Übernommen von Pro Asyl:
An Europas Grenzen geraten die Menschenrechte immer weiter unter Druck. Mit ihrem diesjährigen Menschenrechtspreis würdigt die Stiftung PRO ASYL deshalb drei Menschen aus der Türkei und aus Griechenland, die auch unter sehr schwierigen politischen Bedingungen die Rechte von Geflüchteten verteidigen und für Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit eintreten.
Die Stiftung PRO ASYL zeichnet die Menschenrechtsaktivistin Pırıl Erçoban, den Rechtsanwalt Taner Kılıç und den früheren Leiter des UNHCR-Büros in Griechenland, Giorgos Tsarbopoulos, mit dem Menschenrechtspreis 2026 aus. Seit Jahrzehnten stehen sie Geflüchteten zur Seite – gegen Entrechtung, Gewalt und staatliche Willkür.
Bei einer Pressekonferenz am Freitag in Frankfurt am Main sprachen die drei Preisträger*innen über die aktuelle Lage in der Türkei und in Griechenland. Pırıl Erçoban warnte vor wachsender Hetze gegen Geflüchtete und schwindenden Freiräumen für unabhängige Organisationen. Taner Kılıç schilderte, wie Geflüchtete und die, die sie unterstützen, immer weiter kriminalisiert werden. Giorgos Tsarbopoulos machte auf gravierende Mängel bei der Aufnahme Schutzsuchender in Griechenland aufmerksam.
Inhalte der extremen Rechten schädigen Rechtsstaat und Demokratie
„An Europas Grenzen erleben wir Entrechtung und Gewalt. Zugleich erstarkt die extreme Rechte in Deutschland und Europa. Wer die Rechte von Geflüchteten relativiert oder die Inhalte der extremen Rechten übernimmt, beschädigt Rechtsstaat und Demokratie. Unsere Preisträger*innen halten dieser Entwicklung etwas Entscheidendes entgegen: Sie verteidigen Menschlichkeit, Menschenwürde und Menschenrechte“, sagte Karl Kopp, Vorstand der Stiftung PRO ASYL.
Alle drei Preisträger*innen übten scharfe Kritik am neuen Gemeinsamen Europäischen Asylsystem (GEAS). “Mit diesem EU-Migrations- und Asylpakt werden Rechtsverletzungen in einen rechtlichen Rahmen gegossen”, sagte Pırıl Erçoban bei der Pressekonferenz am Freitag in Frankfurt am Main.
“Mit diesem Pakt geht es nicht um Recht, sondern um politischen Einfluss, die Abhängigkeit von Ländern außerhalb der EU wird ausgenutzt”, sagte Taner Kılıç und ergänzte: “Die europäische Asylpolitik wird die Politik der Türkei stark beeinflussen.”
Giorgos Tsarbopoulos sagte: “Mit GEAS schafft Europa eine Illusion der Sicherheit und macht Geflüchtete noch mehr zu Sündenböcken.”
Unterschiedliche Lebenswege der Preisträger*innen
Halima Gutale, Vorsitzende des Stiftungsrats, unterstrich die Gemeinsamkeiten der drei Preisträger*innen trotz sehr unterschiedlicher Lebenswege: “Sie sehen hin, sie widersprechen und sie handeln, auch dort, wo es persönlich schwierig und politisch unbequem wird.“
Pırıl Erçoban hat mit Mülteci-Der eine unabhängige Menschenrechtsorganisation aufgebaut. Sie begleitet Schutzsuchende, dokumentiert Rechtsverletzungen und macht Missstände bei Inhaftierungen und Abschiebungen öffentlich.
Taner Kılıç vertritt Geflüchtete gegenüber Behörden und vor Gerichten. Wegen seines Engagements saß er selbst mehr als 14 Monate in Untersuchungshaft.
Giorgos Tsarbopoulos wirkte als Leiter des UNHCR-Büros maßgeblich an der Reform des griechischen Asylsystems mit. Er dokumentierte staatliche Gewalt gegen Geflüchtete, drängte die Regierung zum Handeln und trug zur Schließung eines Abschiebegefängnisses bei.
Weitere Informationen zur Begründung und zu den Preisträger*innen finden Sie hier. Ausführliche Interviews mit Pırıl Erçoban, Taner Kılıç und Giorgos Tsarbopoulos sind auf der Website von PRO ASYL veröffentlicht.
Zur Situation in Griechenland und in der Türkei
Wie notwendig ihr Einsatz ist, zeigt die Lage in Griechenland. Von 2015 bis Ende 2025 sind nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen auf den Seewegen nach Griechenland mindestens 3.148 Menschen gestorben oder als vermisst registriert worden. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, da viele Unglücke nicht erfasst werden.
Allein über die östliche Mittelmeerroute erreichten seit 2014 rund 1,4 Millionen Schutzsuchende Griechenland – die allermeisten über die Türkei. Mehr als 1.600 Menschen starben oder verschwanden auf diesem Weg. Die tatsächliche Zahl liegt vermutlich deutlich höher.
Im Februar 2026 zum Beispiel starben bei der Kollision eines Flüchtlingsbootes mit einem Schiff der griechischen Küstenwache vor Chios mindestens 15 Menschen. Unter den Geretteten waren zahlreiche Kinder. Die genauen Umstände müssen umfassend und unabhängig aufgeklärt werden.
Auch auf Kreta fehlt es an einer menschenwürdigen Aufnahme. Allein im ersten Halbjahr 2026 kamen nach Angaben der griechischen Menschenrechtsorganisation Refugee Support Aegean 8.552 Schutzsuchende auf Kreta und der Insel Gavdos an. Giorgos Tsarbopoulos berichtet von elenden Behelfsunterkünften, in denen Dolmetscher*innen fehlten. Ohne ausreichende Verständigung können Schutzsuchende weder ihre Fluchtgründe darlegen noch ihren Anspruch auf Schutz geltend machen.
In der Türkei nehmen Hetze und Rückkehrdruck zu. Zugleich werden die Spielräume unabhängiger Organisationen immer enger. Wer Schutzsuchende berät, Rechtsverletzungen dokumentiert oder Betroffene vor Gericht vertritt, gerät zunehmend selbst unter Druck.
Diese Entwicklung lässt sich von der europäischen Politik nicht trennen. Der EU-Türkei-Deal ist ein zentrales Instrument der Auslagerungspolitik. Die Europäische Union setzt darauf, Schutzsuchende von ihren Grenzen fernzuhalten, und wälzt einen Teil ihrer Verantwortung für den Flüchtlingsschutz auf die Türkei ab.
Preisverleihung
Die Stiftung PRO ASYL verleiht den Menschenrechtspreis am Samstag, 12. September 2026, von 14 bis 16 Uhr im Haus am Dom, Domplatz 3, Frankfurt am Main
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Quelle: Pro Asyl

