Übernommen von Unsere Zeit:
Seit Monaten haben die Kollegen des Mahle-Werks in Neustadt an der Donau gegen die Schließung und Verlagerung ihres profitablen Werkes in die Slowakei gekämpft. Bei der Urabstimmung Mitte Mai hatten 98,4 Prozent der stimmberechtigten IG-Metall-Mitglieder für einen unbefristeten Streik votiert. Diese extrem hohe Zustimmung war Ausdruck der Entschlossenheit, des Mutes und des Zusammenhalts der Belegschaft, die Schließung durch Kampf zu verhindern. Doch nach nur wenigen Tagen wurde der Streik beendet. Vereinbart wurden Abfindungen, die Schließung bleibt. Rund 400 Arbeitsplätze sind für die Region, für die Familien, für die Jugend verloren.
Beschäftigte aus anderen Werken zeigten Solidarität. Sie wollten damit ein Zeichen gegen die bundesweit stattfindenden Werksschließungen setzen. Umso größer ist nun die Enttäuschung. Die Schließung in Neustadt zu verhindern wäre ein wichtiges Signal für die vielen anderen Werke gewesen, die aktuell von Arbeitsplatzvernichtung bedroht sind.
Es stellt sich die Frage: Wann wird überhaupt noch erfolgreich für den Erhalt von Standorten und Arbeitsplätzen gekämpft? Es gibt durchaus Beispiele, in denen Belegschaften Werkschließungen verhindern, aufschieben oder zumindest verzögern konnten. Solche Kämpfe sind schwierig, aber nicht aussichtslos. So haben die Kollegen von Audi Neckarsulm 1975 die Werkschließung verhindert – dieses Werk gibt es auch 50 Jahre später noch. Ein weiteres Beispiel ist die Belegschaft von KBA-Metalprint in Stuttgart-Feuerbach, die seit vielen Jahrzehnten verhindern, dass das Werk geschlossen wird.
Die Mehrheit der Mahle-Beschäftigten in Neustadt hat das Verhandlungsergebnis angenommen. Aber mehr als 40 Prozent der Kolleginnen und Kollegen haben trotz der Empfehlungen von Betriebsrat und IG Metall für die Fortsetzung des Streiks gestimmt. Der Wunsch, den Erhalt des Werkes durchzusetzen, war offenbar groß.
Gerade jetzt, wo in der Automobil- und Zulieferindustrie ein Werk nach dem anderen geschlossen wird, ist es an der Zeit, sowohl über eine Überführung von Schlüsselindustrien in Gemeineigentum (Paragraph 2 der Satzung der IG Metall) als auch über die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich nachzudenken. Es braucht eine gemeinsame und standortübergreifende Gegenwehr. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Quelle: Unsere Zeit

