Übernommen von Unsere Zeit:

Zweieinhalb Jahre nach dem tödlichen Polizeieinsatz gegen Ibrahima Barry hat am Mittwoch in Duisburg der Strafprozess gegen neun der an dem Einsatz beteiligten Beamten begonnen. Sie sind allerdings nicht wegen Totschlags, sondern nur wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt angeklagt. Der Solidaritätskreis „Justice for Ibrahima Barry“ kritisiert das: „Wie kann es sein, dass die Polizist:innen nicht für den Tod von Ibrahima vor Gericht stehen? Ibrahima wurde zwei Mal getasert und entmenschlichend am Boden gefesselt, so dass er gestorben ist“, sagte Mika, die sich in der Initiative engagiert.
Die Angeklagten sollen Barry, einen 23 Jahre alten Geflüchteten aus Guinea, bei einem Einsatz in einer Geflüchtetenunterkunft in Mülheim an der Ruhr am 6. Januar 2024 getasert, überwältigt und dann gefesselt haben – Hände und Füße zusammen hinter dem Rücken, in Bauchlage, auf dem Boden. Diese Art der Fesselung behindert die Atmung und kann zum Erstickungstod führen. Diese Gefahr sei seit 30 Jahren bekannt, erklärte der Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes dem WDR. Die Staatsanwaltschaft Duisburg wertet diese Fixierung auf dem Boden als nicht gerechtfertigt, unverhältnismäßig und potenziell lebensgefährlich. Laut der Anklage könne den Polizisten keine Schuld am Tod Barrys nachgewiesen werden. Qua Ausbildung hätte den Beamten klar sein müssen, dass die Art der Fesselung tödlich sein kann.
Ibrahima Barry starb kurz darauf im Rettungswagen. Die offizielle Todesursache lautet auf „Kombination aus einem frischen Herzinfarkt und einem lagebedingten Erstickungstod“. Bisherigen Erkenntnissen zufolge soll sein Eigengewicht verhindert haben, dass sich sein Brustkorb ausreichend heben und senken konnte und das Zwerchfell richtig arbeiten konnte. 14 Minuten lang soll Barry so auf dem Boden gelegen haben.
Vor dem Polizeieinsatz soll er in seinem Zimmer „randaliert“ haben. Einem herbeigerufenen Sicherheitsdienst soll es nicht gelungen sein, ihn zu beruhigen. Auch gegen die Polizei soll er sich gewehrt haben. Ibrahima Barry soll an chronischen Lungenproblemen gelitten haben und an dem Tag unter Kokaineinfluss gestanden haben.
Die Angeklagten schwiegen zum Prozessauftakt. Sie lassen sich von gleich 14 Rechtsanwälten verteidigen. Suspendiert ist keiner der Angeklagten. Die 6. große Strafkammer des Landgerichts Duisburg hat zwölf Verhandlungstage bis zum 9. September angesetzt.
Die Familie von Ibrahima Barry nimmt als Nebenkläger an dem Prozess teil. Barrys Schwester wurde das für die Einreise nach Deutschland nötige Visum verwehrt. Erst nach einer Klage, einer Petition an den Bundestag und mithilfe der Botschaft Guineas bekam sie in letzter Minute die Einreiseerlaubnis. „Wir halten das für sehr respektlos, dass der Familie die Visa nicht einfach ausgestellt werden“, kritisiert Mika vom Solidaritätskreis.
Ibrahima Barry Schwester wird unter anderem von Rechtsanwältin Lisa Grüter vertreten. Die Dortmunder Anwältin hatte die Familie Dramé bei dem Polizeimordprozess gegen fünf der Beamten, die an dem tödlichen Einsatz gegen Mouhamed Lamine Dramé im August 2022 in Dortmund beteiligt waren, vertreten. Dieser Prozess hatte mit Freisprüchen geendet. Der Bundesgerichtshof hat die Revision gegen das Farce-Urteil abgelehnt.
Quelle: Unsere Zeit

