas besser und schneller sein würden als die Chinesen. Das war der Kardinalfehler. Inzwischen ist China bei Forschung und Entwicklung schneller als wir.“ Und Taube zählt auf: „Solar- und Windkraft ist uns abgenommen worden. Automobil ist nach China abgewandert. Aus dem Stand hat China Deutschland überholt bei moderner Batterietechnologie. In den nächsten fünf Jahren erwarte ich viel im Bereich Quantentechnologie und Luft- und Raumfahrt, wo China jeweils sehr stark ist.“ Sein Rat: Von China lernen.

So etwas ist im Berliner Regierungsviertel noch nicht angekommen, schon gar nicht in den dort sitzenden Redaktionen. Repräsentativ für sie ist die bräsige Arroganz, die der gerade verstorbene SPD-Programmautor Jürgen Habermas laut FAZ gegenüber China pflegte: „In Amerika werde ich gelegentlich noch zitiert und komischerweise auch in China, aber das kann natürlich an verunglückten Übersetzungen liegen.“ Habermas war auch bei China der bundesdeutsche integrale Gesamtignorant. In China wird wahrscheinlich alles von hier gelesen, in Deutschland wenig von dort – außer, wie über den Volkskongress, zumeist verfälschte Übersetzungen.

Quelle: Unsere Zeit

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