Übernommen von Unsere Zeit:

In Peter Hacks’ Zweizeiler „Der Sozialismus“ heißt es über selbigen, er „beweist uns, wo man ihn in neuester Zeit / Abschaffte, seine Unentbehrlichkeit.“ Von dieser und von der Unentbehrlichkeit der Literatur gehen wir aus, und betreiben entsprechend auf den diesjährigen UZ-Friedenstagen, die vom 28. bis 30. August in Berlin stattfinden, ein eigenes Literaturzelt. Ehe am Samstag die unter dem Titel „Diesem Vaterland nicht meine Knochen“ herausgegebenen ausgewählten Hacks-Gedichte in einer musikalischen Lesung vorgestellt werden, eröffnet das Zelt am Freitag, den 28. August, im Anschluss an die große Manifestation für Kuba so schön wie schlau mit Michael Sollorz und seinem Roman „Die Eignung“. Darin verleiten Entbehrung und Verzweiflung des Postsozialismus einen Ostberliner Hausmeister zur paramilitärischen Subversion.
„Widerstand ist Liebe“ heißt es im Anschluss, und die beiden Herausgeberinnen Jara Nasser und Johanna Rothe stellen die Sammlung von Geschichten aus der Palästina-Solidarität vor. Zum Abschluss des ersten Abends gibt es einen Poetry Slam – natürlich ohne Julia Engelmann.
Mit frischer Sachliteratur aus dem CommPress-Verlag wartet das Zelt ab dem Samstagvormittag auf: Gisela Blomberg stellt ab 10 Uhr mit „Alice und Werner Stertzenbach im antifaschistischen Widerstand“ ihre Biografie zweier jüdischer Antifaschistinnen und Kommunisten vor; Credo des Buchs wie des ehrlich gemeinten Antifaschismus überhaupt: „Fest entschlossen, nicht kampflos unterzugehen“.
Im Vorwort von Ralf Hohmann und Manfred Sohn zu ihrer anschließend präsentierten „Streitschrift gegen den reaktionär-militaristischen Staats- und Gesellschaftsumbau – für eine Wende zum demokratischen Fortschritt und zum Sozialismus“ heißt es: „Hinter falschen Fahnen herzulaufen ist in kritischen historischen Lagen lebensgefährlich. Der richtige Begriff kann umgekehrt Leben retten, viele Leben. Also bemühen wir uns mit der ganzen Kraft unseres kollektiven Hirns, das wir ‚Partei‘ nennen, um den richtigen Begriff.“ Wir bleiben bei der nötigen Knochenarbeit am Begriff, wenn wir ab 12 Uhr mit Dietmar Dath über das neue Buch von Sven Tarp zur Künstlichen Intelligenz diskutieren, in dessen erstem Kapitel es heißt: „Diese Technologie wird unser Dasein in fast jeder Hinsicht verändern. Sie verändert bereits die Art und Weise, wie wir produzieren. Und eher früher als später wird sie uns zwingen, uns als Gesellschaft auf radikal neue und hoffentlich bessere Weise zu organisieren.“
Nach der Mittagspause stellt Tobias Kriele „Wo die Zukunft zu Ende ist“ vor, ein deutsch-kubanisches Interviewprojekt mit gewesenen Bürgerinnen und Bürgern der DDR, über ihre Perspektiven auf das sozialistische Projekt und dessen Abbruch 1990. Das Buch schlug in spanischer Übersetzung hohe Wellen auf der sozialistischen Insel und wurde Pflichtlektüre im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas.
Nebst Versen von Hacks komplettieren Franziska Haug, Herausgeberin des Sammelbands „‚bin weiblich, männlich, doppelt‘. Queere DDR-Literatur“ und Olivier David mit „Von der namenlosen Menge – Über Klasse, Wut & Einsamkeit“ den Samstagnachmittag. Am Abend, nach der Friedensmanifestation, wird beim Mojito und mit Fußball(fan)experten Raphael Molter verhandelt, wie die herrschende Infantino-Klasse von Platz und Rängen gekickt werden kann.
Den Sonntag eröffnet Günther Pohl mit „Was dieses Land kann“, dem vierten Band der Reihe „Von der Ordnung der Welt“. Während sich noch wegen dieser oder jener von Pohl verlesenen Glosse die Bosse grämen, nimmt Marlon Grohn die Begriffsarbeit wieder auf: „Imperialismus“ ist nunmehr allgemein zum Schmähwort verkommen und diene als „moralisches Etikett“, wie es in der Ankündigung heißt. Gegen derlei Schindluder wendet sich Grohn mit der lebendigen Wissenschaft des Marxismus.
Aus Österreich kommt Rick Lupert nach Berlin, um seinen zweiten Roman, „Erinnern an uns“, vorzustellen, indem er sich mit einer Kriminal- der Kolonialgeschichte annimmt. Anschließend sprechen David Cacchione (Banda Bassotti) und Stefan Natke über die Antifa-Karawane in den Donbass. „Wozu Literatur in blutrünstiger Zeit?“ fragen Kai Pohl und Vincent Sauer ab 15 Uhr und stellen Prosa und Lyrik gegen den Krieg vor, die im Berliner Magazin „Abwärts!“ publiziert wurden. Im Anschluss und ehe das Zelt abgebrochen wird, liest Ken Merten aus seinem erzgebirgisch-kubanischen Briefroman „Kleiner als drei“ vor.
Quelle: Unsere Zeit

